Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1844)
- Date
- 1844-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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323 von einer längeren Reise in diese Gegenden zurückgekehrt bin, und wiederum Gelegenheit gehabt habe, einige tiefere Blicke in das Leben und Treiben unserer Glaubensgenossen zu thun, finde ich Stoff und Anlaß zu dem Berichte, den ich Ihnen versprochen. Sehen Sie Sich indessen gefälligst zuerst auf der Karte den hinausgerückten, der Nordsee abgerungenen Winkel Deutschlands an, von welchem ich rede und vielleicht noch öfters referiren werde. ES wird dieß nicht ganz unnöthig sein, da auch sonst selten etwas von den socialen und religiösen Verhältnissen der Bewohner 'dieses Winkels verlautet und er höchstens dann in Bausch und Bogen genannt wird, wenn vom deutschen Zollsysteme, oder von deutscher Flagge die Rede ist, obgleich er einen kräftigen Schlag Menschen und ein kräftiges, von den Zeitsragen und von den Bestrebungen der Gegenwart durchzucktes Leben in sich birgt. Hier also dehnt sich, meistens von der Lage am Ufer und von einem dankbaren Boden gesegnet, einerseits das Herzogthum Oldenburg aus mit seiner humanen Regierung und seinen, auch den Juden günstigen und die Fortschritte begünstigenden Ansichten, andererseits das kaufmännisch beschränkte Bremen mit seinem kleinen Landgebiete und die hannoverische Landdrostei Stade, bisher fast außer allem Verkehr mit der Welt und, was die dort wohnenden Juden betrifft, fast ganz sich selbst überlassen, ohne Geistlichen, ohne Schulinspection, ohne Einheit, welchem Zustand aber jetzt ein Ende gemacht und von der Negierung nur die alternative Wahl gelassen sein soll, entweder einen eigenen Nabbinen aufzunehmen, oder sich an eines der drei hannöverischen Landrabbinate anzuschließen. In diesen beiderseitigen Gebieten wohnen etwa 230 — 250 jüdische Familien, größtentheils erst eingewandert zur Zeit der französischen Occupation, meistens zerstreut in kleinen Gruppen auf dem Lande und in den Städten, und nur nothdürstig vereinigt zu Synagogengemeinden mit der nöthigen Anzahl (^O). Leider gibt es unter diesen nur sehr wenige Landleute und Handwerker, man müßte denn die Schlächterei zum Handwerke rechnen, denn von dieser, häufig verbunden mit dem Viehhandel, ferner von dem Manufakturgeschäft, und noch einigen Zweigen des Kleinhandels leben hier zu Laude die meisten Juden, und läßt sich auch bei dem stabilen Character, den in Lebensweise und Sitten die hiesigen Juden mit den Bewohnern der Gegend theilen, kaum eine bedeutende Umänderung, trotz den dringenden Anforderungen der Negierungen und trotz der gesetzlichen Beschränkungen, denen der Handel unterworfen ist, sobald erwarten. Wir haben es also hier mit einer Mittelklasse von Glaubensgenossen zu thun, die in der Regel weder reich noch arm, weder, ganz ungebildet noch durch innige Berührung mit der Außenwelt oder durch ein inneres, aufregendes und aufweckeudes Gemeindewesen zum klaren Bewußtsein über das Judenthum und seine gegenwärtigen Fluktuationen gekommen, in sich selbst abgeschlossen, still und ruhig ihrem Geschäfte leben. Von jenen Zuckungen, Kämpfen und Krämpfen, Spaltungen und Partheien, die anderwärts mehr oder minder sich regen, kann natürlich unter diesen Umständen kaum ein schwacher Nachhall bei den hiesigen Juden — trotz der Nachbarschaft Ostfrieslands und Hannovers — sich finden und eben so fehlt es an allen jenen lärmmachenden Manifestationen, die einen Fort- oder Rückschritt beurkunden. Denn daß hier einmal eine Confirmation mit Eclat abgeha?*" wird, dort ein kleiner Chor und deutscher Gesang Anklang findet, daß in manchen Synagogen eine bessere Gottesdienstordnung eingeführt und sogar ein Stück ein «♦ dgl. verabschiedet worden ist, während es in andern noch auf alte Weise, vielleicht aus Mangel an Anregung und an den nöthigen Mitteln, hergeht — wer möchte davon in unfern Tagen noch viel Redens und Aufhebens machen? Ich nicht, ich sehe in solchen und anderen Vorfällen nur dann etwas Bedeutsames, wenn ich wirklich darin einen Fortschritt der Gesinnung und der Denkungsart erkennen kann, wenn sie, wie es nur zu häufig der Fall, keine blos abgedrungenen Concessionen sind, die man der Zeit macht, um sich mit ihr abzusinden, sondern Schöpfungen eines Umschwunges, der über das ganze religiöse Gebiet sich mächtig verbreitet und zu neuen Gestaltungen drängt und der namentlich zugleich das Familienleben umfaßt, und da seinen Ausgang hat und sein Centrum. Denn waS nützt uns im Grund all der Kram von minutiösen gottesdienstlichen Anordnungen und Einrichtungen, mit welchen jüdische Blätter so oft ihre Spalten behaglich füllen, so lange noch das jüdische Familienleben mit seinen häuslichen Sonderheiten davon unberührt bleibt, so lange eS entweder noch mit Stumpf und Stiel im alten Schlendrian festsitzt, kein Jota aufgibt von all dem, was den Israeliten hemmt und hindert in seinen Beziehungen zur Mitwelt, oder aber alles religiöse Leben alle Anzeichen des konfessionellen Bekenntnisses leichtfertig daraus verbannt, damit sich ja durch nichts verrathe, daß hier — ein Jude wohne? Nein! Soll eine nachhaltige, durchgreifende Reform unseres jüdischen Seins und Wesens sich wirklich Hervorarbeiten aus dem tiefen Schutte der Vergangenheit, so muß sie daS- Familienleben vor Allem im Auge behalten, so muß sie hier festen Fuß fassen, und so dem, was öffentlich vorgeht, eine gute Grundlage geben. Und gerade über diesen Punkt habe ich oft interessante Bemerkungen zu machen Gelegenheit gehabt, die mir der Veröffentlichung werth scheinen, weil sich da Symptome zeigen, die von.