Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1844)
- Date
- 1844-09-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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305 -gen Rabbknen an den Gottesdienst macht, übereinstimmt; er hat also durchaus keinen Grund, diesen Anforderungen nicht Praktische Geltung zu verschaffen. Will Hr. Stein sich darauf berufen, daß er hierdurch die Gewissensfreiheit der Starrortho- Loxen in seiner Gemeinde beeinträchtigen würde, so befindet er sich offenbar in einem Jrrthum. Was heißt hier eine Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit? Eine Verhinderung der Alt-Frommen, ihr religiöses Bedürfniß beim Gottesdienste zu befriedigen. Aber die dem Fortschritt angehörende Mehrheit der Gemeinde hat ja auch das Recht, zu verlangen, daß man ihre Gewissensfreiheit nicht beeinträchtige, daß man nicht einen Gottesdienst bestehen lasse, der ihren religiösen Bedürfnissen nicht entspricht; ja eine Beeinträchtigung dieser ist um so größeres Unrecht, weil das, was sie verlangt, der Idee des Fortschrittes an sich, der auch Hr. Stein angrhört, entspricht, und weil sie eben die Mehrheit bildet, die Minderheit also, wie das in jeder Gesellschaft der Fall ist, sich ihren Beschlüssen unterwerfen muß. Von letzterer Solches zu verlangen ist aber um so unbedenklicher, als es ja hier sich nur darum handelt, ob der Gottesdienst in der Haupt-Synagoge im Sinne der Alten oder in dem der Aufgeklärten eingerichtet werden soll; und man ja den ersteren, wie das ganz billig ist, gar nicht verwehren will, ihre Andacht in den Nebensynagogen abzuhalten; demnach ihren religiösen Gefühlen nicht die geringste Gewalt anthut. Nur von diesem Gesichtspunkte aus können wir die Sache der gottesdienstlichen Reform in Frankfurt a. M. ansehen, wollen indeß gern denselben fallen lassen, wenn die Sachlage wirklich eine andere sein sollte. Vom Main. (Corresp.) 3m Jahre 1821 erschienen zu München zwei Hcste einer Zeitschrift, unter dem Titel: „Der Bibelsche Orient", welche jedoch zur Zeit ihres Erscheinens nicht die verdiente Beachtung gefunden, und noch viel weniger verstanden worden sind. Letztes folgt schon daraus, daß der Verfasser, Herr vr. Bernays aus Mainz, kurz nach deren Erscheinen, nach Hamburg berufen ward als — Rabbine, und er dieses Amt zu übernehmen — sich nicht zu scheuen brauchte. Zwar soll Herr Bernays hinterher die Autorschaft abgelehnt und sic einem Hrn. Kalb in München zugewiesen haben. Dem widerspricht aber die Versicherung höchst ehrenwerther und achtbarer Männer, von denen es genügt Creizenach und Heidenheim namhaft zu machen, zu welchen damals Hr. Bernays in enger freundschaftlicher Beziehung gestanden (bei Heiden heim hielt er sich längere Zeit in Rödelheim, einem kleinen Orte in unserer Nähe, auf), wonach er und kein anderer des Schriftchens *) Verfasser ist, und jedenfalls so viel als ausgemacht angenommen werden darf, daß er an solchem mitgearbeitct und es mit z» vertreten hat, wie denn auch di» innige Vertrautheit mit dem Inhalte und Geiste der jüdischen Schriften von de» älteste» bis auf die neuesten Zeiten darüber, daß der Verfasser ein Jude, kaum einen Zweifel übrig läßt. Das Hauptwerk, welchem die beiden bekannt gemachten Hefte als Einleitung dienen sollten, ist nicht erschienen, und dürfte sich vielleicht dereinst als Manuskript finden — im Nachlasse des Hrn. vr. Bernays, Rabbinen zu Hamburg. Unsres Wissens hat derselbe seitdem überhaupt nichts veröffentlicht; wenn wir aber von seinen sabbatlichen Vorträge» hören, daß sie dunkel und schlecht stylisirt sind, so paßt dies ganz zu unserer Annahme, denn Klarheit des Ausdrucks und Reinheit der Sprache gehören nicht zu den Vorzügen des biblische» Orients. Dagegen lassen sich dem Verfasser Gelehrsamkeit, Tiefe und Geist nicht ab sprechen, und vermögen wir bei unserer Unbekanntschaft mit den Schriften und Vorträgen Kannes, Wagners rc. auch nicht zu beurtheilcn, was aus diesen entlehnt und waS ihm eigenthümlich; ist gleich sein Standpunkt ein mystisch.kabbalistischer, so ist dieser doch ein geschichtlicher welcher ihm nicht bloS eine Einsicht in die Entstehung und das Wesen des Judenthums gewährt, sondern ihn solches gleichsam von oben herab übersehen läßt, mit andern Worten, der Verfasser sieht im Judenthum einen zwar wichtigen, aber einzelnen Moment der Weltgeschichte und menschlichen Geistesbildung, eine Fortsetzung früherer religiöser Anschauungen und Zustände, und einen Leiter und Uebergang zu späüren. WaS uns veranlaßt, dem Hrn. Bernays neuerdings unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, ist der Umstand, daß er sich in einem Schreiben an den Rabbinen Trier und die HH.lFuld und Adler dahier, welches diese mit den rabbinischen Gutachten über die BeschneidungSfrage veröffentlicht haben, etwas wegwerfend über die hiesigen Reform- Bestrebungen ausläßt, welche feiner Meinung nach mit der Beschneidung die Vergangenheit, mit dem Messias die Zukunft, und mit dem Talmud, (er schreibt Tradition) die Gegenwart des Judenthums aufgeben sollen. Wir lassen nun zwar Auszüge folgen, welche des weiteren darthun werden, wie der Verfasser des biblischen Orients über dieses alle denkt, da wir jedoch nicht wissen, ob solche sich zur Ausnahme eignen *), überdies fürchten, daß sie, weil umfangender, ungelesen bleiben könnten, so heben wir folgende einschlagende kurze Stellen aus, in welchen er seine Ansichten deutlich genug ausspricht. WaS die Vergangenheit des jüdischen Volks betrifft, bemerkt derselbe, daß „dessen Stammväter kindische Schäfer, dessen Geseyge- *) Beide Hefte-füllen zusammen nicht über zehn Druckbogen. 0 Wir gedenken dieselben später zu grbeu. Red.