Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1844)
- Date
- 1844-08-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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346 hundert, daß «an glaubte, das Zudenthum gehe unter, wenn die Frauen ein Haar sehen ließen, wenn man ein deutsches Buch/ ein ^1OO wie man es nannte, las, oder wenn gar einer, der zum Rabbinen sich bildete, es wagte, ein wissenschaftliches Werk zu studiren. Hat man es ja als ein Verbrechen angesehen, das Hebräische grammatikalisch zu erlernen; hat man doch Mendelssohn in den Bann thun wollen, weil er die Thora in reines Deutsch übersetzte und hat der Berliner Rabbine es bedenklich gefunden, die bisher in dem jüdisch-deutschen Idiom gehaltene Admonition für Schwörende dahin abzuändern, daß sie, wie Mendelssohn vorgeschlagen, entweder in reinem Hebräisch, oder reinem Deutsch, oder in beiden zugleich abgehalten wurde*). Was würde aus uns geworden sein, hätten diejenigen, welchen damals schon eine bessere Ueberzeugung inwohnte, auf das Volksbewußtsein im falschen Sinne, auf den Irrthum, auf d-K VorurtheU der Masse, Rücksicht nehmen wollen? Standen wir nicht noch da als Mumien einer abgestorbenen Vergangenheit, verstrickt in orimtalische Unwissenheit und Barbarei, fremd dem Boden, der uns geboren, abgesondert von dem Volke, das uns vor Jahrhunderten schon in seine Mitte ausgenommen, und nach und nach uns gem gleichen Antheil an dem Rechte des Menschen und des wirklich Eingebürgerten gestatten will. Nein! wie stets der Fortschritt in der Geschichte von wenigen Dessergefinnten ausgegangen, und von diesen erst sich über die Masse verbreitet und ihr gemeinsames Gut geworden, also auch unter uns. Nicht nur daß das Judenthum durch das, was man damals als Ketzerei und Gottlosigkeit verschrieen, nicht gefährdet ward, hat es sich vielmehr durch jene Handlungen und was sich an sie knüpfte, immer mehr geläutert, immer mehr seinen edleren Kern entfaltet, immer mehr seiner ursprünglichen Bestimmung: ein Heiligthum für alle Völker, die Religion der Menschheit zu sein und zu heißen, fich genähert. Mit der von Einzelnen jetzt begonnenen Unterlassung der Beschneidungs-Ceremonie wird es nicht anders sein. So sehr auch die große Mehrheit ihrer Glaubensbrüder jetzt noch Anstoß daran nimmt, — unter richtet und aufgeklärt über die Bedeutung dieses Gebrauches, und ermuchigt durch das Beispiel, welches Einige bereits gegeben, werden immer mehrere sich demselben ««schließen, ohne daß wir hiervon Gefahren für unseren *) S. Moses Mendelssohns Lebensgeschichte, im ersten Beuche -er neuen Ausgabe seiner Schriften. (Leipzig 1843.) Glauben, für unsere Religio», die die Bürgschaft für ihr ewiges Sein nicht in ihren Ceremonien, sondern in ihren göttlichen Lehren und sittlich-hohen Vorschriften hat, zu fürchten hätten. Nein! „besteht und blüht — wie Rießer treffend sagt — das Judenthum, während die Beobachtung aller übrigen Vorschriften keine andere Stütze wehr hat, als die freie Ueberzeugung der Einzelnen, und während sich viele mit größter Oeffentlichkeit und Beharrlichkeit über dieselbe hinwegsehen, so wird es zu bestehen und zu blühen fortfahren, wenn auch dieser letzte, im höchsten Grade verwerfliche und widersinnige Zwang zu einer Ceremonie, deren Verletzung wahrlich weniger als irgend ein anderer die Oeffentlichkeit berührt, erst völlig hinweggefallen sein wird." Wir können unsere Betrachtung nicht enden, ohne auf jenen verwerflichen und widersinnigen Zwang, wie er nun doch, trotz der Abmahnung Rießers, versucht worden ist, einige nachdenkende Blicke zu richten: Es mußte nemlich alle Wolgesinnten im höchsten Grade betrüben, daß, wahrend in unserer Zeit in Sachen des religiösen Glaubens und Thuns das Recht der Individualität immer mehr anerkannt wird, und wie billig, immer mehr anerkannt werden muß, da gerade die Freiheit, das Handeln aus eigner Ueberzeugung, die Grundbedingung, der Lebensodem einer jeden religiösen Handlung ist; wahrend auch die orthodoxen Diener der Kirche es immer mehr verschmähen, gegen ihre Pflegbefohlenen einen Zwang zur Ausübung auch der wichtigsten kirchlichen Gebräuche eintreten zu lassen, — eine große Anzahl Rabbinen solchen wieder fordert, und diejenigen, welche den Beschneidungsgebrauch nicht beobachten wollen, von ihrer Religionsgemeinde, von dem Rechte zu schwören, ein Zeugniß abzulegen, oder die Tochter eines Israeliten zu heirathen, ausschließen will. Es würde uns weniger betrübt haben, wenn Leute, die aller wahren, wissenschaftlichen Bildung baar, die noch ganz die Binde talmudifcher Finsterniß um die Augen haben, wie ein Sutro, Bamberger, Wechsler, (nicht zu verwechseln mit seinem Bruder dem Oldenburgischen Landrabbinen B. Wechsler), H. Schwarz, I. Ettlinger, jenes Verbannungsurtheil ausgesprochen, aber daß sich ihnen auch jüngere, wissenschaftlich-gebildete Rabbinen, ja selbst ein Prediger, der einst einer der ersten'war in den Reihen derer, die für unsere innere Freiheit, für den Fortschritt in Lehre und Cultus kämpften, angeschloffen *), muß *) Man sagt Herrn vr. M—x nach, n habe sich durch den