Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1844)
- Date
- 1844-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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296 es auS sich heraustritt und mit einem Unvollkommenen, dem Menschen, in Berühmng kömmt, wenn es als Offenbarung eine göttliche Belehrung unvollkommener Wesen wird, muß es sich auch dem unvollkommenen Zustand derselben anbequemen. Wenn es einmal in der göttlichen Absicht liegt, daß die geistige Bildung des Menschen zu einer gewissen Zeit nicht über eine gewisse Stufe hinaus gehe, so muß auch die Offenbarung, die in eine solche Zeit fällt, dieser Stufe angemessen sein, denn, wie die Bibel sagt, nur das Offenbare ist für uns, das Verborgene für Gott. Wenn daher z. B. im Penfateuche Gesetze über die Bluttache Vorkommen, so heißt das doch gewiß nicht, daß die Allmacht dieses barbarische Institut gebilligt hat; wenn es dort heißt, daß unter Umständen jemand verkauft werden soll, so sagt das nicht, daß Gott den Menschenhandel fanktionirt hat. Gesetzen, die auf einen früheren unvollkommenen Zustand berechnet waren, entwächst die Menschheit, wie ein Kind seinem Kleide; das Gesetz fallt von selbst weg, wenn die Bedingung, unter der es gegeben worden, wegfällt. Wenn man daher nicht den erhabenen Gedanken fahren lassen will, daß die Menschheit in stetem Fortschritte begriffen ist, so wird man auch zugeben müssen, daß die Religion, als der Ausdruck menschlicher Erkcnntniß Gottes, mit dieser fortwährenden Ausbildung Schritt halten muß. Damit fallt der scheinbare Widerspruch und damit Ihre Einrede gegen den ersten Artikel unserer Erklärung in sich selbst zusammen. So glaube ich nach meiner besten Ueberzeuguug wiederholt gezeigt zu haben, daß dieser Artikel auf keinerlei Weise mit dem Offenbarungsglauben, wie dieser auch sonst gefaßt werden mag, in Collision gerath. Wenn es aber möglich wäre, eine andere Fassung dieses Artikels zu gewinnen, die, ohne den zu Grunde liegenden Sinn zu zerstören, den Vorzug hätte, daß sie vor Mißverständnissen schützte, wenn es möglich wäre, durch eine solche Umänderung den Beifall oder besser Beitritt entschiedener Männer Ihrer Art zu erzielen, so wünsche ich von ganzem Herzen, daß es geschähe. Dem Reformverein kann es am allerwenigsten in den Sinn kommen, seine Erklärung, wie ein unverrückbares Dogma in seinem Wortlaute fest zu halten, ihm muß die Sache, nicht der Ausdruck, wichtig sein. Aber freilich dürfte keine die Gewissensfreiheit beschränkende Fassung aufgestellt werden, und aus diesem Grunde, weiß ich bis jetzt keine passendere als die gegenwärtige. Ich würde z. B. durchaus dawider sein, wenn man etwa, wie Sie verlangen, die heiligen Bücher, welche nach dem Glauben Israels, Moses und die Propheten durch Gottes Eingebung niedergeschrieben haben, für das erste, für das einzige Princip der Lehre und des Lebens erklären wollte. Denn abgesehen davon, daß es wirklich, wie ich schon mehrfach erwähnt habe, noch andere Principe gibt, die nicht in diesen Büchern entwickelt sind, daß diese Bücher sogar, wie die Geschichte zeigt, wenn sie das einzige Princip sein sollen, auf sehr bedenkliche Jrrthümer führen können, abgesehen davon, daß es selbst auf dem überfrommsten Standpunkte noch fraglich ist, ob Alles, was in diesen Büchern enthalten ist, durch Gottes Eingebung, in dem Sinne, in welchem Sie diesen Ausdruck nehmen, niedergeschrieben ist, abgesehen von noch manchen Anderen, was uns zu weit abführen würde, will ich Ihnen nur Folgendes Beispielsweise anführen.. Unter den prophetischen Schriften nimmt das Buch Dar niel keine kleine Stelle ein. Nun haben neuere Kritiker dieses Buch für das Produkt einer sehr späten Zeit erklärt, ob mit Recht oder Unrecht, bleibt hier gleichgültig. Gesetzt, es lebte unter uns ein kenntnißreicher Mann, tief durchdrungen von dem traurigen Zustande des gegenwärtigen Judenthumes und voll Eifer für dessen Erhebung zu einer neuen Blüthe, er wäre aber zu der wissenschaftlichen Ueberzeugung gelangt, daß das Buch Daniel wirklich unächt sei, sollte ihm der Reformverein durch eine solche Erklärung den Beitritt unmöglich machen? Sie wissen, daß die Kritik einen ächten und einen falschen Jesaias unterscheidet, daß man sogar im Pentateuche Einschiebsel erkennen will, daß dies selbst sehr bedeutende jüdische Autoritäten leise geflüstert haben, kurz Sie wissen, daß man über die Zusammensetzung des ganzen Kanons hin und her streitet, und da sollte ein Verein, selbst wenn alle Mitglieder wie Sie dächten, der einen praktischen Zweck hat, ohne Noth und Beruf dazwischen fahren, einen Richterspruch thun, sollte alle diese Untersuchungen in die Acht erklären und sich in Dinge mischen, über welche nur die tiefsten Sachkenner zu reden haben? Das wäre ja ein Streich, würdig jenes Schwaben, der die Quelle der Donau verstopfen wollte. Das können Sie unmöglich wollen. Und erlauben Sie mir noch eine Frage. Könnten Sie selbst denn mit heiterem Muthe und ohne den leisesten Scrupel eine solche Erklärung unterschreiben? Wer gibt Ihnen denn das Recht, eine Ansicht zu fassen, die schnurstracks den Worten Mosis und der Propheten