Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1844)
- Date
- 1844-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S4S überschätzt worden ist, dem sich nun die anonyme Verfasserin des vorliegende« Romanwürdig angeschlossen hat. Wer bereits dieselbe aus ihrem früheren Geistrsproducte „Elementine« kannte, durfte von vornrherein nichts Gewöhnliches von „Jenny» erwarten, und wer über die Gesinnung in diesem Roman Ln Bezug auf die Juden zweifelhaft war *), den belehrte das Motto, was er zu erwarten hatte. Dieß gibt die schönen Worte aus der Vorrede der gediegenen Werkes von v. Rönne und Simon: „Ein Stamm, aus dem der Erlöser, die Madonna, die Apostel hervorgegangeu, der nach tausendjähriger Verfolgung dem Glauben und den Sitten seiner Väter treu geblieben, nach tausendjährigem Drucke noch hervorragende Größen fiir Wissenschaft »ud Kunst erzeugt, muß jedem andern ebenbürtig sein.« Man muß den Muth einer Meinung haben, sagt der menschenfreundliche Alex. v. Humboldt und wir müssen ihn ehren. Schon wegen des weiblichen Zartsinnes, des feinen Taktes, der humanen, reinen und edlen Gesinnung, die durchweg in dem Buche herrscht, müssen wir unS über solche Erscheinung in der Literatur freuen, wenn nicht schon das bedeutende Talent der Darstellung, die edle Sprache und die Tiefe des Geistes unsere vollste Achtung für die Verfasserin beansprucht und ihr Buch der besten Empfehlung würdig macht. — Es ist der Kampf der socialen Verhältnisse, die ihren Grund in den Schranken haben, die der Staat den Bekennern verschiedener Evnfession gesetzt hat, mit den Sympathien der Seelen, die keine Schranken kennen, der Kampf des Glaubens mit der Liebe, den die Verfasserin im Herzen eines jungen Mädchens, der Hauptheldin Jenny, zur Darstellung bringt. Ein jugendliches Gemüth, das, erzogen von vorurtheilsfreirn Eltern, unberührt von den Satzungen der jüdischen Religion geblieben ist, Jenny, wendet ihre erste, reine und darum'veredelnde Liebe einem christlichen Candidaten der Theologie zu, der diese Liebe mehr durch sein imponirendcs Wesen zu gewinnen wußte, als daß eine wahre Serlenharmonie die Herzen zu einander geführt hätte. Reinhard, so heißt der Candidat, ist von innigem Glauben in etwas supernaturalistischer Richtung durchdrungen, und auch bei der Geliebten finden die starren Satzungen dieses Glaubens leicht Zutritt, da sie diese nur unter dem Reflex der Liebe betrachtet; so daß sie, wenn auch nach manchem Seelenkampfe, Christin wird. Sie wäre auch nunmehr als solche vielleicht glücklich gewesen, wenn nicht Reinhard von Ihrer Liebe Opfer verlangt hätte, die ihr Gewissen unmöglich bringen durfte. Der aus diesen Verhältnissen *) Die „Europa« von A. Lewald theilte schon früher ein Vxuchstück auS „Jenny« mit. entspringende Kampf der Liebe mit der Wahrheit ist meisterhaft geschildert. Neben dieser Liebe erscheint die eines andern Paares des Bruders der Hauptheldin, vr. Meyer, zu einer Christin, Clara Horn, zu sehr in den Schatten gestellt, und die Entsagung Clara's und ihre Ehe mit einem reichen Engländer, wird gewiß manchem Leser nicht poetisch genug erscheinen. Andere Figuren, wie die des vr. Steinheim und dessen Mutter, sind trefflich gezeichnet. Wir haben es absichtlich unterlassen, auf den Inhalt des Romaus weiter einzugehen, wir müßten sonst ganze Bogen ausziehen, die des Schönen über Kunst (besonders treffend ist das Urtheil über Bendemann's „trauernde Juden«), über social» Stellung der Juden, über Religion so viel enthalten, auch wollen wir nicht dem Urtheile und dem Interesse des Lesers vorgreifen. Nur das sei hier noch bemerkt, daß uns das erste Kapitel, das uns durch seine dramatische Schilderung in mcdias res einführt, ein Muster der Darstellung erscheint, und nur diesem Vorzüge ist es zuzuschreiben, wenn das darauf Folgende etwas matter erscheint. Mögen wir der hochgeehrten Verfasserin recht bald wieder im Felde der Literatur begegnen, und möge» ihre edlen Bestrebungen recht bald Früchte tragen. — y. Berlin. (D. A. Z.) Die Deutsche Allgrm. Zeitung hat von der sogenannten Erklärung des KreiSoberrabbinen Borchardt in Frkedland Notiz genommen (Nr. 177), welche unsere Vossische Zeitung jüngst als Insertion mittheilte. Das Ganze scheint ein Scherz zu sein, wie auch schon aus der Haltung jener Insertion hervorgeht, wahrscheinlich eine Satyre auf das hyper-orthodoxe Judenthum. Denn bei uns existiren gar keine KreiSoberrabbinen; mithin ist der Kreisoberrabbine Borchardt in Friedland eine Mythe. Es soll uns übrigens freuen, wenn wir durch Thatsachen überzeugt werden, daß die hohen Behörden in ihrer Fürsorge für die jüdischen Zustände KreiSoberrabbinen irgendwo eingesetzt hätten, was sehr wünschenSwerth wäre, aber ein pium desiderium bleiben möchte. Frankfurt a. M. Das dortige Journal enthält folgende Mittheilung eines Israeliten: „Der mächtige Impuls alles geistigen Lebens, der Fortschritt, hat in Frankreich einen seiner schönsten Triumphe gefeiert. DaS israelitische Generalconsistorium hat kraft seiner ihm zugrsicherten Machtvollkommenheit beschlossen, die Feier des Sabbats von Sonnabend auf den Sonntag zu verlegen. Von der außerordentlichen Wirkung, welche dieser Beschluß Hervorrufen muß, der die Scheidewand, welche beide Confessionen trennt, niederzureißen bestimmt ist, wird die Zukunft glänzende Beweise liefern. Frankreich hat die Bahn gebrochen, und Deutschland einen Fingerzeig gegeben, auf einem neuen Wege die Ausgleichung der Diffe-