Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1844)
- Date
- 1844-09-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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290 ser Gelegenheit von Hrn. Stein gedichteten Gesänge, welche abgedruckt und vcrtheilt worden, einer Kritik zu unterwerfen; nicht alle Kirchenlieder sind Muster achter Poesie, und wir wüsten »icht, warum es die Synagogenlieder sein sollten, auch wollen wir Hr. Stein unangefochten als den größten lebenden Dichter — unter den Nabbinen passieren laßen. Allein wir sehen dabei weniger auf die Form als auf den Inhalt, auf die Gesinnung, und in so fern können wir uns nicht zufrieden geben. Wir verkennen keineswegs die Schwierigkeit der Aufgabe, die hebräischen Gebete durch paßcnde deutsche zu ersetzen. Jenen liegt durchweg die Idee zum Grunde, daß die Juden ein Volk, gar ein auScrwähltes, ein Volk des Herrn seien, eine Ansicht, welche zur Zeit der Entstehung jener Gebete natürlich und mit dem damals lebendigen Erlösungs-, Aufcrstchungs- und Messiasglauben aufs innigste verflochten, ja, bei den vielen schweren Prüfungen und Drangsalen der einzige Anker des.Heils und der Hoffnung war. Dies hat sich seitdem total geändert, und wenn jene Gebete bisher lbeibehalrcn waren, so geschah es auf dieselbe Weise, wie sie hcrgesagl wurden, gedankenlos, auch entstand gerade ihrer Abstammung wegen, und weil sie in einer verhältnißmäßig Wenigen bekannten Sprache abgefaßt waren, kein besondrer Nachtheil daraus. Gebete aber, welche heute in der Landessprache versaßt und eingesührt werden, dürfen um so weniger die alte längst verlassene Richtung verfolgen, sondern müssen die der Zeit und richtigeren Erkcnntniß cinschlagen. Davon scheint sich Hr. Stein keine Rechenschaft gegeben, vielmehr scheint, wie es bei Dichtern, insbesondre sentimentalen, nicht selten, die Form häufig den Inhalt bestimmt zu haben. Was will er mit seinem „Volk des Herrn«, was überhaupt mit seinem „Trostsabbat", *) wie mag er die neun Tage „eine bange Schmcrzenszeit" nennen, wie 282 'D den „Trauertag, der Schlag auf Schlag" bringt, wo liegt „Jacobs Trauerthal", wo sind „seine Unglückstrümmer" (!)? Gedichte dürfen blos Dichtung, Gebete müssen überdies Wahrheit enthalten, eine Verschiedenheit, welche sich Hr. Stein für die Zukunft merken mag. Diejenigen, welche die neun Tage und halten, halten nichts von ihm und seinen Gesängen, und den Andern muß er dergleichen Dinge nicht Vorsingen lassen, wenn er damit nicht am Ende auSgelacht sein will. Auch sein sogenanntes Predigltied streift ans Lächerliche. Es ist ganz gut, wenn der Prediger cs sich angelegen sein läßt, der Gemeinde das zu *) n2£’ verdankt diese Benennung seiner m£5n, welche mit den Worten beginnt: IEHj" 5 er heißt aber nicht yt2nj N-25 wie er heißen müßte, wenn man ihn mit „Trostsabbat" wiedergeben wollte, gegen welche Bezeichnung sich auch aus der deutschen Sprache Bedenken erheben ließen. verkünden, was er für gottgefällig hält und gehalten wissen will, es ist gut, wenn er sich von seiner Predigt Wirkung verspricht; ein solches Bewußtsein wird ihn selbst stärken und erheben. Allein er darf sich sein Auditorium nicht mit vor Neugierde oder gar Wißbegierde gespitzten Ohren und vor Erstaunen aufgesperrtem Munde denken, und wenn er es sich so denkt, dies nicht laut werden lassen, weil eine Ueberschätzung seiner selbst, oder eine Geringschätzung der Zuhörer dadurch bekundet wird. Noch viel weniger darf er seine Rede geradezu als „Wort des Herrn" bezeichnen. Wenn nun Hr. Stein vor der Predigt singen läßt, „ströme ein, hell und rein, Wort des Herrn, wir harren dein", so will das eigentlich nur sagen, „ströme ein, hell und rein, Wort des Herrn — Nabbinen Stein"! Das klingt wie eine Parodie, ist aber, schlimm genug, bloße Wahrheit. Hr. Stein muß nicht vergessen, daß er dahier viele Zuhörer zum wenigsten haben kann, die ihm an Bildung und Wissen nicht nur gleichstehen, sonder überragen; er darf Frankfurt nicht für Burgkundstadt nehmen, und Lieder, die für eine Landgemeinde gedichtet sind, dahier einführen wollen. Weil wir es gut mit ihm meinen, glauben wir ihm zur Kenntniß und Würdigung seiner selbst und seiner Stellung behülflich sein zu müssen, was seine hiesige Umgebung nicht vermag. Wenn er nicht in die Lage kommen will, selbst wieder zu zerstören, waö es errichtet, so hüte er sich vor unvorsichtigem Sclbstschaffcn, sondern sehe sich um, wie es anderwo gehalten wird, wo Nabbinen, wie Holdheim, Mayer u. A. wirken, da ihm nicht, wie etwa Geigerin Hindernisse aller Art von innen und außen bereitet werden, er sich vielmehr mit hinlänglicher Freiheit bewegen kann. Heidelberg im Aug. (Corrcsp.) Jede Kritik muß objectiv, herzlos sein, sie beziehe sich auf wissenschaftliche Erzeugnisse, Zustände oder Personen. Unbekümmert um den Schmerz des Patienten dringt der Arzt mit ver Sonde in die schadhaften Theile, wenn der erstere gesunden soll. Und darum: Ihr Schläfer die Rosen der Liebe vom Haupt Und das flammende Schwert aus der Scheide! Ja ein Schwert von Männcrfaust im Dienste des Herrn geschwungen rettet einzig dies Geschlecht. „Wahrheit gegen Freund und Feind" ist die Losung Ihres Blattes und treu diesem Wahlspruch nehmen Sie dann, ehe das Jahr 5603 abläuft, nachstehende sine ira et eum stuckio geschriebene Darstellung der Heidelberger Zustände d. h. des hiesigen Nabbinen Fürst. Ist denn — werden Sie fragen — wie der Czaar das verkörperte Nussenthum, so der dortige Nabbine das verkörperte Heidelberger Judenthum? — Gottlob nichts weniger, als das. Er ist vielmehr, wie sie sogleich erfahren werden, das gerade Gegenthesl