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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-09-08 · Heft 36 (8.9.1844) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 36 (8.9.1844)
Date
1844-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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28» Tempels, bereits vollkommen in Erfüllung gegangen sei, so muß sie der zukünftigen Verwirklichung entgegensehn, so genügt sie nur der frommen Pflicht, wenn sie heiße Gebete um Erfüllung dieser Verheißungen zum Himmel schickt. Aber wir? aber Sie und ich und alle, die mit uns eine Zurückführung nach Palästina weder erwarten noch wünschen, mit welcher Stirne können wir in das Gotteshaus treten und Formeln aussprechen, wie etwa folgende : Blase mit großer Posaune zu unserer Freiheit, erhebe das Panier unsere Zerstreuten zu versammeln und bringe uns zusammen, von den vier Ecken der Erde, führe unsere Richter zurück wie früher... oder: Kehre nach deiner Stadt Jerusalem zurück in Gnaden und wohne in ihr, wie du verheißen, und baue sie in unseren Tagen als ewigen Bau, und errichte den Thron Davids bald in ihr. oder gar: Sei es dein Wille, uns in Freuden in unser Land zurückzuführen und uns in unsere Grenzen einzusctzen, und dort wollen wir dir unsere schuldigen Opfer bringen u. s. w. Mit welcher Stirne, frage ich, könnten wir diese und ähnliche Formeln aussprechen? Einem Menschen eine Lüge ins Gesicht zu sagen, hält man für entehrend, wie soll man cs nennen, wenn man dasselbe Gott gegenüber thut? Wenn wir Gott mit dem Munde um etwas anflehen, wovon wir gerade das Gegentheil im Herzen hoffen und wünschen, ist das nicht ein Hohn und wird nicht so die reinste Beziehung des Menschen zu Gott, das Gebet, zur entsetzlichen Lästerung? Dem Privatmann bleibt, so lange dieser Zustand wahrt, nur ein Mittel übrig, wenn er sein Gewissen wahren will, freilich ein beklagenswerthes, aber doch nur das einzige, er muß die Synagoge meiden, er muß sich vom gemeinsamen Gebete fern halten. Ich selbst werde nie eine Synagoge besuchen, so lange in ihr Gebete aufsteigen, die in meinem Munde nichts mehr und nichts weniger als eine Blasphemie sind, es sei denn, daß ich polizeilich dazu angehalten würde, eine Voraussetzung, deren mögliches Eintreffen, nach dem merkwürdigen Aktenstücke in Nr. 24 dieser Blatter, mir nicht ganz fern liegt. Ich glaube, daß alle, die in Beziehung auf den Messias ebenso wie ich denken, auch ebenso handeln müssen, ich glaube namentlich, daß für die Mitglieder des Reformvereins hierin eine dringende Aufforderung liegt, mit allen ihnen zu Gebot stehenden Kräften darauf bin zu wirken, daß sie sich einen ihrer Ansicht angemessenen Gottesdienst verschaffen. So lange dieses nicht durchge-. setzt ist, bleibt Nichts übrig, als sich laut und in Masse auszufprechen, und dies ist in dem dritten Artikel unserer Erklärung geschehen. Aber Sie und alle Rabbinen, die wie Sie über den Messiasglauben denken, wie genügen Sie Ihrem Gewissen? Die Synagoge können Sie nicht meiden, das leidet Ihr Amt nicht, die messianifchen Gebete können Sie nicht aussprechen, das laßt Ihre Frömmigkeit nicht zu, Sie werden solche ohne Zweifel überschlagen, und auch das möchte nicht immer angehen. Aber wenn es auch anginge, genügten Sie damit als Lehrer und Leiter einer Gemeinde Ihrer Pflicht? Wenn die Gemeinde, wie Sie, einen Messias, wie er im Gebere erfleht wird, weder erwartet noch wünscht, was kann Sie abhalten, diese Gebete abzuschaffen? wenn Ihre Gemeinde in einem so wichtigen Punkte nicht Ihrer Meinung ist, wie können Sie an deren Spitze bleiben? In der Tbat, ich kann nicht anders glauben, als daß man diesen Mißstand, ich möchte lieber sagen, diesen Frevel, nicht lebhaft genug fühlt, sonst könnte ich nicht begreifen, wie unsere denkenden Rabbinen noch so wenig für dessen Abstellung gethan haben. Man hat schon einen Versuch gemacht — doch ist er von keinem Rabbinen ausgegangen — einige dieser &ebete zu entfernen, aber ist eine Lüge darum minder eine solche, weil sie statt zehnmal nur einmal ausgesprochen wird? Ich hoffe zuversichtlich, daß man bei einer demnächstigen Revision des Gebetbuches, wie sie durch die erste Rabbinenversammlung in Aussicht gestellt ist, der Wegräumung eines so wahrhaft unsittlichen Zustandes die ernsteste Sorgfalt widmen wird. Hier handelt es sich nicht darum, etwas abzuschaffen, was dem einen werth, dem andern gleichgültig ist, nicht um die Enrfernung einer Lächerlichkeit, hier wird man sich entscheiden müssen. ob man denen genügen will, welchen die messianifchen Gebete von Herzen gehen, oder denen, in deren Mund sie zu einer Lästerung ausgeartet sind. Möge es eine gute Vorbedeutung für den künftigen Muth unserer Rabbincn sein, daß sie ihre erste Versammlung am Grabe Heinrich des Löwen gehalten haben. Ich habe gerne die Gelegenheit ergriffen, mich einmal in der Kürze über diesen faulen Fleck des bestehen-

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