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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-09-15 · Heft 37 (15.9.1844) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 37 (15.9.1844)
Date
1844-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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2SS von Lirinum gesagt. Eine Veränderung oder Verbesserung in der Lehre gäbe es nicht, denn das passe nicht auf ein göttliches Dogma, bei welchem es genüge, daß es einmal geoffenbart sei, sondern nur auf menschliche Institutionen, welche nur durch beständige Verbesserung zur Vollendung geführt werden könnten (conunonitor. c. 26). Aber Vincentlus war dock scharfsichtig genug, diesen Satz, der, in aller Strenge festgehalten, den Quell der Offenbarung zu einem stehenden Wasser macht, wesentlich zu beschranken. Er unterscheidet zwischen einer Umbildung (permutatio) und einem Fortschritte (proteetus). „Sollte es also", sagt er (commouitor. c. 28), „gar keinen Fortschritt der Religion gebend Gewiß gibt es einen solchen, und zwar im höchsten Grade. Denn wer wäre so menschenfeindlich, so gottverhaßt, der dies zu hindern versuchte? Aber freilich muß es ein Fortschritt, nicht eine Umbildung des Glaubens sein. Denn zum Fortschritt gehört, daß eine Sache in sich selbst erweitert wird, zur Umbildung dagegen, daß sie in ein ganz Anderes übergeht. Es ist also Bedürfnis daß die Einsicht, sowol Einzelner als Aller, sowol einzelner Menschen als der ganzen Kirche im Laufe der Zeitalter und Jahrhunderte immer mehr zunimmt." In der That ist es auch sonderbar, wenn man in einer unbeschränkten Fortbildung nichts Anderes als einen Umsturz sieht. Wenn ich z. B. die Behauptung aufstellte, die Mathematik trage die Möglichkeit einer unbeschrankten Fortbildung in sich, so wird mir schwerlich Jemand, der diese Wissenschaft einigermaßen kennt, widersprechen; ihre Geschichte zeigt, daß jede Wahrheit, mit der sie sich bereichert hat, zugleich der Keim zu unzählig vielen andern geworden ist. Aber was würde man sagen, wenn Jemand den schlechten Einfall hatte, in meiner Behauptung läge der versteckte Sinn, es könnte eine Zeit kommen, wo man den Satz, zweimal zwei macht vier, nicht mehr für wahr halten würde? Würde man ihn nicht auslachcn? Hier liegt also ein einfaches Beispiel einer unbeschrankten Fortbildung vor, wo das Spätere, weit entfernt das Frühere umzustürzen, vielmehr immer wieder von Neuem dazu dient, dessen Wahrheit zu erhärten. Und warum sollt« denn das in der Religion nicht eben so gut sein können? Wenn einmal nicht alle religiösen Wahrheiten in der heiligen Schrift klar ausgesprochen sind — und daß dem wirklich so ist, habe ich kurz vorher bemerkt — so müssen die spateren Zeiten deren Fortbildung übernehmen, ohne hierdurch eine frühere Wahrheit umzustoßen. Und so bezweifle ich nicht, daß Vincentius, wenn er jetzt als Jude lebte, auch keinen Anstoß nehmen würde, den ersten Artikel unserer Erklärung zu unterschreiben. Aber Ihre Rechtgläubigkeit scheint die des Vincentius bei weitem zu übertreffen. Sie wollen keine unbeschränkte Fortbildung, weil das Göttliche in sich vollkommen und abgeschlossen ist. Aber haben Sie denn nicht bemerkt, daß Sie mit diesem Satze sich selbst widersprechen? daß er zu viel und daher gar Nichts beweist? Wenn die geoffenbarte Religion, als ein Göttliches, vollkommen und abgeschlossen ist, so darf an dieser Vollkommenheit auch kein Sonnenstäubchen fehlen, so darf dem Abgeschlossenen auch nicht das Kleinste hinzu zu setzen sein. Das Göttliche kann nicht erst in der Zeit vollkommen und abgeschlossen werden, sonst wäre es ja einmal früher mangelhaft gewesen, es muß vielmehr gleich von Anfang an in seiner Vollkommenheit und Abgeschlossenheit aufgetreten sein. Es kann also ebenso wenig eine beschränkte als eine unbeschränkleFortbildung vertragen, weil beides einen früheren mangelhaften Zustand voraussetzt. Darin ist eine starre Orthodoxie sich vollkommen klar, indem sie wirklich von der ersten Offenbarung auf Sinai bis zum letzten Prophetenworte absolut keinen Fortschritt zugibt. Aber wenn Sie einerseits die geoffenbarte Religion, weil sie ein Göttliches ist, für vollkommen und abgeschlossen erklären, und dann doch andererseits behaupten, der Mosaismus habe durch die Propheten — wozu Sie die Erklärung hinzusügen: d. h. vermittelst dieser von Gott selbst — eine Fortbildung erhalten (S. 5), so war er also, ehe er diese Fortbildung erhielt, noch nicht vollkommen und abgeschlossen, so gab es also früher ein unvollkommenes und nicht abgeschlossenes Göttliche. Wie reimt sich das? Wenn man sich denn doch einmal gezwungen sieht, eine Fortbildung des Göttlicher! anzunehmen, also voraussetzt, daß es nicht im göttlichen Willen lag, sich zu einer bestilumten Zeit ganz zu offenbaren, ist es nicht der Erhabenheit der Allmacht weit angemessener in dieser Fortbildung unbeschrankt thatig zu sein, als daß sie erst ein Stück gab und dann zum Abschluß noch einige Zusätze, gleichsam einen acte additioimel, der ein Loch in der früheren Verfassung ausbessern soll? Es ist merkwürdig, daß ein so denkender Mann wie Sie — und Sie sind nicht der Einzige — sich in eine Sackgasse verrennt, während die breite, offene Heerstraße dicht vor Ihren Augen liegt. Allerdings, ist das Göttliche in sich vollkommen und abgeschlossen. Aber wenn

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