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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-09-08 · Heft 36 (8.9.1844) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 36 (8.9.1844)
Date
1844-09-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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289 ren Vorbereitungen zu der Versammlung mit so vieler Umsicht und Feinheit getroffen hätte, als er. Als ein solcher praktischer Verstand zeigte er sich auch in der Versammlung und brachte, wo es auf die rechte Handhabung der parlamentarischen Form ankam, nicht selten den gewandten Präsidenten in Verlegenheit. Zu dieser Eigenschaft, wenn sie recht wirksam sein sollte, mußte sich nothwendig noch eine andere, die des feinen Weltmanns gesellen, und auch in dieser Beziehung stellte Hr. Philippson eine sehr gefällige Figur in der Versammlung dar. Sie hätten nur sehen sollen, wie fein er sich benahm, als die Wahl eines Präsidenten auf Kirchenrath Meyer gefallen war, wie bescheiden er sich ihm gegenüberstellte, wie er immer um Auskunft bat, wo er selbst sie sich am besten hätte geben können. „Herr Präsident! Eine Froage!" (er sprach das „A" fast wie die Portugiesen das Chamez aus, was bei ihm ganz hübsch lautete) war sein so oft wiederkehrendes Wort. Es versteht sich von selbst, daß sein chevalareskes Wesen, was auf mich stets einen freundlichen Eindruck machte, ihn bestimmte, freundlich und zuvorkommend sich gegen alle Theilnehmer zu benehmen, und vorzüglich gegen die, welche er wohl am unliebsten in der Versammlung gesehen. — In seiner Kunst, den Augenblick zu benutzen, das Publikum für irgend einen Zweck zu stimmen, und wenn dieser erreicht, seine Auf» merksamkeit aus einen anderen zu richten, kommt Hrn. Philippson auch ein gewisses Rednertalent zu statten. Es wird ihm nemlich leicht, in leichter fließender Sprache sich über einen Gegenstand zu ergießen, und er geräth dabei in solch innere Erregung und weiß diese auch immer mehr zu steigern, daß er, zumal bei seiner wirklich höchst wolklingenden metallreichen Stimme, einen großen Effect macht. Das war auch mehrmals in der Rabbinenversammlung der Fall, und ich selbst muß gestehen, daß ich mich gleichfalls von dem augenblicklichen Eindruck nicht selten überwältigen ließ, obgleich ich mir nachher sagte, daß der Inhalt mehr überredend, als überzeugend sei, und daß mehr die bestechliche sinnliche Seite der Sache, als ihr tiefer innerer Kern hervorgehoben worden. In diesen drang Hr. Philippson wie all die bloßen Taktiker und Praktiker selten ein, und namentlich zeigte er eine sehr naive Befangenheit, und so ganz die neu-romantische Anschauung mehrerer unserer Prediger, wenn es den Talmud und den Rabbinen, in dessen Schacht sie erst in späteren Jahren gekommen waren, betraf. — Wie aber alles Einseitige leicht in's Extrem und demnach auf Abwege geräth, also auch hier. — So war eS gar nicht praktisch, nur zu glauben, es werde eine Versammlung deutscher Rabbinen, die so viel nähere und dringendere Angelegenheiten zu berathen, sich mit dem Hospitalbau in Jerusalem zu befassen; und noch mehr war es gefehlt, ihr das hinterher noch zum Vorwurf zu machen, ja zu behaupten, die Versammlung habe ihm (Philippson) für dieses Project nicht praktisch genug geschienen; so war es ferner unpraktisch im höheren Sinne, sich darüber zu beklagen, daß man den Entwurf eines neuen Ehegesetzes beschlossen; denn wenn natürlich auch ei» solches, auf rationellen Ansichten ruhendes Gesetz nur mit der gehörigen Rücksicht auf den Standpunkt der Mehrheit der israelitischen Religionsgemeinde in's Leben eingeführt werden kann, so verdienen doch die Ansichten der Höhergebildeten und die Ansprüche, welche sie an die Nabbinen-Versammlung machen, auch — und das nennen wir praktisch im höheren, ideelleren Sinne — eine Berücksichtigung; so mußte die Rabbinen - Versammlung doch auch ein praktisches, heiliges Interesse daran nehmen, eine Leuchte für die Zukunft, für die immer näher herankommende Zukunft anzuzünden; und so war eS endlich nicht praktisch, daß Hr. Philippson, gleich den zwei oder drei Strengorthodoxen in der Versammlung bei den Berathungen sein schwarzes Mützchen aufbehielt; denn daß er das anö Frömmigkeit that, glaubt ihm Niemand, und darum hätte er nicht von dem guten Beispiel aller Uebrigen abweichen sollen, und zwar um so weniger, da hoffentlich dieses Beispiel der Versammlung bewirkt haben wird, daß ihre Mitglieder auch in ihren Häusern diesen scheinheiligen, asiatischen Schmuck abgelegt haben. Ist es doch wol nicht der Schmuck, mit welchem unsere Väter am Choreb bekleidet worden sind. (2. Mos. 33, 6.) (Forts, folgt.) (Frankfurt a. M. im August.( (Corresp.) Der deutsche Gesang hat am seinen Anfang in der hiesigen Hauptsynagoge wirklich genommen, sogar schon am Freitag Abend> was uns ganz unnöthig scheint, da der Gottesdienst aus den Samstag zn beschränken gewesen wäre, und der am Freitag Abend ohnehin bald gar nicht mehr besucht sein wird, da der deutsche Gesang die Alten vertrieben hat, und die Reuen sich nicht lange von demselben angezogen fühlen werden *). Don der Cantate des Hrn S tein, welche den ersetzt, circulirt bereits eine Parodie, worüber wir uns höchst misfällig anSsprechen müssen, da die Bestimmung die Form vor Verhöhnung schützen mußte, wiewol der oft wiederkehrende Vers: „Auf Gemeinde, und begrüße, froh die Sabbatruh, die süße", nicht vom feinsten ästhetischen Geschmack« zeugt. Wir haben nicht die Absicht die bei die- *) So lange der Freitag.Abend überhaupt gefeiert wird, möchte auch eine würdige, gottesdienstliche Handlung nicht zu unterlassen sein. Eine andere Frage ist aber, ob die vom Morgenlande herrührende Feier des dem Sabbat vorangehenden Abends nicht aufgehoben werden könnte, wie solches in Westphalen ge> fchehen? Redaction.

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