Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1844)
- Date
- 1844-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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248 -m 18. Mai Statt gehabte Entlassung von 15 Mädchen der ReligiouSschule in der Synagoge hat einen großen und wolthuenden Eindruck hervorgebracht, und selbst Männer, die als Gegner Geiger's bis jetzt bekannt waren, haben sich davon so angesprochen gefühlt, daß sie ihre Kinder dem Religionsunterrichte übergaben. Diese Schule ist jetzt in voller Blüthe, und etwa 200 Kinder genießen dort den Unterricht, ein Resultat, das in einer Gemeinde, wie die hiesige, ohne allen Zwang, ein höchst erfreuliches zu nennen ist. Auch die Behörden, namentlich der Magistrat, suchen derselben möglichst Borschub zu leisten, obgleich sie sich als von gesetzlichen Mitteln zu diesem Zwecke entblößt betrachten. Ein bekanntes Blatt, erzürnt über die Anerkennung, welche Geigern aus der Leitung dieses Unterrichtes erwächst, nennt die Mädchenconfirmation „eine grenzenlose Albernheit"; wir sind nicht gewohnt, mit diesem Blatte in Urtheilen und Neigungen übereinzustimmen, und beneiden es nicht um seine Kritik. Allein man erkannte wieder, wie der Osten Preußens bis jetzt das Eindringen heilsamer Einrichtungen, welche im übrigen Deutschland schon so ganz gewöhnlich worden sind, von sich abgewehrt hat; denn in der That erschien diese Confirmatian als so etwas Außerordentliches, daß die öffentlichen Blätter mit viel zu großer Emphase davon sprachen.— Auch der Lescvercin ist so glücklich, von manchem Correspondenten des benannten Blattes begeifert zu werden; der zweite Bericht über denselben wird einem Jeden, der rechten Sinn hat, zu einem unbefangenen Urtheile verhelfen. *) UebrigenS hat mit dem Anfänge vorigen Monats Geiger daselbst Vorlesungen begonnen, über chaldäische Sprache, denen außer jüdischen auch mehrere christliche Theologen beiwohnen. — Auch das bürgerliche Selbstbewußtsein wachst erfreulich. Am 19. Juni war, wie alljährlich, für mehrere Bezirke der Stadt die Wahl der neuen Stadtverordneten und Schiedsmänner; bekanntlich können ersteres Amt Juden bekleiden, aber nicht letzteres. ES war daher ganz angemessen, daß in einem Bezirke, nach Beendigung der Stadtverordneten-Wahl, ein Bürger jüdischen Glaubens sich *) Es liegt dieser Bericht vor uns, und wir können das Urtheil des verchrlichen Correspondenten vollkommen bestätigen. Die Anzahl der Mitglieder hat zugenommen, die Bibliothek hat sich um 520 Nummern vermehrt, und nicht nur werden alle neuern Erscheinungen angeschafft, sondern auch darauf gesehen, daß die Lücken, welche in der alten, wichtigeren Literatur da waren und sind, allmälig ergänzt werden. Auch der frühere Beschluß, mit dem Vereine eine Anstalt zu verbinden, welche jungen Männern, die mit ernstem Willen und gereisten Anlagen frühere Versäumnisse rascher nachholcn und sich für eine höhere Gymnastalklasse vorberciten möchten, die Mittel hierzu an die Hand gebe, wurde mit Beifall ausgeführt. Red. erhob und erklärte, daß er nun, da man einen neuen SchiebSmann zu wählen gedenke, sich aus der Versammlung entfernen werde, und forderte auch seine sämmtlichen anwesenden Glaubensgenossen dazu auf, die dann auch mit ihm übereinstimmten, da sie nicht den Anschein nehmen wollten, als billigten sie ihre Ausschließung von der passiven Wahlfähigkeit. Nach mehreren Verhandlungen mit den anderen Anwesenden, die aufs freundlichste sie baten, doch dieses Vorhaben nicht auszusiihren, kam man darin überein, für dies Mal noch dem Acte öeizuwohncn, jedoch im Protokolle eine Verwahrung und die Erklärung niederzulegen, daß die Bürger jüdischen Glaubens künftighin von diesen Wahlen sich zurückziehcn würden, wenn ihre Fähigkeit, gewählt zu werden, nicht unzweideutig ausgesprochen werde. Auf die Resultate der Rabbinen-Versammlung ist man hier sehr gespannt. Möchten die Protocolle über jene wichtigen Berathungen bald erscheinen und zur Lösung der verwickelten Lage unserer religiösen Angelegenheiten das Ihrige beitragen! Das benachbarte Polen überschwemmt uns noch immer, hemmt uns geistig, und entzieht uns materielle Kräfte durch die ewigen Ansprüche und Spekulationen aus unseren Beutel. Doch kommen auch einige junge Leute von dort her, die, dem dortigen bürgerlichen und geistigen Drucke sich entziehend, hier ernstlich für ihre höhere Ausbildung bedacht sind und zu schönen Hoffnungen berechtigen. Es fehlt freilich daselbst nicht an inneren leisen Regungen; allein diese vermögen sehr schwer zur Aeußerung und Gestaltung zu gelangen. Die Reformbestrebungen beginnen gewöhnlich mit dem Acußerlichsten und müssen es auch ihrer Natur nach; es ist ungerecht, wenn man in diesem Gange der Dinge Flachheit oder Nachahmungssucht erblicken will, des Menschen Sinn haftet an dem Aeußeren, und es wird auf der einen Seite ebensoviel Gewicht darauf gelegt, wie auf der anderen darin das mächtigste Hemmniß, dessen Beseitigung zuerst zu erwirken ist, betrachtet werden muß. In Polen ist die s. g. jüdisch-polnische Kleidung für die Stabilen die kräftigste Abwehr gegen das Andringen jeder Zeitidee und das treueste Spmbolum ihrer ausgezeichneten Frömmigkeit, für die, welche sich mit deutscher Bildung erfüllen wollen, die eherne Mauer, gegen die sie anrennen möchten, wenn nicht die Furcht vor dem Zelotismns der Masse und der älteren Verwandten sie in ihrem Eifer zügelte und muthlos machte. Zugestutzt wird freilich die Kleidung vielfach, und man möchte sie gerne in unmerklichen Uebergängen der deutschen annäheren, doch ist die Abweichung zu groß. In neuester Zeit that man aber doch einige Schritte. Sie wissen, daß der Sabbat besonders dieser heilig vermeinten Kleidung sich erfreuet; trägt der Geschäftsmann auch im Laufe der Woche einen runden