Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1844)
- Date
- 1844-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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263 Ja, wir dürfen uns dessen freuen, sehen wir nur auf die neuesten Bewegungen im Judenthum und seine literarischen Erscheinungen. Unter diesen muß ich vorzüglich auf die jüngst erschienene Brochüre Holdheims: „Ueber die Beschneidung, zunächst in religiös-dogmatischer Beziehung" (Schwerin 1844) Ihre Leser aufmerksam machen. Mit derselben Rüstigkeit und Thätigkeit, mit der Hr. Dr. Holdheim in neuester Zeit die Zeitfragen im Bereiche des Judenthums ergriffen und behandelt hat, wird auch die Streitfrage über die Beschneidung von ihm in Betracht gezogen, und man ist bei der Beurtheilung der genannten Schrift in Verlegenheit, ob man mehr den Scharfsinn und das tiefe rabbinische Wissen, oder mehr die Kühnheit, mit der H. pfäfsischen Anmaßungen gegenübertritt, bewundern soll. Da Sie gewiß diese werthvolle Brochüre einer genauer» Besprechung unterwerfen werden, so genügt es hier, auf die Hauptresultate derselben hinzuweisen. Der Verfasser reducirt seine Aufgabe auf die Beantwortung folgender Punkte: 1) Ist die Beschneidung ein so nothwendiges Merkmal des israelitisch - confessionellen Characters, daß das nicht beschnittene von jüdischen Eltern geborne Individuum als dem Judcnthume nicht einverleibt zu betrachten ist? 2) Ist der Vater der die Beschneidung seines Sohnes unterlaßt, oder der mündig gewordene Israelit, der die an ihm nicht vollzogene Beschneidung noch ferner unterläßt, als Israelit zu achten? 3) In welcher Art hat sich die jüdische Religionsbehörde daran zu betheiligen, wenn die Beschneidung unterlassen wird? Darf sie direct oder indirect die Beschneidung durch Gewalt — wenn sie dieselbe in Händen hat — selbst erzwingen oder durch das Anrufen obrigkeitlicher Hülfe erzwingen lassen? Die erste und der zweite Theil der dritten Frage wird verneinend, die zweite bejahend beantwortet, und zwar geschieht dies mit so gründlicher Gelehrsamkeit und überzeugender Beweiskraft, daß wir die Sache dadurch erledigt und diese kleine Brochüre für werthvoller als den ganzen Band rabbinischer Gutachten, die Herr Trier veranlaßt hatte, halten. Bei der Beantwortung der dritten Frage erklärt Hr. Dr. Holdheim ganz unumwunden, (im Gegensatz zu den hierarchischen Anmaßungen Manheimers, der vorzüglich neben Frankel und M. Sachs * *) *) Von dessen Gutachten sagt Hr. Holdheim r „Am wissenschaftlichen Gehalt steht es noch tief unter dem des Herrn Mannin der vorliegenden Schrift hart mitgenommen wirdr „ich scheue die Erklärung nicht, daß, obwol ich die fortdauernde religiöse Verbindlichkeit der Beschneidung anerkenne, dennoch in einem ähnlichen Falle, wie der zrr Frankfurt a. M., ich keiner andern Mittel als der der Belehrung gegen den Renitenten mich bedienen und im Falle, daß sie fruchtlos blieben, den Knaben gleichwol in die Kirchenbücher eintragen, it)n confirmiren, feine Ehe rinsegnen, ihn, wenn er stirbt, zur Beerdigung auf den jüdischen Gottesacker zulassen und das Geschrei der Zeloten in und außerhalb meiner Gemeinden unbeachtet lassen würde." — Bei solcher Unerschrockenheit und Kühnheit, verbunden mit umfangreicher tiefer Gelehrsamkeit mag sich dann Herr Dr. Holdheim trösten, wenn etwa Hr. Raph. Sams. Hirsch auch die besprochene Schrift angreifen sollte. Das Schriftchen: „Zweite Mittheilungen aus einem Briefwechsel über die neueste jüdische Literatur, ein Fragment" (Altona 1844), das gegen Holdheims „Autonomie" gerichtet ist, hat so wenig Bedeutung, daß man es jetzt gewiß so gut als verschollen erkläre» kann. Mag immerhin Begeisterung und redlich gemeintes Streben für fein vermeintes achtes Judenthum feine Feder führen und sie nicht selten aber in Galle tauchen, mag er auch manche Unrichtigkeit Herrn Holdheim i» seiner Schrift Nachweisen*), so ist doch der Grundgedanke in Holdheims „Autonomie" weder in feiner Tiefe von ihm erfaßt, noch daher widerlegt worden. Hirsch hat durchaus jeglichen Einfluß auf die Gegenwart verloren, statt sich in ihrem erfrischenden Wellenschlag zu stärken, schneidet er Grimassen, wenn er nach langer Zeit sich in das ungewohnte Element hineintaucht; seine Zeit ist abgelaufen und sein Fragment mag daher nur feinem Philipp (an den die Briefe gerichtet sind, der aber, wie uns scheint, schon klarer wie Hirsch sieht) oder unklaren Köpfen seiner Richtung Freude machen. Anerkennen müssen wir jedoch, daß Hirsch in der vorliegenden Schrift eines klaren und verständlicheren Styls sich befleißigt und seinen antidiluvianischen Lapidarstyl aufzugeben Miene macht. — heimer. Auf andern Gebieten der Wissenschaft mag Herr Dr. Sachs ein rüstiger Forscher sein; die rabbinische Sphäre scheine ihm ftemd zu sein, und er in derselben mit vieler und sichtlicher Unbeholfenheit sich zu bewegen. *) Einzelnes hat Holdh. schon in der Freund'schen Monats, schrift berichtigt, und die ganze Schrift von Hirsch soll, wie wir hören, von ihm besonders widerlegt werden.