Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1844)
- Date
- 1844-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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£4? Erstaunen und Entrüstung erregen, und letztere wird um so größer, wenn man sich die einzig möglichen Gründe zur Erklärung dieser ttaurigen Erscheinung vergegenwärtigt. Es ist nemlich entweder religiöse Verschrobenheit, wie bei Hrn. Samuel Hirsch u. A., oder ein Streben nach geistlicher Herrschaft, von welchem sich auch die rabbinischen Jünger der Wissenschaft sich nicht frei halten können, oder endlich eine Schüchternheit, eine Demuth und Verzagtheit dem Frankfurter Rabbinen gegenüber, ein Sichfreuen und sich Geehrtfühlen, daß die Häupter der älteren Orthodoxie sich herabließen, ihre jüngeren studirten Amtsbrüder um ihr Gutachten anzugehen, was diese Herren alle von vorn herein befangen machte, was ihre freie Ueberzeugung bestach, was sie dahin führte, daß auch sie Zwang in religiösen Angelegenheiten gut heißen, und ein Ausschließungssystem sanctioniren, gegen welches die jüngste Vergangenheit erst auf so edle Weise angekämpft hat. Das ist betrübt, und gibt zu den gerechtesten Besorgnissen Anlaß. Denn was werden unsere Feinde sagen, wenn sie davon hören, was wird man über unsere Bildung, über die Aufklärung, deren wir uns so oft rühmen, über die Freiheit von allem Dogmen- und Glaubenszwang, welchen wir — und gewiß nicht mit Unrecht — unserer Religion zuschreiben, urtheilen, wenn solche Stimmen noch in dem Lager Israel gehört werden, von Männern gehört werden, die die Lehren der Weltweisheit auf deutscher Universität gehört, und nun ihrer spotten, nun sich berauschen lassen von ein paar Körnchen Weibrauch, den der Frankfurter Rabbine ihnen streuet, nicht fühlend, daß sic, welche aus dem göttlichen Quell der Wissenschaft geschöpft, und zu der Höhe einer edleren Gesittung sich hinauf gearbeitet, auch auf dem rabbinischen Stuhle eine höhere Stufe einnehmen, als das fanatische, unwissende und ungebildete Rabbinat der freien Reichsstadt* *). — Darum liegt es an allen anderen bessergesinnten Rabbinen unserer Zeit — sie mögen nun über die Beschneidung an sich denken, wie sie wollen, oder durch ihre Stellung gehindert sein, sich frei nach ihrer Ueberzeugung darüber auszusprechen — jenem Glaubens- und Gewissenszwang entgegen zu treten; sie phantastisch - verschrobenen und fanatischen vr. Sachs in Prag in seinen Ansichten zurückbringen lassen. Leider! scheint sich dieses durch das Gutachten des Elfteren, wie durch manches Andere, was man von ihm hört, zu bestätigen. *) Zur Zeit, wo dieses geschrieben wurde, war Hr. vr. Stein noch nicht Mitglied desselben. sind dieses der Ehre unserer Religion, dem Wohle unserer Brüder und der Würde ilres eignen Amtes schuldig. Schweigen wäre hier Lerrath, eine Bloßstellung und Brandmarkung der Judenheit vor den Augen von ganz Europa. Darum zweifeln wir auch nicht, daß es geschehen werde; *) und in diesem Falle wollen wir untrösten, ja uns gern von der freudigen Hoffnung erfülle» lassen, daß auch dieses neueste traurige Ereigniß auf dem Gebiete unseres Glaubens zum Heil und Segen gereichen werde. Hat es sich durch die Verfügung des Frankfurter Senats abermals bewährt, daß deutsche Regierungen der Stimme des Glaubenszwanges ihr Ohr nicht mehr leihen, so wird es sich durch jene Erklärung heraussteklen, daß auch die besseren Führer der deutschen Judenheit eine solche Gewkssenstyrannei verabscheuen, und daß wenigstens ein großer 2heil unserer Brüder, die religiöse Duldung, welcher er sich rühmet, und die Gewissensfreiheit, welche er gegen außen anspricht, wirklich verdiene. Geschichte »es Tages. Breslau im Juli. (Co.rresp.) Wir leben jetzt hier trt Frieden, wenn auch nicht in vollständig geordneten Verhältnissen; diese sind auch in den s. g. alten preußischen Provinzen, in welchen das Edict vom 11. März 1812 als Gesetz gilt, fast unmöglich. Nur die Berliner Gemeinde hat das Glück, das Excutionsrecht zu besitzen; in allen andern Gemeinden steht es dem Einzelne« frei, seine Beiträge zu leisten oder nicht, und die richterliche Hülse, die für gewisse Beiträge wirksam ist, ist doch immer sehr schwer zu erlangen und ruft immer Gehässigkeiten hervor. Unb trotz allen diesen Hindernissen gedeiht das Gemeinwesen. Ich habe Ihnen früher berichtet, daß Rabbine Geiger, durch eine neue Schärfung veranlaßt, das Provinzial-Schul-Eollegium angegangen hat, sein Gebot, daß jüdische Knaben in Gymnasien und Realschulen am Sabbate schreiben müssen, wenn auch nicht ganz und gar aufzuheben, doch dahin zu mildern, daß, sobald kerne Störung der Schulordnung durch daS Unterlassen des Schreibenherbeigeführt werde, kein Zwang stattfinden solle; das Provinzial- Schul-Coltegium ist auf diese Ansichr eingegangen, und sind die Rectoren zu dieser milderen Praxis angewiesen worden. — Die *) Wie wir aus einer uns eben zugekommenen Schrift »o« Holdheim über die Beschneidung (Schwerin, Kürschner) ersehe«, so hat dieser wackere Gvtteögelehrte jener Erwartung auf eme seiuer würdigen Werse bereits entsprochen. Wir werde» diese interessante Schrift demnächst ausführlich besprechen. Red.