Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1844)
- Date
- 1844-08-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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95» anerkennt. Bauer müßte konsequent sagen: du Kaufmann, du Grundbesitzer, du Tagelöhner kannst nicht Staatsbürger werden, so lauge du eben Kaufmann, Grundbesitzer, Tagelöhner bist. Die politische Emancipation ist also die Zersetzung des Menschen in den Religiösen und den Staatsbürger; sie ist zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emancipation überhaupt, aber doch der menschlichen Emancipation innerhalb der bisherigen Weltvrdnung. Die politische Emancipation läßt also sehr wol die Religion in ihrer Besonderheit bestehen, und letztere kann demnach keinen specifischen Widerspruch mit den Staatsrechten erzeugen, ebensowenig wie sie dem Anspruch auf die s. g. Menschenrechte entgegensteht, in deren Begriff vielmehr die unbeschränkteste Religionsfreiheit eingeschlossen ist. — Dies ist im Umriß die Gedankenentwickelung der umfangreichen scharfsinnigen Marx'schen Kritik. Man sieht, worin der wesentliche Unterschied in der Kritik Bauers und in der seines Kritikers liegt: Bauer erhebt die Religion zu einer souveränen Macht, die den ganzen Menschen ausfüllt und besitzt, um ihre Niederlage im Kampfe mit der souveränen Macht des Staats als absolut nothwendig darzustellen; ihm erscheinen Religion und Staat im Zweikampf auf Leben und Tod um die Herrschaft des Menschen — r sein Gegner schlägt die Religion viel niedriger an; er weist sie in die Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft, als ein ideelles Privatinteresse, das mit dem allgemeinen Interesse zwar in einem Zwiespalt, aber nur in einem solchen lebt, der leicht zu ertragen, ja der nothwendig zur Voraussetzung des Staates ist; aber indem er die Religion so für den Bürger annullirt, rettet er sie für den Menschen. — Das praktische Resultat ist also die Möglichkeit der politischen Emancipation trotz der Religion; über ihr Schicksal in der s. g. menschlichen Emancipation kann die Religion einstweilen noch beruhigt sein, da die »bisherige Weltordnung" noch lange nicht ihr Ende erreicht hat. — Aus Rheinbaiern. (Corresp.) Der treffliche Karl Grün, dessen in Nr. 20 Ihrer Blätter mit Recht so rühmlich gedacht wurde, hat in seinen bei Leske in Darmstadt eben herausgekommenen »Bausteinen« sich wieder in so gediegener und sreimüthiger Weise über die innere Emancipation der Juden vernehmen lassen, daß ich es mir nicht versagen kann. Einiges daraus Ihren Lesern mitzutheilen. Möchten noch recht viele solcher Bausteine von Deutschlands Schriftstellern zusammengetragen werden. Die Sache des Rechtes, der Freiheit, der Humanität würde gewiß bald den schönsten Sieg erringen. — Grün sagt: »Sobald wir in Deutschland anfingen, ernstlich die Emancipationsfrage zu ventiliren, handelte es sich um zwei Punkte; um eine Freilassung der Israeliten und um eine Freiwerduag derselben. Beides muß Hand in Hand gehen. Wir können, d. h. der Staat kann nicht Jemanden in den volle» Genuß aller Bürgerrechte einseßen, der nicht alle Pflichten zu erfüllen im Stande ist, der nicht zugleich die frische Luft des Jahrhundert-, des wissenschaftlichen und socialen Fortschrittes durch seine veralteten Zustände hindurchstreichen läßt und der Staat muß denjenigen freilaffen, der sich inwendig selbst frei gemacht hat, oder voraussichtlich machen wird. Daß die Juden seit den Zeiten MoseS Meudelsohn'S durch Aufklärung, Bildung und Reform den eingerosteten Zustand des polnischen Judenthums verlassen, daß sie das Jüdisch-Deutsche mit ächtem Hebräisch und ächtem Deutsch vertauscht, deutsch gepredigt, deutsch unterrichtet, ihre religiösen Codices kritisch untersucht, den Glauben wissenschaftlich formulirk haben, und neben dieser Reform im Innern ihrer Gemeinde auch eine geistig frische Theilnahme an der christlichen Welt und Wissenschaft, an Allem, was von Bedeutung und Gewicht sein kann, entwickelt haben, wer wollte dies läugnen? Es müßte denn Einer die Erscheinungen seit 50 Jahren mit geschlossenen Augen angesehen oder den Blick absichtlich von den Regungen einer Religionsgesellschaft abgevendet haben, die sich in diesem Zeitraum auf die lobenswürdigste Weise bestrebt hat, die geistigen Ansprüche der Emanzipatorrn zu befriedigen. Wer uns hier die Schacher¬ und Bandjuden des platten Landes, die Kleinwucherer entgegenhalten wollte, als ob diese unsere Aussagen gröblich Lügen straften, dem stellen wir dagegen die Frage, ob denn alle gemeine Franzosen den Begriff der Charte inne haben! Es kommt hier lediglich auf die Durchschnittsstufe und auf die Spitzen an; wenn diese als fähig befunden worden, so ist die allgemeine Befähigung ausgesprochen und Lehre und Erziehung müssen die Masse nachbilden, wie dies bei allen Neuerungen immer und stets der Fall ist und sein wird.« Der Verfasser unterzieht nun einen Artikel in der Aachuer Zeitung in welchem der Reformverein eine »Neusekte« genannt worden, einer Beurtheilung und bemerkt hierüber: »Eine jüdische Neusekte« (nebenbei ein höchst unglücklicher Ausdruck; denn wo ist die Altsekre, ist das übrige Judenthum eine Sekte?) soll sich bilden! Es braucht sich im Judenthum keine Sekte zu büden, das ganze Judenthum ist von den wissenschaftlichsten Männer» aus seiner Mitte, dem verstorbenen Dr. M. Ereizenach, dem vr. Geiger und Anderen, als in stetem Fluß befindlich betrachtet worden und konnten alle Erscheinungen, die nur die Grundbasis beibehalten, innerhalb desselben stehe» bleiben. Keine reformatorische Tendenz braucht audem große» Ganzen herauszutreten, und wird dann um so mächtiger, auf-