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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-09-08 · Heft 36 (8.9.1844) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 36 (8.9.1844)
Date
1844-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S88 den Gottesdienstes auszusprechen, ich kehre nun zu Ihrem Antwortschreiben zurück. Es ist ein wunderlicher Vorwurf, und dennoch hat ihn Keiner, der sich gegen den Reformverein ausgesprochen hat, zu machen versäumt, daß der Verein nur negire. Der Verein findet das Judenthum mit allen seinen Auswüchsen als ein Bestehendes, er will keine neue Lehre schaffen, er will nur diese Auswüchse vertreiben. Kann mithin sein Zweck ein anderer sein, als Verneinung? aber freilich Verneinung eines Nichtigen, die eben hierdurch ein Positives wird. Wenn ich ein Fenster putze, das mit Schmutz und Spinnengewebe bedeckt ist, will man mir sagen, das Fenster lasse zwar wieder das reine Sonnenlicht durch, aber ich hätte doch nur den positiven Schmutz und das positive Spinnengewebe negirt? Aber freilich, wenn ich bei diesem Geschäfte so täppisch zufahre, daß die Scheiben in Stücke gehen, dann ist freilich der Tadel der bloßen Negation sehr begründet. Und so etwas soll der Reformverein durch den ersten Artikel seiner Erklärung gethan haben, denn dieser soll, nach Ihrer Ansicht, nichts Geringeres als den Umsturz der ganmosaischen Religion enthalten. In der That eine schwere Anklage, nicht blos gegen die Gesinnung, sondern auch gegen den Verstand der Erklärenden. Denn sich auch nur den Schein geben wollen, als erziele man eine religiöse Reform und gleich mit dem ersten Worte die Religion über den Haufen werfen, das wäre doch gar zu dumm. Der Reformverein will dem gegenwärtigen Zustande des Judenthumes entgegentreten, den Grund dieses Zustandes sieht er in dem sortbestehenden äußerlichen Ansehen gewisser Lehren. Dieser Lüge will er ein Ende machen, er muß also diese Lehren negiren. Er konnte voraussehen, daß er die Zustimmung derjenigen, welche diese Lehren als heilige betrachten, nicht erhalten würde, daß die beabsichtigte Reform sich vorläufig nicht über sämmtliche Juden erstrecken könnte. Das war nun einmal eine traurige Nothwendigkeit, die in der Natur der Sache lag und nicht umgangen werden konnte. Von der anderen Seite mußte er sein Augenmerk darauf richten, sich mit der möglichst großen Anzahl Glaubensgenossen zu verständigen. Er wollte nicht der blose Gefinnungsausdruck der handvoll Leute fein, aus deren Gedanken er zuerst entstanden war; er beabsichtigte eine Erhebung des Judenthums, er mußte es sich also angelegen sein lassen, das herauszuheben, was er als die gemeinschaftliche Ansicht aller nur einigermaßen denkenden Juden anzusehen hatte. Vor allem mußte er sich hüten, ein Positives aufzustellen, welches irgendwo Anstoß gefunden hätte, dies hätte Ausschließungen Hervorrufen können, die seinem Zwecke durchaus entgegen gewesen wären. Es sollte ein möglichst weiter Kreis gezogen werden, wer außerhalb desselben stand, war freilich ausgeschlossen, innerhalb desselben aber sollte jedem die größte Gewissensfreiheit bleiben. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. (Personalzeichnungen aus der Braunschweiger Rabbinen- Versammlung.) «Die Menschen machen die Geschichte" ist ein altes Wort, mein verehrter Herr Nedacteur! Und darum haben alle diejenigen, die mit forschendem Blicke in den Blättern der Geschichte lasen, ihre Aufmerksamkeit auch besonders auf die Menschen gerichtet, welche in das Rad der Zeit eingriffen, haben uns sie beschrieben, ihre Eigenthümlichkeit, ihr Wesen und ihren Charakter uns zu schildern, zu enthüllen gesucht. In der Geschichte unserer Tage und unserer Religionsgemeinde ist dieses nicht anders, und da in derselben die Rabbinen-Versammlung gewiß eine wichtige Stelle einnimmt, so glaube ich, mir den Dank Ihrer Leser zu verdienen, wenn ich, ein fleißiger und stillbeobachtender Zuschauer jener Versammlung, es unternehme, das Bild, welches die interessantesten unter ihnen mir darboten, zu beschreiben, oder wenn Sie es anders nennen wollen, Charakteristiken, Physiognomieen, Personalzeichnungen von ihnen zu entwerfen. Es versteht sich von selbst, daß ich, um Ihrer Bescheidenheit nicht zu nahe zu treten, Cie, geehrter Herr Redakteur! davon ausschließe. Mögen das Andere im „Orient", in der „Zeitung des Judenthums" oder in der „Zeitschrift von Frankel" thun; wenn auch schwerlich nicht mit der Liebe, oder vielmehr mit der Wahrheit und Unparteilichkeit, als ich cs gethan haben würde. Ich beginne meine Zeichnungen billig mit dem Rabbinen vr. Philippson, dem Herold, wie er sich selber nannte, jener Versammlung, der, wenn auch nicht die Idee erfunden, sie aber doch lebendig ergriffen und geschickt auszuführen wußte. Wenn Sie diesen, Ihren College« unparteiisch beobachten, so haben Sie ihm gewiß ein nicht seltenes praktisches Geschick, die Kunst sich die Zeit und die vorherschende Meinung in ihr zu Nutzen zu machen, mit der Masse sich zu verhalten, im hohen Grade zugestanden. Als solcher hat er sich denn auch vor und in der Versammlung gezeigt. Ich sage vor, denn die Statuten, welche er entwarf, geben schon von seinem richtigen parlamentarischen Takte ein rühmliches Zeugniß; so wie gewiß Niemand die äuße-

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