Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1844)
- Date
- 1844-08-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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249 Hut, am Sabbate, wo das Geschäft ruht, und Gottes- und Lehrhaus ihn blos erblicken soll, gewahrt man ihn mit der Zobelmütze auf dem Kopfe. Und, o Wunder, da wagten es mehrere ange. sehene Männer in Brody, auch am Sabbate im runden Hute zu erscheinen und fanden bald viele Genossen. In Krakau glaubten es etwa 50 meist junge, jedoch verheirathete, Männer energischer angreifen zu müssen. Sie kamen, aber in aller Stille, beim Landtage ein, daß dieser ein Gesetz emaniren lasse, wonach sämmtliche jüdische Jünglinge wenigstens drei Schulklassen durchgemacht haben müssen, die deutsche Kleidung anzulegen haben, widrigenfalls sie erst nach zurückgelegtem 30. Jahre heirathen dürfen. Allein man hörte doch davon, und nun gab es ein Rennen und Bestechen, um die Namen heraus zu bekommen. Sie wissen, daß eö in Polen unwiderstehliche Mittel gibt, um Geheimnisse zu erfahren, und die Liste der 50 war in den Händen der Zobelmützen- und Kaftan-Eiferer, und, Himmel, welche Namen fand mau darunter! Männer, die in dem Gerüche der größten Vollgläubigkcit standen, die sogar die Würde eines Gabbei im Beth-ha-Midrasch bekleideten. Da mußte das Herz in Wehklagen ausbrechen, des Jammers kein Ende sein und die Wuth kein Ziel kennen. DaS Grab des heiligen Moses JssarleS, der uns mit so schönen Zäumchen und Gebräuchelchen beschenkt hat, so, daß wir den Lebensparten und die LcbenSsitte nicht kennen lernen, das Grab dieses Heiligen, der in Krakau ruht, aber auch dort noch recht lebendig ist, wird von Schaaren heulender Frauen besucht, und das Wehe erschallt auf der Stätte der Todten um der Sünde der Lebenden willen. Der Casimir ist in Aufruhr, und ein neuer Streit der Mützen und der Hüte scheint vor der Thüre zu stehn. Uebrigens hat man an beiden obengenannten Orten auch andere, mehr das Innere berührende Versuche gemacht. In Krakau hat die deutsche Gemeinde einen Gottesdienst mit Choralgefang errichtet; die Theilnehmer sind freilich eine geringe Anzahl, und man intriguirt gegen sie auf jede mögliche Weise, dennoch bleiben sic fest und beharrlich, und man scheint von Seiten der Behörden ihr Unternehmen mit günstigen Augen zu betrachten. — In Brody war vor einiger Zeit bei der Wahl neuer Vorstandsmitglieder ein recht arges Leben. Die jüngeren gebildeten Männer, deren es dort eine nicht unbeträchtliche Anzahl gibt, hatten ihr Augenmerk auf den auch im Auslande als tüchtigen Gelehrten bekannten, nicht minder aber als entschiedenen, konsequenten Charakter ausgezeichneten Herrn Josua H. Sehorr gerichtet, und man dürfte von seiner Verwaltung auch viel Ersprießliches erwarten; allein noch war der Widerstand zu groß. Nun wolan, erwache Brody, und rüttele Dich auf, damit Deine vielgorühmte Bildung auch als. eine wahrhaft religiöse sich kund gebe und nicht Perl's Manen noch ferner düsterblickend auf Dich Hinschauenl Du könntest ein Muster sein für Galizien, und siehe, längst schon hat Tarnopol Dir den Kranz entwunden, und Lemberg, daS finstere, vom Mittelalter beherrschte, hat Dir den Vorrang abgewonnen! — Von Kohn's Wirken in Lemberg dringen übrigens fast keine Nachrichten bis zu uns. Noch einige Worte nur über Oberschlesien, das noch immer nicht recht weiß, ob cs zu Polen oder zu Deutschland gehört. ES hat sich bis vor Kurzem um setne eigene Vergangenheit und um die Bestimmung des Bundestages, die es Deutschland anreihen, wenig gekümmert. Der Bauer sprach wasserpolnisch und soff Branntwein, der Jude hatte seinen Kretscham und lebte blindlings weiter in alter Gewohnheit. Hatte sich nun auch, namentlich der Jude, der überall mehr die Sitten der gebildeten Klassen annimmt als die des Volkes, vielfach civilisirt, so müssen doch noch immer mächtigere Antriebe kommen, um die Bevölkerung zur Deutschen gänzlich umzugestalten. Tie von dem Irländer Mathew ausgehende Mäßigkeitsbewegung hat sich nun auch wie Sie wissen, der oberschlesischen katholischen Geistlichkeil bemächtigt, und das Landvolk wurde, wie dies im KatholiciSmuS nur zu häufig der Fall ist, zu einem guten Zwecke bearbeiret, ohne daß man in der Wahl der Mittel peinlich gewesen wäre. Gelübde wurden abgenommen, der Teufel stand drohend hinter jedem Säufer, und die Aufregung gegen die Juden, welche durch den Branntwein Gift verbreiteten — ein im Geiste des 19. Jahrhunderts reformirte Anklage auf Brunnenvergistung — vergaß man auch nicht anzufassen. Nun ist es allerdings wahr, daß viele Juden dort Besitzer von Schenken sind, aber die Zahl der Christen, welche diesen Erwerb treiben, ist nicht minder groß, nur mit dem Unterschiede, daß jene nüchtern sind, während die christlichen Schenker auch zugleich exquisite Trinker sind. Auch die Anklage, welche man nachher erhob, die jüdischen Schenker, die allerdings nun den Verlust ihrer Nahrung schmerzlich gewahren mußte», suchten die Bauern zum Uebertreten ihrer Gelübde zu verlocken, beruhte blos auf Speculation, um neuen Judenhaß anzufachen; mir ist ein Fall bekannt, wo in einer oberschlesischen Stadt P..., eine christliche Schenkerssrau, die Bauern in ihre mit allen Heiligen geschmückte Trinkstube mit den Worten einlud: Wo könnt ihr besser selig werden, als hier bei mir, wo euch von allen Seiten die Heiligen freundlich Beifall zulächeln? Und es gelang auch den Bemühungen einiger fanatischen Mönche und anderer sie benützenden kommunistischen Judenfeinde wirklich nicht neue Judenverfolgungen anzuzettcln; der Lärm den man geschlagen, verhallte, und Alles ist wieder still. Mögen die Bau rn ihren Gelübden treu bleiben und dadurch zu höherer Gesittung