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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-10-13 · Heft 41 (13.10.1844) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 41 (13.10.1844)
Date
1844-10-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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330 geschehe. Wir waren schon im Begriffe Sie zu ersuchen, selbst ÜUend ein Ihnen bellebiges Zeichen für unsere Mittheilungeu 4» wählen, als uns cinfiel, es sei doch besser, uns selbst ein Zeichen, und zwar aus den zwölf himmlischen, auszusuchen, und so ist unsre Wahl, wie Sie sehn, auf das des Schützen gefallen, «« anzudeuten, daß wir gewöhnlich nur als Tirailleurs in der Vorhut für das nachkommende Haupttreffen das Feld zu säubern bemüht sind, wiewol, wenn es sein muß, wir auch in der Kampf- Linie unsrem Manne zu stehn dcnkm. Sie wollen weiter, daß wir Ihnen über die neuesten Briefe des Rabbi Hirsch zu Emden ausführlich unsere Meinung sagen; diesem Verlangen sind wir aber zu entsprechen nicht im Stande. Es war uns schon, und zwar nicht blos stylistisch widerwärtig, gleich auf der ersten Seite der Bezeichnung: Sophismus siebenmal zu begegnen; als wir aber noch zwei Seiten weiter lasen, und fanden, daß es bei dem geschraubten, geistlosen und scheinheiligen Wortschwalle allein auf Entstellung eines geschichtlich kaum bestreitbaren Satzes Holdheims in seiner Autonomie abgesehen ist, daß ein Hirsch, dessen hohle Theorieen sich kaum als Selbsttäuschung entschuldigen lassen, einen Holdheim, ein arger Zelote und Dunkelmensch einen fteisinaigcn Denker und ehrlichen Mann des Zesuitismus zu zeihen den Unverstand oder die Arglist hat, da legten wir das Ouärkcheu bei Seite. Hold he im hatte nachgewiesen, daß die alten Rabbinen den Buchstaben des Gesetzes mit späteren Zuständen in Einklang zu setzen keinen Anstand genommen, und für die heutigen Rabbinen eine gleiche Berechtigung bis zu der Zeit angesprochen, daß das Jndenthum zu einem höheren Stadium der Entwickelung gelangt sein wird, als dasjenige ist, auf welches der Entwickeluugsprozeß des Talmuds es gebracht hat. Hierin sieht der Emdener „das Arkanum der modernen Sophisten", eine „Aequilibrirstange", eine „Harlequinspritschc", eine „Blendlaterne des Phautasmagoraten«, damit soll gesagt sein, daß „die Altrabbinen (?) Schuften (sie) gewesen, die ihr Volk wissentlich um sein Allerheiligstcs betrogen" re. Dieses mit vermeintlichen Witzen, eigentlich gemeinen Schimpstedeu verbrämte, ganz unwürdige Gesalbadrr widerlegt sich kurz und einfach dadurch, daß Holdheim jene Rabbinen in so fern als im Geiste des wahren Judenthums, im Bewußtsein ihrer Berechtigung, im guten Glauben, »ach den unabweislichen Bedürfnissen ihrer Zeit handelnd, darstellt und uachweist. Ein andrer Hirsch, der ebenfalls Rabbiue ist, spricht sich freilich über die Weise, wie die Herren Altrabbinen den Buchstaben des Gesetzes handhabten, etwas weniger glimpflich aus, er will darin, „die Sache beim rechten Namen genannt, nichts anders als einen ganz naiv und unbefangen geübten Betrug gegen Gott" sehn, und rechtfertigt dies wie folgt*): „Sehen wir z. B. nur die Sabbatsgesetze an. Wir sollen an diesem Tage weder arbeiten noch arbeiten laßen. Nun muß aber unser Licht geputzt, unser Ofen geheitzt, unser Essenz herbeigeschafft werden. Das geschieht durch einen Christen. Allein wir dürfen ja auch nicht für uns arbeiten laßen! Die Casuistik ist ein Advocat, sie weiß Gott schon rechtlich um das Seinige zu bringen. Der Christ muß sich beim Ofen wärmen, beim Lichte Etwas arbeiten, vom Essen Etwas bekommen, damit er diese Arbeiten nicht für uns, sondern für sich thue. Ich soll nichts auf öffentlicher Straße tragen. Ohne Taschentuch kann ich aber nicht sein; ich binde mir es um den Leib und Gott hat das Zusehen. Ich soll nicht mehr als zweitausend Ellen gehen von meinem Hause aus; nun muß ich aber viertausend weit gehen. Ich weiß mir schon zu helfen. Ich verberge auf der Hälfte des Weges ein Stück Brod und sage: ich wohne hier. So geht das fort in — Spitzbübereien gegen Gott. Die Worte sind hart, aber die Sache ist noch härter, wenn man sie unbefangen betrachtet. Gegen die Menschen waren die Juden von jeher nur dann Betrüger, wenn sie von den Menschen durch das Verschließen einer jeden rechtlichen Nahrungsquelle zum Betrug gezwungen wurden, gegen Gott waren sie aber wirkliche Betrüger." Zieht man Hirsch von Hirsch. Rabbinen von Rabbinen, und Uebcrtreibung von Uebertreibung ab, oder läßt sie in einander aufgehn, so stellt sich HoldheimS Auffassung als die vermittelnde, richtige, selbst milde und gemäßigte heraus. Einen Fortschritt in den Emdener Briefen können wir jedoch nicht unbemerkt lassen, sie sind nicht an einen „Rebbe Uri« oder „Rebbe Feitel« oder „Feibisch," ja nicht einmal an einen „Feitel" oder „Feibisch lieb«, sondern an einen „lieben Philipp« gerichtet; also nicht genug, daß Rabbi Hirsch seinen Correspondenten nicht beim cjp aufruft, er redet ihn nicht einmal mit dem gewöhnlichen jüdischen Namen an, bedient sich vielmehr als Surrogat gar eines christl. Namens, und schließt sich somit den mpn an, was ein „Jisroel-Mensch« nicht sollte.— Der Haß der Frommen gegen Hrn. Stein nimmt täglich zu; kaum giebt es Verwünschungen und Schimpfworte, die sie sich nicht erlauben, wenn sie von ihm reden. Was er eigentlich gcthan, das ihren Zorn so sehr rege gemacht, wissen wir nicht, und wissen sie wol selbst nicht; sein Hauptverbrechen besteht darin, daß er angefangen, in der Synagoge einige Ordnung und einige deutsche Gesänge unter Abschaffung der entsprechenden hebräischen einzusühren. Dadurch hat er nun zwar *) Dr. Samuel Hirsch, Reform im Judenthum, Leipzig 1644, S. 65.

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