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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-10-20 · Heft 42 (20.10.1844) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 42 (20.10.1844)
Date
1844-10-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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33S Einen solchen Feuereifer nahm ich bei kaum einem andern Mit- « gliede wahr. Er trieb ihn bis zum Ungestüm, so daß der Präsi- I Lent ihn oft zur Ordnung verweisen mußte, und die Versammlung selbst ein Aergerniß an dieser Ungebührlichkeit nahm. Demohngeachtct waren ihm alle Mitglieder mit der innigsten Achtung zugethan, weil man nicht verkannte, daß sein Ungestümm aus dem Ernste seiner Ucberzeugung, aus der Gluth seines Glaubens, möchte ich sagen, geflossen war; denn der Glaube war auch ohne Zweifel das Charakteristische in der Bodcnheimerschen Natur. Sie reprasentirte gewissermaßen den Supernaturalismus in der Versammlung, den rabbinischen nemlich, der nicht nur an die wörtliche Inspiration der Schrift sondern auch an die Göttlichkeit der Tradition, der sogenannten TWb nc6n und der Gesetze, welche aus Anwendung der 13 talmudischen Kategorien uno abgeleitet werden, glaubt, daher die Wuth BodenheimerS als ein sehr gelehrtes Mitglied der Versammlung ein mosaisches Gesetz für antiquirt zu erklären wagte. Er wäre wohl fähig gewesen, ihn TT&OH zu sein, war ihm die Macht dazu verliehen. Mir war die Erscheinung dieses Mannes auch deßwillen von freudigem Interesse, weil sie mich auf's Neue überzeugte, daß die Orthodoxie doch immer nur das Eigenthum einer beschränkten geistigen Thätlgkeit ist. Denn so scharfsinnig sich auch Bodenheimer zeigte, so lebhaft er auch auf alle Fragen einging; bis zu dem letzten Grunde drang er nie vor, an dem rechten philosophischen Denken, das sich zu den Prinzipien erhebt, fehlte es ihm dennoch; es war in ihm immer eine gewisse Naivität, ein wahrhaft kindlicher Glaube, aber so innig, so tief mit seiner ganzen Natur verwachsen, daß er seine Wahrheit als über allem Zweifel erhaben — auch bei jedem Anderen voraussetzte. — Diesen Standpunkt nahm auch der Rabbine Schott aus Randegg ein; er hatte aber bei Weitem nicht das Anziehende und Ehrfurcht erweckende der Bodenheimischern Physionomie. Seine Gesichtszüge waren vielmehr ordinär, ja sogar etwas pfäffischwohlbchäbig; auch zeigte er bei weitem nicht den lebhaften Geist und den talmudischen Scharfsinn von Bodenheimer. Nur seine Ruhe, das Wohldurchdachte dessen, was er sprach, und sein, wie es schien, sanftes und bescheidenes Wesen machten einen freundlichen Eindruck auf die Zuhörer. Im ganzen bewegte er sich aber doch in einer sehr beschränkten Gedankenregivn und ich möchte den freundlichen Eindruck, welchen er auf das Auditorium (die Versamlung theilte ihn nicht) machte, damit erklären, daß einmal die Anhänglichkeit an das alte, da man mehr aus Nöthi. gung der Verhältnisse, als aus klarer durchdachter Ucberzeugung sich über dasselbe hinwegsetzte, doch noch in dem Herzen vieler unserer Brüder sitzen geblieben, und daß in jener rationellen, oder logischen Versammlung wie sie vr. Philippson nannte, ein Mann, der das orthodexe System mit einer gewissen Geschicklichkeit vertrat, und damit eine gewisse Milde und Bereitwilligkeit zu gemäßigten — das Maas des Herrn Schott ist freilich gar klein — Reformen verband/ etwas Pikantes und für das Publicum Anziehendes haben mußte. — Keines von beiden aber kann ich dem dritten Mitgliede der Orthodoxie, dem Kreisrabbinen Goldmann aus Eschwege (Kurhessen) nachrühmrn; es müßte denn sein, daß sein kläglich - komisches Auftreten in der Versammlung deßhalb von Interesse war, weil es nicht selten zum Lachen anregte. Herr Goldmann ließ sich auf eine dialectische Bekämpfung seiner Gegner — und dies waren, glaube ich, alle Mitglieder, denn selbst die Orthodoxen wollten doch mehr Reformen, als er — gar nicht ein, sondern jammerte und klagte in einem fort. „Leider Gottes! meine Herren!" war gewöhnlich das Wort, mit welchem er seine Expectorationen eröffnete, oder aus welchem diese ihrem Inhalte nach bestanden. Als er einmal mit großem Ungestüm um das Wort gebeten hatte, und man voll Erwartung den Dingen, die da kommen sollten, entgegen sah, da bestand sein ganzer Sermon in der Versicherung, er erinnere sich auch jene Mischnah gelesen und sie so ausgelegt zu haben, wie der Herr Bodenheimer. Wahrscheinlich muß Herr Goldmann, wie ein Landmann, den ich auf der Reise nach Braunschweig sprach, in der Erwartung zur Rabbinen-Versammlung gegangen sein, daß diese es als ihre Hauptbestimmung ansehen werde, durch Bann, und wo möglich auch weltliche Strafen, die vielen Ungehorsamen wieder zur Befolgung der talmudischen Satzungen zurückzubringen; denn sonst bliebe das Erscheinen dieses Herrn ein wahrhaftes Räthsel. So wäre ich denn mit meinen Personalzeichnungen zu Ende, müßte ich nicht noch eines Mannes gedenken, auf welchen das ganze besserstrebesde Israel mit Verehrung blicket, des Rabbinen's I>r. Geiger. Er ist aber Schuld daran, daß ich ihn beinahe vergessen, da er selbst erst am letzten Tage gekommen war. Ich habe mich über dieses späte Erscheinen recht geärgert, denn Geiger hätte bei seinem großen Ansehen gewiß sehr seegensreich in der Versammlung gewirkt.*) Das habe ich gleich bei seiner Ankunft gesehen. Alles schaarte sich um den kleinen Mann mit dem durchdringenden Blicke und dem langen, herabhängenden Haare, wie um einen Heiligen, alles hieß ihn auf das Herzlichste *) Sein Sendschreiben, welches allgemein Befremden erregte, erklärte ich mir damit, daß Geiger, wie Viele, fürchtete, es möchte die Orthodoxie in der Versammlung vorherrschend sein und ein neues Ausschließungssystem ausführen, und daß er diesem daher vermittelnd und versöhnend begegnen wollte.

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