Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1844)
- Date
- 1844-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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286 Zeit nicht fern ist, wo es nicht mehr nöthig sein wird, über dessen dogmatischen und praktischen Unwerth viel Worte zu verlieren. In historischer Beziehung wird er Werth behalten, Vas will nicht viel sür seinen inneren Gehalt sagen, denn cs kann keine noch so schlechte Scharteke geben, die nicht historischen Werth erlangen könnte, wenn sie das Glück hat, alt genug zu werden. Wenn ein römisches Hökerweib zu den Zeiten des Numa Pompilius den Einfall gehabt hätte, ein Verzeichniß ihrer alten Lumpen aufzusetzen, und es hatte sich bis jetzt erhaben, die Philologen würden es gewiß als einen Schatz betrachten. Bedeutender wäre es allerdings, wenn der Talmud, wie Sie behaupten, für das Verständniß der mosaischen Lehren von Wichtigkeit wäre. Indessen, so lange Sie die5 nicht an bestimmten Beispielen nachgewiesen haben, nehme ich keinen Anstand, die Gegenbehauptung zu wagen, daß es, neben den vielen Bibelstellen, deren Verständniß der Talmud auf lange Zeit gehemmt und verdunkelt hat, keine einzige gicbt, welche durch ihn besser erklärt würde als ohne ihn. Darüber zu streiten verlohnt sich indessen vorläufig nicht der Mühe, so lange noch viel wichtigere Differenzpunkte vorliegen. Anders ist cs mit dem Messiasglauben. Was Sie an der Art und Weise, wie sich der Reformverein über diesen Punkt ausgesprochen hat, zu tadeln haben, kann ich bei der gewissenhaftesten Prüfung nicht herausfinden. Soviel steht aber nach Ihren eignen Worten fest, und das ist die Hauptsache, daß Sie den Inhalt unserer Erklärung in diesem Punkte vollständig adoptiren. Auch Sie erwarten keinen Messias, der uns nach Palästina zurücksühren soll. Aber knüpft sich denn hieran gar keine praktische Folge? Ist diese Ansicht mit den bestehenden Formen des Judenthums so vertraglich, daß sie ihm gegenüber nur als eine harmlose Theorie erscheint? oder verlangt sie nicht vielmehr gebieterisch eine höchst wesentliche praktische Umformung? Ich will hier gar nicht von dem Zusammenhang des Messiasglaubens mit unserer bürgerlichen Stellung sprechen, wiewol auch diese ernst genug ist, ich will mich blos an dessen religiöse Seite halten. Wir sind gewiß darüber einig, daß der Gottesdienst vor allem Andem unsere besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen muß. In ihm, wenn irgendwo, tritt das religiöse Bewußtsein in die äußere Erscheinung. Alle sonstigen Handlungen, welche die Religion gebieten mag, sind Sache deS Einzelnen, im gemeinsamen Gebete tritt das Judenthum als das Band einer Gemeinde auf. Hier, wenn irgendwo, ist der Einklang des Gedankens mit dem ausgesprochenen Worte, welches ja nur den Gedanken vertreten soll, unerläßlich. Aber wie drückt sich denn unser Gebetbuch über den Messiasglauben aus? Ich will gar nicht von den Gebeten, die eine spätere Zeit hinzugefügt hat, gar nicht von solchen, die besonderen Veranlassungen eigenthümlich sind, ich will nur von den ältesten, nur von denen reden, die für die tägliche religiöse Erbauung bestimmt sind. Sind diese nicht durch und durch mit der Vorstellung eines Messias getränkt, der uns aus der Gefangenschaft erlösen und nach Palästina zurückführen soll? Dem Gebetbuche gereicht das nicht zum Vorwurf, es ist der Ausdruck einer Ueberzeugung, die einst im Judenthume die herrschende war, und welche unsere Orthodoxie noch jetzt als die ihrige anerkennt, zu welcher sie nicht blos berechtigt, sondern sogar verpflichtet ist. Ich muß es nemlich in Abrede stellen, wenn Sie behaupten, die Verheißung eines Messias, eines Erlösers von leiblichen Nebeln (?) und von geistiger Knechtschaft, zöge sich wie ein rother Faden, durch sammtliche Bücher der heil. Schrift. Ich will es nicht einmal mit dem Worte sämmtlich so genau nehmen, welches bei genauerem Zusehen leicht in seinen Gegensatz Umschlägen könnte; ich darf voraussetzen, daß Sie die Bibel mindestens ebenso gut kennen als ich, und da müssen Sie auch ebenso wie ich wissen, daß in manchen dieser Bücher auch nicht das kleinste Fäserchen dieses Fadens zu finden ist. Aber kennt denn der Pentateuch, der doch wahrlich keinen unbedeutenden Theil der heiligen Schrift ausmacht, einen solchen Messias, wie Sie ihn schildern? Gewiß nicht. Im Pentateuch ist der Strafe der Zerstreuung unter alle Völker die Rückkehr nach Palästina als Lohn der reuigen Buße entgegengesetzt. Auch wenn die Verstoßenen am Ende des Himmels sein werden, wird sie der Herr von dort versammeln und in das Land zurückführen, welches unsere Eltern geerbt haben. Das ist der Wortlaut des Pentateuchs, mit welchem viele Stellen in den Propheten zusammenstimmen. Eine starre Orthodoxie, welche von keinem Hinausgehen über den Gedankenkreis des Pentateuchs wissen will, muß also auch nothwendig diese Verheißungen als eine unabänderliche Wahrheit ansehen, und da man nicht verlangen kann, daß sie zu der erbärmlichen Ausflucht greifen soll, als ob das göttliche Wort durch das traurige Staatsleben zur Zeit des zweiten