Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1844)
- Date
- 1844-09-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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304 krassen Rationalismus vorwirst, und daß Sie die Vernunft zum höchsten Richter in Sachen der Religion erheben. Schweigen und vornehmes Zurückziehcn würde «ur Feigheit und Furcht mit seiner Meinung hcrvorzurücken verrathen, und dazu sind Sie der Mann nicht. Der Reformverein hat diese Streitigkeiten über die Auslegung der Bibel nie Hervorrufen wollen, ich wiederhole, er hat seine Erklärung so abgegeben, wie er glaubte, daß sie auch dem positivsten, wenn nur nicht stupiden, Offenbarungsglauben als Nothwendigkeit erscheinen müsse. Wenn man ihm aber immer und ewig das confuse Gerede von einem positiven Offenbarungsglauben entgegenhält, daß er davor erbeben und erstarren soll, ohne doch sich darüber zu erklären, was denn eigentlich das Positive daran sei, so ist es Zeit genauer darauf einzugehen. Es muß sich zeigen, ob diese Phrase wirklich der Schild der Pallas oder ein stroherner ist. Es muß sich zeigen, ob das Positive des Judenthumcs in Geschichten, oder in seiner Geschichte, in der Art wie es geworden, oder in dem was es geworden, besteht. Ich für meine Person hege nicht den mindesten Zweifel, daß wenn die wörtliche A'usfafsung der erwähnten Stellen der Kern des positiven Offenbarungsglaubens sein soll, eine Reform des Judenthumcs, wo sie auch herkomme, wo sie auch ihren Ausgangspunkt nehmen mag, im Reformverein oder sonst wo, ihn notb- «endig vernichten muß. Indessen was ich hierüber denke, ist ziemlich gleichgültig, es kommt zunächst darauf an, wie Sie die Sache fassen. Ich wiederhole nochmals, ich erwarte zuversichtlich, daß Sie bald eine öffentliche und bestimmte Erklärung darüber abgeben, ob man die erwähnten Stellen wirklich wörtlich nehmen muß, es ist nicht mehr als Ihre Pflicht. Daran werden sich denn noch andere Fragen knüpfen. Bis dahin genehmigen Sie die Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung, welche die Entschiedenheit Ihres Antwortschreibens in mir hervorgerufen hat. Im Juli 1844. Geschichte -e- Tages. Frankfurt a. M. (Corresp.) Spotte wer da will über den fortschreitenden Rabbinismus, über das Schaukelsystem mehrerer neue» Rabbinen, über die Geringfügigkeit der bisherigen sogenannten Reformen. Wir, die wir uns jetzt ebenfalls eines fortschreitenden Rabbinen fteuen und Zeugen der gewaltigen Verbesserungen sind, die in unferm Kreise inS Leben treten, wir bekommen ganz andere Vorstellungen von den hohen Ideen, die ihnen zu Grunde liegen. Wer sich von dem Gesagten überzeugen will, der komme in unsere Synagoge und höre, mit welcher Salbung unser Rabbine am Vorabend des Sabbat Kidusch macht, wol eingedenk der hohen Bedeutung dieses Synagogen-Kidusch für das Seelenheil der fremden Armen, die in einem Zimmer neben der Synagoge gespeist wurden und keinen Wein hatten, und wie durch dieses Kkdusch der Schaden, den das Gesicht etwa durch große Schrittemachen erlitten haben konnte, alsbald wieder reparirt wird. Wie ganz anders ist dieses, nicht vom Vorsänger, sondern vom Rabbinen selbst abgehaltene Kidusch! Welche Weihe und Wunder, kraft erhielt dadurch der vom Priester gesegnete Wein. — Man höre ferner, mit welcher erhebenden Andacht der Rabbine das Schemagebet in der Synagoge laut betet, und zwar nicht nur den ersten Theil, der die Einheit Gottes ausspricht, sondern auch den zweiten, der für die Beobachtung der göttlichen Gebote den Lohn des Regens und der Fruchtbarkeit verheißt, auf die Uebertretung die Strafe des Mangels an Regen, der Unfruchtbarkeit re. setzt, und besonders den dritten, der da gebietet, Schaufadcn mit einer Schnur von dunkler Wolle an die Ecken der Kleider zu befestigen. (Wir haben uns an den Kleidern des Herrn Stein vergebens darnach umgesehen.) In einem ganz besonder« Lichte erscheint aber die hohe Würde des Priesters, wenn Vorsänger und Gemeinde beim Gebet der achtzehn Benedeihungen nJDÜ') schweigend werden, bis der Nabbine mit diesem leisen Gebete ebenfalls zu Ende ist. — Sagt an, sind das nicht bedeutsame Momente in der Geschichte unserer Reform? Nun spreche noch Jemand mit Hrn. Dr. Stern von fortkriechenden Rabbinismus — hier ist gewiß nichts Kriechendes zu finden. Dank dem Himmel, daß unsere Erwartungen endlich in Erfüllung gehen und das Judenthum sich immer mehr vom rabbknkschen Unsinn reinigt. (Bemerkung der Redaction:) Wenn wir diesem wie früheren gegen den Rabbinen Stein gerichteten Artikeln eine Aufnahme in unserer Wochenschrift gestatteten, so gingen wir dabei von folgendem Gesichtspunkt aus: Wenn die dem Fortschritt aufrichtig angehörenden Rabbinen in Beziehung auf die Verbesserung des Gottesdienstes hinter ihren Ideen zurückblieben, so war daran der noch nicht so weit fortgeschrittene religiöse Standpunkt der Mehrheit ihrer Gemeinden schuld, auf welche sie nothwendig Rücksicht nehmen mußten. Herr Stein war aber so glücklich, in eine Gemeinde berufen zu werden, von welcher der allergrößte Theil mit den Anforderungen, welche die aufgeklärte Ueberzeugung der henti-