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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-10-27 · Heft 43 (27.10.1844) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 43 (27.10.1844)
Date
1844-10-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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346 da sind sie nun in frommer Eintracht beisammen, die Schooßkinder des liebe» Herrgotts und die reuigen verlorenen Söhne; alle in feierlichen Gewändern und mit feierlichen Mienen, nur wenige auch in geweihter Stimmung, und geben die aufgespeicherte Andacht eines ganzen Jahres in einem Athem von sich. Mir sind dabri unwillkürlich die tausend steinernen Figuren bei den Wasserkünsten von Versailles eingefallen, die auch nur einmal des Jahres an den Julitagen aus allen Oeffnungen die schönen Wasserstrahlen ausströmen. Man zieht den Hahn auf und die Andacht schießt in kühnen Bogen zum Himmel empor! Im Uebrigen ist Alles wie vor hundert Jahren; ein Summen und Brummen, ein Singen und Sagen ohne einen feierlichen Moment, wo das Gemüth sich sammeln und zur heiligen Stimmung sich erheben könnte. Die Predigt fehlt gar sehr; ich wollte Hr. Sachs wäre schon hier gewesen, — qnand meine! Von tausend Betenden verstehen neunhundert und neunzig gar nicht oder nur sehr dürftig und instinktmäßig ahnend, was von ihren Lippen geht; und wie bald geht diesen die Quelle eigner Empfindungen, die sie den unverstandnen Formeln unterlegen müssen auö, wenn sie überhaupt die Kluft zwischen Herz und Mund auszufüllen bemüht sind. Die übrigen zehn aber werden gewiß thcils durch den schwülstigen sinnlichen Ausdruck, selbst der schönen Gebete und erbaulichen Betrachtungen gestört, theils vertiefen sie sich aus philologischem Interesse in das Formelle der Piutim und nirgends fast ist eine erhebende läuternde Andacht. Eine gute Predigt aber, die das nächste unmittelbarste Gefühl ausspricht, die sich im Kreise ächt menschlicher, ungeschmückter und darum religiöser Empfindungen bewegt, die vom Herzen geht, und die Herzen der Menge elektrisch berührt; sie regt die Andacht an, sie weckt die schlummernde heilige Stimmung der Seele zur Klarheit auf, sie kann Vorsätze nnd Gesinnungen erzeugen, und einen neuen Inhalt in das Dasein bringen. — Mancher Leser wird gewiß darüber lächeln, daß von Berlin aus noch eine Apologie der Predigt nöthig ist. Aber die Predigt ist wirklich hier ein fremdes unbekanntes Ding für die größere Masse; und wenn sich einmal eine in irgend eine kleine Synagoge verläuft, so wissen die Leute warlich nicht wohinaus damit; die einen sehen scheel den neuen Eindringling an, die andern freuen sich über das bloße Factum; alle aber räsonniren um die Form herum, ohne nach dem Gehalt, der Gesinnung oder gar der Richtung, die sich darin ausspricht, zu fragen. Am verflossenen Feste hat einer der soi-disant Candidaten der Theologie, deren es hier sehr viele zu geben scheint, in einer Betstube gepredigt; in den Kreisen, wo man sich um dergleichen überhaupt bekümmert, war alles dessen voll, und doch wußte Niemand mehr davon zu sagen, als wie er sich geräuspert und wie er gespuckt, wie er gestanden und wie lange es gedauert hat. ES ist nicht anders; das Befremdende der bloßen Thatsache hält das Urtheil auf der der Oberfläche der Erscheinung gefangen. Ich bin überzeugt, daß Sachs anfangs auch nur einen überraschenden formellen Eindruck machen, und daß cs sehr lange dauern wird, bevor die öffentliche Meinung für oder gegen seine theologische Nichtung Partei nehmen wird. Und gerade so kann es am leichtesten geschehen, daß der Reiz seiner äußern Begabung, von der man so viel spricht, die gaffende Kritik entwaffnet, und seine Gesinnung einen Sieg feiert, ohne eine Schlacht geschlagen zu haben« — Der jüngere theologische Nachwuchs, der mitunter ein scharfes Auge für die Wirksamkeit und Richtung der fertigen Praktiker hat, ist zudem hier leider sehr schlecht vertreten. Ich kenne nur wenige, die ein bewußtes Streben haben, und die mit einer tüchtigen wissenschaftlichen Vorbildung den innern Drang vereinen, aus theoretischem und praktischem Wege an dem Werke der Befreiung muthig zu arbeiten. Die strebsamen Köpft, die hier ihre Bildung genossen, und vor Jahren in einem engern Kreis nicht ohne thätige Anregung gelebt haben, sind nach allen Winden verstoben; sie suchen Aemter oder bereiten sich für dieselben vor. Der gelehrte Steinschneider ist in Oesterreich verschollen; der strebsame gesinnungsvolle Levy hat in Breslau eine vielseitige wissenschaftliche und praktische Beschäftigung; der ernste, fleißige Cassel arbeitet am Cusari, und bewirbt sich gegenwärtig, wie es heißt, nicht ohne Aussicht, um das Nabbinat von Oppeln in Schlesien; Jolowicz hat schon ein Amt, und läßt seitdem nicht so viel mehr in den Journalen von sich hören. Nö send erg, von den Zürückgebliebencn fast der einzige würdige Vertreter der jungen Theologie, hängt mit wissenschaftlichem Bewußtsein aufrichtig an dem freien Fortschrittsprinzip; er ist nah daran, seine Universitätsstudien zu beschließen, und hat zum Behuf der Doctorpromotion hierftlbst eine Dissertation über die Thargum im der Chronik geschrieben, die ein Theil einer ausführlichen, an interessanten Resultaten reichen, Arbeit über die Thargumim überhaupt, werden soll. — Von den Uebrigen ist wenig Tröstliches zu sagen; es sind dies jene ewig unfertigen und oft unbildsamen Naturen die ohne Uebergang und ohne die vermittelnde classische Vorbildung aus dem polnischen Beth-hamidrasch in die Hörsäle der Akademie hineknspringen. Tausendfältiger Stoff wird ungeordnet in sich ausgenommen, und unverarbeitet herumgetragen: Philosophie, Theologie, Experimental-Physik und Arabisch, werden oft in einem Semester verschlungen und unverdaut herausgegeben. Die alten ungezogenen Gewohnheiten, den Hochmuth und die Absprecherei lassen sie nie; die Sympathieen für die Vorurtheile, die ihnen früher Lebeuselement waren,; verleugnen sie selten; der

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