Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-09-08 · Heft 36 (8.9.1844) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 36 (8.9.1844)
Date
1844-09-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2566751-2566911-2566948--1120-2568864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

LSI desselben, der Philadelphia, der sich an allen sieben Thoren zugleich blicken läßt, nicht als Hüter der Stadt, sondern als Spion, der sich in Alles mischt, um Alles zu verderben. Der verstorbene Rehfuß, dessen Andenken in keines redlichen Badener Brust erlischt, hat zwei Institute geschaffen, die sich freilich, ohne daß er es ahnte und wollte, in diesem Augenblick als entgegengesetzte Pole gegenüberstehen — die hiesige BezirkSstistungsschule und — unser» Herrn Nabbinen. Lächeln Sie nicht, es ist nicht Ironie, sondern bitterer Ernst. Den Bemühungen Rehfuß's hat wenigstens zum großen Theile Fürst seine Stelle zu verdanken! Hätte dieser Biedermann es sich damals träumen lassen, daß die eine seiner Schöpfungen den Vernichtungskrieg gegen die andere mit unglaublicher Hartnäckigkeit beginnen werde? Aber so ist es leider. Gegen die BezirksstistungSschule, die Rehfuß nach Besiegung unendlicher Hindernisse an die Stelle eines nach Innen und Außen verfallenen Beth Hamidrafch gesetzt, richtet Herr Fürst seine Geschosse und — bis jetzt wenigstens — mit leider gutem Erfolg. Die Mittel zum Zweck des Sturzes dieser Schule sind ihm, wie die desfallsigen Akten lehren, ziemlich gleich; er verschmäht eS sogar nicht, sich unter den Fittigen desselben Geldvogels zu bergen, der im Adlerfluge jüngsthin gegen die Mitglieder des ReformvereinS anstnrmte. Das Verhältniß selbst ist folgendes. Die Schule, durch ein Legat für Heidelberg und einige Landgemeinden gegründet, war ursprünglich eine von dem jeweiligen Nabbinen verwaltete Anstalt für junge Bachurim. Nach Abgang des früheren hiesigen Nabbinen nach Worms und mit dem Auftreten Rehfuß's nahm sie unter dessen Leitung eine zeitgemäße Richtung, die sie — meist verbunden mit einer Andachtsstunde — seit mehr als zwei Dezennien mit den glänzendsten Resultaten verfolgte. Nach Rehfuß's Tode fiel es dem jetzigen Nabbinen ein, einerseits auS Opposition gegen die Tendenz derselben, andrerseits aber — auri sacra käme! — um Willen der damit verknüpften Vortheile, als freie Wohnung re. das Bestehen der Schule ansechten und ihr die ursprüngliche Bedeutung eines Beth Hamidrasch wieder vindizircn zu wollen. Damit ist er jetzt in erster Instanz (gegen deren Anspruch übrigens bereits Recurs ergriffen, von dessen Erfolg seiner Zeit das Nähere) durchgedrungcn, in einer Weise durchgedrungcn die ihm die Herzen der hiesigen Gemeinde und aller Guten, die schon früher nicht gar warm für ihn schlagen konnten, völlig entfremdet hat, so daß sein Sieg mehr einer Niederlage gleicht. Es ist nämlich auf seinen Antrag und weil der Synagogenrath die Sache etwas zu lau behandelte von der Kreisregierung beschlossen: das bisher als Gesammtsond zusammengehaltene Stistungskapital solle an Heidelberg und die Landgemeinden zersplittert, die Wohnung dem Rabbinen eingeräumt und ihm 150 Fl. als Honorar für den Unterricht junger Theologen verabfolgt werden. Hätte er sich mit dem letzteren begnügt, er wäre zu entschuldigen gewesen, denn jeder sorgt für sich. Aber so hat er eine andere Blüthe geknickt, er hat die Gemeinde um ihren Jugendlehrer und Geld und sich — um die Achtung derselben gebracht. Was es ferner mit dem an Rabbinatscandidaten zu ertheilenden Unterricht für ein Bewenden hat, wissen wir. Auf beständigen Spekulations- und Inspektionsreisen begriffen, ist ihm — wie Beispiele lehren — ein anhaltender Unterricht nicht möglich. Wie er sich den Candidaten gegenüber benimmt, davon, als Eins statt Vieler, ein Pröbchen. Der stull. Salom. Friedländer, Enkel des bekannten Landrabbinen Friedländer, reichte ihm jüngsthin, nachdem der Sabbat zur Abhaliung derselben schon bestimmt war, eine im Sinne des Fortschritts verfaßte Predigt zur vorherigen Einsicht ein. Was thut er? Gegen alle homiletische Manier streicht er die ganze Predigt und als diese dennoch zur großen Zufriedenheit der in seltener großer Anzahl versammelten Gemeinde außer dem gewöhnlichen Gottesdienst gehalten wird, verklagt er Friedländcr'n beim UnivcrsitätSamt und den Synagogenrath, der die Erlaubniß dazu ertheilt, beim Stadtdirektor. Von letzterem ist er in optima korma abgewicfen, gegen des elfteren abweisendes Votum hat Friedländer Rekurs ergriffen und wird wahrscheinlich durchdringen. Ich konnte nun noch eine ganze chronique scamlaleus** schreiben, aber „dann müßte ich Geister beschwören, die der Acheron besser verschlingt!" darum enthalte ich mich dieser unerquicklichen Arbeit! Ge^ug, Herr Fürst liefert das seltene Beispiel, wie ein Geistlicher in einer durchgehends aufgeklärten, von gutem Willen beseelten und von Durst nach Läuterung des CultuS erfüllten Gemeinde, das verneinende Element bildet, während sonst daS Verhältniß gewöhnlich ein umgekehrtes ist. Dadurch aber hat er es soweit gebracht, daß seine früher entschiedensten Anhänger und fromme Männer, so oft er predigt, das Gotteshaus verlassen, sich mit Abscheu von seinen Bestrebungen wenden, daß ein Geist der Zwietracht, nur durch ihn in seiner Amts- und Privatwirksamkeit erzeugt, in betrübender Weise sich hier eingeschlichen und daS Grab Alles Guten zu werden droht! Was nützt die neue Amtstracht, wenn sie nicht einen Mann im edelsten Sinne des Wortes umhüllt, was nützen auf Ostentation berechnete sogenannte „moderne" Einzelnhcitrn — wenn nicht der Beruf des, der den Frieden aufrecht zu halten bestimmt ist, daS Bild eines wahrhaf teil GottcslehrcrS liefert. Möge darum der Herr Rabbine diese Worte beherzigen, damit es nicht bloßer Livpendienst sei, wenn er am bevorstehende'.:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.