Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1844)
- Date
- 1844-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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303 bensdurst stillen, das sollte was ganz gewöhnliches, Natürliches sein? Natürlich und übernatürlich, wie leicht gehen unsere Gottesgelehrten mit diesen Worten um. Der unsterbliche Newton sagte in seinem Alter, er wisse von der Natur ungefähr so viel, wie ein Knabe, der am Ufer Muscheln sucht, von den Tiefen des Meeres, und unsere Gottesgelehrten wissen ganz genau, wo die Grenzen der Natur liegen. Woher haben sie denn das Wort übernatürlich? doch wol nicht aus der heiligen Schrift, die von keiner Natur und keiner Uebernatur weiß? Wenn man nun gar unter dem Uebernatürlichen eine Unterbrechung der Naturgesetze verstehen will, so ist es ja leicht zu zeigen und schon hundertmal gezeigt worden, daß das Wort in diesem Sinne einen vollkommenen Widerspruch enthält, und an so dünne Faden will man unsere Rechtgläubigkett anknüpfen! Doch ich mag mich nicht bei diesem Vorposten aufhalten. Der Hauptsache nach wollen Sie doch nur sagen, die Offenbarung müsse so gefaßt werden, wie es der Wortlaut der Bibel verlangt, als eine mechanische Mittheilung von außen. Haltet euch an Worte — es ist der gute Rath des MephistofeleS, und Mephisto ist ein schlauer Politikus, der sehr wol weiß, was er sagt, nur Schade, wenn Männer Ihrer Art ihm unbedacht ins Netz gehen. Wenn wir uns einmal an Worte halten sollen, so werden wir uns auch ganz daran halten müssen. Mit allen den Phrasen von übernatürlichen Eingebungen, Einflößungen, Einwirkungen und wie die Wörter sonst heißen mögen, drücken sich unsere Theologen nur um die Sache herum, man spreche einmal frisch heraus, damit jeder weiß, woran er ist. Die Urkunde über den Eintritt der mosaischen Lehre in die Weltgeschichte ist nicht im Himmel, daß man sagen sollte, wer steigt in den Himmel und holt sie uns, auch ist sie nicht jenseits des Meeres, daß man sagen sollte, wer reiset über das Meer und holt sie uns, sie ist ganz klar und deutlich im Pentateuche ausgezeichnet, und daran wird man sich also halten müssen. Es heißt (nach Luthers Übersetzung): 2. Buch Mos. 19, 18. Der ganze Berg Sinai aber rauchte, darum, daß der Herr herab auf den Berg fuhr mit Feuer.... 19. Und der Posaune Ton ward immer stärker. Mose redete und Gott antwortete ihm laut. 20. Als nun der Herr hernieder gekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seiner Spitze, forderte er Moses oben auf die Spitze des Berges, und Mose stieg hinauf. 20, 1. Und Gott redete alle diese Worte: V. 2. Ich bin der Herr u. s. w. - 21. Also trat das Volk von ferne, aber Mose machte sich hinzu ins Dunkele, da Gott innen war. 24, 1. Und zu Mose sprach er: Steige herauf zum Herrn, du und Aaron, Nadab und Abihu, und die siebenzig Aeltesten Israels und betet an von ferne. V. 2. Aber Mose allein nahe sich zum Herrn und laß jene sich nicht herzu nahen... - 9. Da stiegen Mose und Aaron, Nadab u. Abihu und die siebenzig Aeltesten Israels hinauf; - 10. Und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie schöner Saphir und wie die Gestalt des Himmels, wenn er klar ist. - 11. Und er ließ seine Hand nicht über dieselbe Obersten in Israel. Und da sie Gott geschauet hatten, aßen und tranken sie. - 12. Und der Herr sprach zu Mose, komm herauf zu mir u. s. w. Darüber werden Sie sich nun mit bestimmten Worten zu erklären haben, ob die Rechtgläubigkeit eines Juden von der wörtlichen Auffassung dieser Stellen abhängt. Sie haben den Reformfreunden, weil diese die erwähnten Stellen nicht wörtlich zu nehmen scheinen, vorgeworfen, daß sie an keine göttliche Offenbarung glauben, daß sie die Vernichtung alles Offenbarungsglaubens offen oder versteckt zum Ziele ihres Strebens machen; Sie werden diese Anklage zu erhärten haben. Denn „du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider deinen Nächsten" ist auch ein Theil der Offenbarung am Sinai; Sie werden beweisen müssen, daß Sie nicht dagegen gesündigt haben. Wenn Sie aber nur ein einziges Wort in den erwähnten Stellen anders als in seinem einfachsten Sinne nehmen, weil Ihre Vernunft es so will, so haben Sie verloren, so werden Sie es auch jedem Anderen gestatten müssen, sich nach seiner Einsicht zugleich mit der Bibel und seiner Vernunft abzufinden, so werden Sie es auch Keinem, der noch strenger als Sie an das Bibelwort halt, verargen können, wenn er von Ihnen dasselbe sagt, was Sie von dem Reformverein sagen, so werden Sie es dulden müssen, daß er auch Ihnen