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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-10-20 · Heft 42 (20.10.1844) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 42 (20.10.1844)
Date
1844-10-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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339 willkommen, die Mitglieder alle (die Starrorthodoxen waren schon fort) begrüßten ihn, als wollten sie sagen: Du bist ja doch unser aller Vorkämpfer; du hast den Weg der kritischen Forschung, des Fortschrittes im Rabbinismus zuerst uns eröffnet, zuerst die Idee einer lebendigen Fortbildung im Judenthum ausgesprochen. Dieser verdanken wir unser Zusammenkommen, oder vielmehr dessen inneren Gehalt, unser eigentlich Wirken und Streben. Und so ist cs auch! Der »Herold" der Versammlung, wir wollen es ihm nicht nehmen, war allerdings vr. Philippson; ihr Schöpfer aber, der dem Körper den lebendigen Gottes Odem eingehaucht, ist und wird Geiger bleiben! Preußen. '£1 Berlin. Wer wollte jetzt noch behaupten, daß unsere Gemeinde, in ihrem reformationsschwangeren Zustand nur launenhafte künstliche Bedürfnisse sich schafft, und für ihre unklaren reaktionären Gelüste nichts so sehr liebt als jene geheimnißvollen Ragouts, die nicht Fisch und nicht Fleisch sind, jene pastetenartigen Schöpfungen, bei denen der penetrante haut-gout des angefaulten Alten, von der würzigreizenden Sau?e des Modernen übergossen scheint; wer wollte das noch jetzt behaupten, in einem Augenblicke, wo die Gemeinde von einem ganz idealen, künstlerisch-ästhetischen Interesse absorbirt ist, das schwerlich nicht von einem abnormen Zustande erzeugt ist! — ES handelt sich hier nemlich um einen Sänger — zwar nicht für die große Oper aber doch für die Synagoge, und da ist der Berliner KriticismuS recht in seinem Elemente. Drei Bewerber haben bereits Gastrollen gegeben, und dreimal schon hat der Berliner KriticismuS am Freitagabend an den Pforten der alten Synagoge in der Heydereutergasse gueue gemacht, und geschwitzt und Rippenstöße empfangen, um die Bravour-HuldigungSarie an den Sabbat zu hören, und sein Urtheil zu fällen. Die öffentliche Meinung hat dem zuletzt Aufgetretenen, dem Kantor von der Stettiner Synagoge, die Palme gereicht. Da ich weder jenen Gesangproben beigewohnt, noch das Geringste von der Musik verstehe, und es auch leider im Kritisiren noch nicht so weit gebracht habe, um ohne diese, für einen professionirten Recensenten höchst unwesentliche Erfordernisse, ein Urtheil abgeben zu können, so kann ich nur bedauern, daß kein Ludwig Rellstab unter uns ist, der in dieser wichtigen Angelegenheit, in der sich das Interesse der Religion und der Kunst so innig verschmelzen, seine Stimme erhebt, und ich beschränke mich auch nur darauf, die vox populi als ein Echo weiter zu tragen; das öffentliche Urtheil legt den höchsten Maßstab an diese Leistung und hat sich über den Sieger etwa in der Formel fixirt: /^Er hat einen so reinen, klingenden Tenor, wie ihn der große Bader in seiner besten Zeit nur (oder nach einer andern Version kaum) hatte. Rur schabe, dass er mit einer gewissen koketten Zuneigung noch das polnische Element im Gesänge kultivirt, und so den ästhetischen opernhafte» Eindruck wieder halb verwischt." Gegen den letzten Vorwurf muß ich, obwohl ich gestandnermaßen ein völliger Ignorant in der Musik bin, aus Gründen der Orthodoxie und der Aesthetik den Sänger in Schutz nehmen. Was man nemlich als das polnische Element verbannt wissen will, ist im Grunde nichts Andres als der ächte altjüdische Typus des Kirchengesanges, dessen wehmuthSvolle Melodieen uns allen mit der Muttermilch eingeflößt find und die erst unlängst eine rabbinische Celebrität, als die »heiligen Gesänge aus der Urwelt", also als wahrhafte antediluvianische Kunstmonumente, gegen die modernen profanen Compositionen eifrig verthcidigt hat. Und diese klagenden, traurigen Melodiken sind von dem Inhalt unserer Gebete unzertrennlich, sie sind innig zusammengeschmolzrn, und jene von Opfer- und Märtyrrrblut getränkte Poesie athmet diese herzbrechende, seufzende Musik wie ihre cingeborne Seele aus. Ist es nicht dieselbe hinsterbende Sehnsucht nach dem verlornen Vaterlande, die sich in den schmelzenden Tönen, wie in den elegischen Versen der Piutim ausspricht; ist es nicht dasselbe Wehklagen der Gefesselten, dasselbe Wimmern der zur Schlachtbank Geführten, dasselbe Rachegeschrer der Gemarterten, das durch das Wort und den Gesang sich hindurchzieht? — Run, so lange Ihr noch diese unwahre, romantische Motive in Euren Gebeten duldet, warum wollt Ihr sie aus den Melodiken, die jene begleiten, verbannen! Weil sie dem Kunstgefühl, dem geläuterten ästhetischen Bewußtsein widersprechen! O über die zarten, empfindsamen Seelen! Sprechen jene Gebete nicht der Vernunft und der Wahrheit Hohn, die dem Menschen doch wohl eben so hoch stehen als der Geschmack! Ist der Gegensatz zwischen dem gesprochnen lügnerischen Wort und dem Gedanken nicht schneidender und greller, als jene Dissonanz oder Geschmacksverirrung die nur dem gebildeten, künstlerischen Ohr offenbar wird? DaS solltet Ihr doch überdieß, als zartsinnige ästhetische Naturen herausfühlen, daß jene alten, krassen Texte auch die wilde, naturkräftige Strömung des leidenschaftlichen Gesanges bedürfen, wenn sie auch nur den Schein einer entsprechenden Empfindung, eine vorübergehende Aufwallung in Euch erwecken sollen; und daß sie auf den bunten Schmetterlingsflügeln moderner Melodieen nur schwerfällig und lächerlich einherschwebe» werden. — Wahrhaftig, die Sache hat ihre ernsthafte Seite; und diese hat mich unwillkürlich übermannt, da ich doch nur den Lesern eine spaßhafte Geschichte erzählen wollte. Ueberall Halbheiten und ängstliche Experimente! Der gesammte CultuS bedarf einer Reform an Haupt und Glieder». Statt zu einer solche»

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