Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1844)
- Date
- 1844-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566955--1181-2568932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
345 beit für die bürgerliche Gesellschaft ist, ist Gesetz." So findet er „die Forderung gerade vom Standpunkt des Iudenthums aus gerechtfertigt, daß die Religion mit dem Leben ausgeglichen werden müßt." Denn „was die Zeit fordert, ist das höchste Gesetz im Judenthum; für dieses höchste Gesetz sind alle Ceremonien rmr Mittel; das Mittel muß aber dem Zweck überall, also auch im Judenthum weichen," und es ist ganz dasselbe, ob eine aus obigem Grunde nicht langer beizubehattende Ceremonie in der Bibel oder im Talmud vorgeschrieben ist," S. 67. „Daß alle Menschen frei seien, alle Gott erkennen, alle mit freier Lust ihre geistigen und materiellen Kräfte üben und gebrauchen, ist das hohe Ziel; daß der Wahrheit und Gerechtigkeit auf dieser Erde ein Thron gebaut werde, ein Thron, der die niedrigste Hütte eben so gut zieret, als sie den herrlichsten Palast schmückt, ist die von der Zeit und vom Judenthum geheiligte Aufgabe. Daher darf kein Symbol fortan als jüdisches gelten, das den Juden hindert, an der Verwirklichung dieser Aufgabe mit allen seinen Kräften mitzuwirken und mitzubauen," S. 69. Da der Verfasser die messianische Zeit im Sinne der Propheten nimmt, wo Gott und sein Name allgemein erkannt sein, mit andern Worten wo das Judenthum in die Weltreligion aufgchn, jede ihm eigenrhümlicke Symbolik und Ceremonie, jedes ihm besondre Ge- und Verbot aufhören wird, die Welt nach ihm „an die Schwelle" dieser Zeit bereits „angelangt ist", und es unmöglich mehr lange dauern kann, daß sie diese Schwelle überschritten haben wird, so ist nicht wohl begreiflich, was den Verfasser vermocht hat, für diese kurze Periode dem Judenthum Symbole und Ceremonien erhalten wissen zu wollen. Er bleibt aber auch im Resultate seinen Vordersätzen nicht treu, wenn er aus dem Judenthum nur das entfernt wissen will, was den Juden „an dem vollen Bürgersein, an der dem Bürger als solchem obliegenden Pflichterfüllung irgendwie hindert." Weder das Kaporesnoch das Malkesschlagen, weder das Hoschanesnoch das Hamanklopfen, weder das Tafchlich-, noch das Hafdolemachen, ja, die meisten jüdischen Gebräuche hindern an und für sich den Juden nicht an Erfüllung der Bürgerpflichten, sie können auch als „Symbole und Ceremonien" angesehen werden," die sowol den Juden als der Welt Zeugniß ablegen, daß in der heiligen Geschichte die Wahrheit versiegelt und verbrieft ist." Und umgekehrt fragen wir den Verfaßer, der sich sonderbarerweise zum Ritter der Beschneidung aufgeworfen hat, ob er es als in der Aufgabe der Menschheit, also des Judenthums, enthalten betrachtet, daß neugeborne Knaben verstümmelt werden? ob das die Religion mit dem Leben ausgleichen heißt? ob er nicht weiß, daß das bestehende Staatsgefetz die Beschneidung an sich ausdrücklich verbietet? *) wie in seinem Judenthum insbesondre sich Symbol von Ceremonie unterscheidet? Wir könnten noch manche Frage an ihn richten, wenn wir nicht fürchten müssen, einerseits nach dem rabb. Sprichworte für unwissend zu gelten, und anderseits Ihre Geduld zu ermüden, da unser Bericht ohnehin einen kaum zu rechtfertigenden Umfang erlangt hat. Geschichte des Tages. Eisenach, 27.October. Die Protokolle der ersten Rabbinen- Versammlung sind nun (bei Vicweg in Braunschweig) erschienen, und wir stehen nicht an, sie unsern Leesern auf das Angelegent» lichste zu empfehlen. Zwar hat Philippson zanz Recht, daß sie nur ein dürftig es Bild von dem Verhandelten geben, daß gerade di^ tiefsten und geistreichsten Bemerkungen der Redner flüchtig ausgefaßt und auch höchst unvollkommen wieder gegeben sind, womit wir aber auch nicht der Begabung und dem guten Willen des SecretärS zu nahe treten wollen: aber darum sind die gedruckten Protokolle doch eine höchst interessante Gabe, interessant durch dm erleuchteten Geist, der sich bei der großen Mehrheit der Versammlung darin ausspricht, und welcher sie zu wiederholtenmalen, wenn auch mehr inbirect, über den Standpunkt des Talmuds hinweggehen ließ; interessant durch den Freimuth, welche, angrspornt durch die Gesinnung der Versammlung, auch die sonst zurückhaltenden Rabbinen hier bewiesen, und endlich interessant und wichtig für die Israeliten der verschiedensten Ansichten durch das tiefe, tragische Gefühl des Unbefriedigtseins, des SehnenS nach einem bessern Zustande, nach einer schönen Einigung der Lehre mit dem Leben, welches alle dort versammelten Lehrer der Synagoge ergriffen, und von der dringend-nothwendigen Umgestaltung unserer Zustände aufs Neue Zeugniß gibt. Si Berlin. Die hohen Festtage mit dem Glorienschein der Heiligkeit, der alle verhaltene und versteckte Religiosität auf die Oberfläche treibt, sind nun vorüber; sie haben mir eben auch kein tröstliches Bild von dem kirchlich-religiösen Leben dahier beigebracht. Die Synagoge hat ihre zerstreuten, wankenden und schwankenden Glieder zu einer grotesken Masse in sich vereinigt; *) Friedreich, a. a. O., S. 16, C. 11 pr. D. ad 1 Com. de Sicariis (48. 8).