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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-10-27 · Heft 43 (27.10.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 43 (27.10.1844)
Date
1844-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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344 — Weil nun Herr Hirsch die Ueberzeuguug gewonnen, daß es an der Zeit sei, „die Reform des Judenthums in von der Heiligkeit und Reinheit der Sache durchdrungene Hände (!) zu legen," so hält er es für angemessen, unter der Ueberschrift: die wahre Reform „seine individuelle Ueberzeuguug als Grundlage des neuen Judenthums" außzusprechen. Er will nemlich im Gegensätze zu der dahier für unsere Glaubensgenossen beabsichtigten Reform „eine neue Auffassung der Religion" liefern, die nicht blos den „Juden, sondern der ganzen gegenwärtigen Menschheit zu Gute kommt." Sie sind voller Erwartung der Dinge, die da kommen werden; allein ich fürchte, es wird Ihnen gehn wie uns, Sie werden sich in Ihrer Erwartung getäuscht finden. Das neue Judenthum oder die neue Gesammt-Menschheit-Religion des Verfassers beruht auf drei positiven Sätzen. 1) Es gibt einen persönlichen Gott. Dieser wird mir es jedoch verzeihen, wenn ich nach der Beweisführung des Verfassers auf S. 23 ihm unmasgeblich rathen würde, künftig an die Spitze seiner Erlasse folgenden Eingang zu setzen: Wir Gott von der von uns erschaffenen menschlichen Vernunft Gnade ic. rc. Wir gehn aber noch weiter und behaupten, daß mit den vom Verfasser für den Glauben an Gott angeführten Gründen sich nicht nur gleich gut das Gegentheil beweisen laßt, sondern man überdies in einen Cirkel gerath. Er argumentirt nemlich so: „Gott hat den Menschen geschaffen, also auch den Willen des Menschen, folglich wenn der Mensch seinem Willen folgt, (und an Gott glaubt,) folgt er eo ipso Gottes Willen." Will also, schließen wir weiter, der Mensch nicht an Gott glauben, so befolgt er darin Gottes Wille, was sich nicht denken laßt ohne Glauben an Gott; dieser Glaube gestattet aber den Nichtglauben, welcher Nichtglaube wieder zum Glauben führt, der, wie bemerkt, den Nichtglauben zuläßt, welcher jedoch den Glauben voraussetzt rc. Uebrigens beschränkt sich diese Beweisführung auf den Glauben an Gott, und laßt das Dasein Gottes ganz unberührt. 2) Es wallet eine stete Fürsorge Gottes sowol für die Gesammtheit als für den Einzelnen, was daraus gefolgert werden will, daß auch „jeder einzelne Mensch sowohl als jedes einzelne Volk seine Kräfte immerwährend entwickeln und gebrauchen soll, und darin der Beruf des Menschen zu steter Thatkgkeit, Wachsamkeit und Fortschreiten liegt." Hiervon sind wir die Schlüssigkeit einzusehen nicht im Stande. 3) Die jüdische Geschichte ist die „in Frackturschrift, für alle Menschen und Völker als anschauliches Beispiel ihres eigenen Entwickelungsgangs geschriebene Geschichte. Die Bibel ist nichts anders als das Buch dieser Geschichte, woraus jeder Mensch uud jedes Volk seine eigene Geschichte verstehen lernen kann und soll." Dies ist aber gar kein Glaubenssatz, sondern eine bloße Ansicht, welche der eine theilen kann, der andre nicht. Mit gleichem, vielleicht mit beßrem Rechte ließe sich dasselbe von einer Geschichte der französischen Revolution oder des Kaisers Napoleon behaupten. — Das sind die drei Sätze inhaltschwer, aus denen, wenn sie „richtig anerkannt und ihre Consequenzen richtig gezogen werden," die neue Welt- Religion sich ergeben soll; „welch lächerliche Maus," rufen wir mit dem Verfaßer, S. 50, aus. Allein bei dieser Gelegenheit ist uns die auf dem Titel des Büchelchens verheißne Reform im Judenthum abhanden gekommen. Der Verfasser kehrt zu derselben, S. 60, zurück, und führt im Wesentlichen Folgendes aus: „Die Juden sind weder eine Confession noch eine Nationalität, sondern sie sind die gebornen Zeugen der Geschichte", einer Geschichte, die Ihnen noch von oben als dritter Glaubenssatz erinnerlich sein wird. „Hieraus ergeben sich nun die Prinzipien für eine Reform der äußern Gestalt des Judenthums, seines Ceremonials und seiner Symbolik von selbst. Das Judenthum ist immer noch eine eigenthümliche Religion, es ist die Gcfchichtsreligion, oder die Religion der Geschichte vorzugsweise, ihm ist die heilige Schritt kein dogmatisches, sondern das Geschichtsbuch." Die Juden, als „Blutzeugen dieser Geschichtsreligion müssen also in ihrem Cultus (im weitesten, das ganze Leben umfassenden Sinne dieses Wortes) eine Symbolik beibehalten, die geeignet ist, diese Zeugenschaft für die Heiligkeit der Geschichte ihnen und der Welt immer klar und deutlich zu veranschaulichen," S. 64. Allein die bisherige „jüdische Symbolik kann weder in ihrem Prinzkpe, noch in ihrem ganzen Umfange beibehalten werden. Das Prinzip derselben ist das der talmudischen, und wenn man will der ganzen mittelalterlichen Zeit, es ist acht heidnisch." Ihr ist vielmehr der Grundsatz zu unterstellen, „daß des Staats Gesetz Gesetz ist." „Die Zeit hat aber einen Umschwung genommen, es tritt heute die bürgerliche Gesellschaft, und das, was ihr frommt, an die Stelle des sonstigen Staates." Danach würde sich dermalen jener Grundsatz dahin abändern: der bürgerlichen Gesellschaft Gesetz ist Gesetz, von welchem jedoch der Verfasser sich eine Abweichung erlaubt, indem er ihn wiedergiebt: „Das, was eine Ar-

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