Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1844)
- Date
- 1844-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Gebet nicht eine Lüge? Welches ist wol daS reinere Judenthum? Das, welches zur Zeit der Zerstörung Jerusalems gelehrt und ausgeübt wurde, oder daS, zu welchem wir uns bekennen, und das sich, trotz widerstrebender Rabbinen, Bahn brechen und sich Gemeinden schaffen wird? Nein, wir wünschen den damaligen Zustand nicht zurück, weder den religiösen, noch den politischen, und wollen den erstorbenen 2fcG njwn nicht wieder aus dem Grabe heraufbeschwören. Das ist die Gesinnung der großen Mehrheit unserer Gemeinde und wir können nicht begreifen, wie der Vorstand, der doch dieselbe repräsentirt, die Abhaltung der erwähnten Gebete in solcher Gestalt gestatten konnte. Aus Oberschlesien. (Corrcsp.) Ich hatte in meiner letzten Mittheilung versprochen, mich über meine Ansicht, daß die geistige Richtung der Talmudisten einen Fortschritt involvire, was Holdheim zu leugnen scheint, näher auszulassen, und will dieses nun in Folgendem thun: Es scheint mir nemlich Alles darauf anzukommen, daß man den Begriff der Fortbildung richtig und seinem innersten Wesen nach auffasse; sie findet da überall statt, wo man sich nicht an den Buchstaben, an den todten Ausdruck der Schrift klammert, sondern ihren Geist, ihren lebendigen Gehalt erforscht, und zwar ist die Fortbildung in Beziehung aus den eigentlich religiössittlichen Inhalt der Schrift, aus Erfassung ihrer hohen Wahrheiten von Gott, Tugend und Unsterblichkeit stets nur eine subjektive, d. h. der Menschengeist wird immer tiefer in diese Wahrheiten eindringen, sie seinem Verständniß immer näher bringen, je mehr er selbst in der Bildung seiner Vernunft, in dem Kreis seiner Vorstellungen fortschreitet, je mehr er sich dazu befähigt, den reinsten und tiefsten Gehalt der Offenbarung in sich aufzunehmen. In Beziehung jedoch auf den ceremoniellen Theil der Schrift, d. h. auf denjenigen, der den zeitlichen und localen Ausdruck der religiös-sittlichen Wahrheiten bildet, und die Erinnerung und Belebung derselben nach Maaßgabe der bestehenden äußern Verhältnisse, der politischen, socialen und Gesittungszustände fördern soll, ist die Fortbildung einerseits zwar stets eine objektive, d. h. die Ccremonieu nehmen eine andere, von der, welche die Schrift selbst ihnen gibt, abweichende Gestaltung an, bringen sich in dasjenige Verhältniß, welche dem Standpunkte der Gesittung, dem Bedürfniß ihrer Zeit gemäß ist; anderntheils aber ist die neue Gestaltung auf Vermehrung oder Verminderung der Teremonien dennoch schriftgemäß, dem ge, offenbarten göttlichen Gesetze entsprechend, da. dieses ja von vor» herein diesen Theil seines Inhaltes als wandelbar, als der Kort- und Umbildung,, der Vermehrung und Verminderung unter, worfen geben mußte. — Es kömmt also um bei der letzten Fort, bildung, die den eigentlichen Streitpunkt bildet, stehm zn bleiben, Alles darauf an, daß sie erkannt werde, daß man die Nothwendigkeit einer Rücksichtsnahme auf die Zeit und die veränderten Verhältnisse einsehe, daß man, mit einem Worte, sich von der Stabilität, von der Herrschaft des Buchstabens frei mache, und dafür die Befolgung des göttlichen Gesetzes nach seinem Geiste und wesentlichen Inhalte statuire. Diese Emancipatio» von der Herrschaft des Buchstabens, diese Erhebung zu einer immer freieren und schöneren Religiosität, diese wirkliche und wahre Fortbildung, hängti nun freilich ihrem Umfange nach von der Stärke des sittlichen und politischen Bewußtseins, wie von dem staatlichen Verhältnisse und dem Einfluß, welchen dieses auf den inneren Menschen ausübt, ab, ihrem Wesen nach aber ist sie vorhanden, sobald man nur den Buchstaben flüssig gemacht, sobald man nnr eingesehen, man könne nicht immer und überall das von der Schrift für gewisse Zeit- und Ortsverhältniffe vorgeschriebene Ceremonialgesetz ausüben, oder es so auSüben, w i» sie eS vorschreibt. Zu dieser Ueberzeugung hatten aber die Talmudisten sich erhoben; und wenn man nur die Lebensanschauung der ganzen damaligen Zeit, die das dogmatische und ceremonielle Element weit über das sittliche setzte, bedenkt, und hiermit die isolirte Stellung der Juden, welche sie gar nicht zum Bewußtsein des menschlich-bürgerlichen Wirkens kommen ließ, sondern alle Kraft in das Innere, in die Anbauung und Vervielfältigung des Ceremonialgesetzes, das ihnen ein besonderes Mittel zur Seligkeit schien, zurückdrängte, in Verbindung bringt, so wird man weit entfernt das reformatorische Wirken der Talmudisten gering zu achten, eS vielmehr sehr hoch anschlagen, und sich sagen: Nun, wenn Männer, die mit solcher Aengstlichkeit an dem biblischen Ceremonialgesetz hingen, dennoch sich so manche Verletzungen gestatteten, vor welchen die biblischen Caraiten und noch mehr die heutigen rabbinischen, trotz der dringenden Forderung der Zeit zurückschrecken würden*): so darf die gegenwärtige Zeit **) wahrlich nicht so viel Rühmens davon machen wen» *) Wir wollten einmal sehen, ob unsere starren Rabbanite» eS wagen würden, das Essen am Versöhnungstage, die Uebertretung des Sabbats, überhaupt die Verletzung jedes Ceremonialgesetzes, sobald das Leben und die Gesundheit in Gefahr geräth, zu gestatten, oder auch den talmudischen Unterschied von niSiÖ nr6nn zu statuiren, hätten es nicht für sie und längst vor ihnen die Lehrer des Talmuds gethan! **) Wir sagen mit Fleiß die gegenwärtige Zeit, denn wen» Holdheim auch mit größerer Schärfe jenen Unterschied zwischen den rationellen uud dem religiösen Elemente der Schrift geltend machte, so war er doch nicht der erste der es that. Vor chm