Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1844)
- Date
- 1844-09-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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299 sichten unvereinbarlich Ist und ihre Verehrer den Andersdenkenden unter einem sehr sonderbaren Licht erscheinen laßt. Zu diesen Ansichten, wenigstens zu dem Prinzip, welches ihnen zu Grunde liegt, bekennt sich der bei weitem überwiegende und bessere Theil der Gemeinde. Herr Nabbine Stein steht, wir müssen es zu unserem Bedauern bekennen, bei weitem noch nicht aus diesem rationellen Standpunkte, sein Prinzip ist nicht, die Hemmungen zu beseitigen, welche das Judenthum, wie solches in dem unlautern Talmud sich darstellt, dem bürgerlichen Leben auf allen Schritten in den Weg legt, sein Streben scheint es nicht zu sein, die Ruine, welche wir bewohnen, wieder wohnlicher zu machen. Herr Stein scheint vielmehr mit einigen unbedeutenden Formen die alte und dem größten Theile der Jugend unverständliche Liturgie ausstatten, auch wol einige Gebete, welche zu den Zeiten des Druckes entstanden sind und von der damaligen Gemüthsstimmung der Israeliten Zeugniß geben, als unzeitgemäß abschafsen, und dann nach so vollbrachter Reform die Hände in den Schooß legen zu wollen. Das ist jedoch nicht die Reform „in Haupt und Gliedern", welche uns so Roth thut, wenn das Judenthum nicht einer Auflösung entgegeneilen soll, das heißt vielmehr einem Leichnam ein Mäntelchen umhängen, in der Meinung, daß man ihn hierdurch wieder belebe. Wenn irgend ein Nabbine ein für die eigentliche Reform günstiges Terrain hat, so ist es Herr Stein, der mit einer angenehmen Redegabe und mit hinreichenden Kenntnissen auSgestattet, an der Spitze einer Gemeinde steht, welche seit vielen Jahren sich durch Freisinnkgkeit und durch die Zahl ihrer Kapazitäten auszeichnct. Möge dies Herr Stein beherzigen und den Gemeindegliedern, welche ihn berufen haben, aufrichtig die Hand bieten. Wir wollen unter vielen, einen Vorgang erwähnen, welcher das oben Gesagte recht anschaulich zu machen geeignet ist. Die Staatsbehörden beabsichtigen den Artikel unserer alten Wechselordnung, welcher die Juden von der Acceptation und Zahlung der Wechsel an Samstagen und Feiertagen befreit, aufzuheben, und die Israeliten auch hierin unter das gemeine Recht zu stellen, da der bisherige Modus vielfache Jnconvenienzen mit sich führte. Wie jede Aufhebung der singulären Judenrechte von der Partei des Fortschritts mit Freuden begrüßt wird, so auch diese, welche ein heutzutage unpassendes Privilegium der Juden, das christlichen Handelsleute schon oft sehr empfindlich war, aushebt und uns unseren christlichen Bürgern gleichstellt. Mehrere orthodoxe Handelsleute fanden indessen die Sache nicht nach ihrem Geschmack, und beabsichtigen, sich an den Senat mit der Bitte zu wenden, es bei dem bisherigen Gesetz zu belassen, da die Aufhebung desselben ihre Gewissensfreiheit beeinträchtige. Gleichzeitig verlangten fie von dem Herrn Rabbinen ein Gutachten in diesem Sinne. Don dem Manne, der auf der Svuvde zu Würzburg öffentlich erklärt hatte, daß der israelitische Staatsbeamte am Samstag schreiben dürfe, ließe sich erwarte», daß er in Anerkennung der hier vorliegenden offenbaren Analogie dm Petentm das von ihm verlangte Gutachten nicht ertheilen würde, man durfte dies um so mehr erwarten, da der Gemeindevorstaud ein Ansuchen, die Bittsteller bei den Behörden zu vertreten, aus dem Grunde abgewiesen hatte, weil in der Aufhebung jenes unzeitgemäßen Gesetzes keine Rechtsverletzung noch Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit zu finden fei. Dennoch und zum großen Erstaunen der Gemeinde, gab Hr. Stein ein mit Citaten aus dem Talmud reichlich ausgestattetes Gutachten, worin er nachzuweisen suchte, daß der Sabbat das heiligste Religionsgesetz der Juden und mit dem neuen Gesetz seine strenge Feier unvereinbarlich sei. — Ist nun gleich an der Erfolglosigkeit der Bittschrift, welche jenes Gutachten unterstützen soll, nicht zu zweifeln, so zeigt es doch, daß Hr. Stein bei Fragen dieser Art auf die Zcitbedürfnisse und Wünsche der lebenden Generation wenig Rücksicht zu nehmen gesonnen ist, und daß er seine Entscheidungsgründe ans Duellen schöpft, welche für die Mehrzahl der heutigen Juden als -ehr unlauter gelten. Welche Resultate für den Fortschritt lassen sich unter solchen Auspizien von dem neuen Hirten erwarten, wird rS ihm, auf den so viele ihre Hoffnungen bauten, auch nur gelingen Heerde beisammen zu halten? (Bemerkung der Redaction:) ES war zu ecwaneu, daß gewisse Blätter nicht ermangeln werden, einen Schrei ocs Einsetzens über einen Eingriff in die Gewissensfreiheit durch Aushebung jener Verordnung auszustoßen. So sehr aber auch uns dieses zarteste und heiligste Recht unantastbar ist, wie wir dieses mchreremals in diesen Blättern (S. Nr. 23 u. 29) ausgesprochen, so können wir doch hier einen solchen Eingriff durchaus nicht gewahren. Wir wollen die Starrorthodoxen in Frankfurt a. M. nicht darauf aufmerksam machen, daß vernünstigeew eise durchaus nichts darin zu finden, wenn Israeliten in Staaten, wo bei weitem die Mehrzahl aus Nicht-Israeliten besteht, am Samstag einmal einen Wechsel acceprircn, oder auszahlen, da sie sonst diesen Tag doch religiös feiern können, so wenig wie die frömmsten Christen, wenn sie in der Türkei lebten, Bedenken tragen würden, am Sonntag einen Wechsel auszuzahlen, mrd daß Moses oder Jesaias, wenn üe m unseren Staaten lebten, Solches gewiß ohne allen Anstand gestattet haben würden; i denn den starren Orthodoxen in Frankfurt a. M. ist bekannte''-! maßen weder mir der Vernunft, noch mit dem Mosesuns Pro-