Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1844)
- Date
- 1844-07-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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241 Vor einiger Zeit erschien unter dem Titel: „Jenny" Roman von der Verfasserin der Clementine, bei Brockhaus (Leipzig 1843. 2 Bde.), ein Buch, das — es sei hier sogleich gesagt — keine geringe Sensation hier gemacht und manche Bibliothek veranlaßt hat, es zwei oder mehrere Mal anzuschaffen. — Das Buch ist ein Tendenzroman und seine Tendenz ist die geselligen Verhältnisse und Bestrebungen der Juden zu beleuchten und zu fördern. Wenn es überhaupt zu bedauern ist, daß wir Deutschen so arm an Tendenzromanen sind (Levin Schücking hat durch seinen neuen Roman einen glücklichen Versuch dazu gemacht), wenn unter uns ein Boz und Eugen Sue erst geboren werden soll, so liegt in der That weniger der Fehler an dem Talente unserer Dichter, als an dem Mangel einer durchgebildeten Praxis, einer Kenntniß des wirklichen Lebens und einer durchgli'chenden Wärme für dasselbe. Wir sind noch immer zu große Philosophen; die Aesthetik, die Kunst spukt uns noch zu sehr in den Köpfen, so, daß wir uns gar arg vor jeder Erscheinung in der Literatur fürchten, die recht tüchtig in das volle Leben eingreift, die bessern, läutern und geißeln will. Ich will nicht erst den Streit berühren, der sich über die Möglichkeit einer politischen Poesie erhob, und der unsere Aesthetiker gewaltig in den Harnisch brachte, während diese, unbekümmert um denselben, immer mehr gedieh, und durch die That allen Controversen ein Ende zn machen scheint. Aber auch gegen jeden Tendenzroman wird mit einer Wuth hergefallen, als über einen Bastard, eine Mißgeburt der Kunst. Was hat man nicht Alles gegen Boz geschrieben, seitdem er die harmlosen Pickwickier verlassen, und von Rickelby an eine recht wirksame Tendenzliteratur in England gegründet hat, was schreibt man nicht noch jetzt gegen Eugen Sue's Misterien, und was wird man nicht Alles gegen unsern Roman von Seiten der Kunst einzuwenden haben, da dieser sich gar Juden und Judenthum zum Vorwurf gemacht. Zugegeben, die Kunst soll sich Selbstzweck sein, sie soll unbekümmert um die endlichen, getrübten Erscheinungen des Seins, gerade das Ewige, Göttliche, Geistige in den Dingen auffassen und zur Darstellung bringen, und sich deßhalb der Politik, der zeitbewegenden Interessen, die als solche noch nicht zur Abgeschlossenheit gebracht, den ruhig schöpferischen Genius zurückscheuchen, enthalten; ich sage „zugegeben", den es läßt sich noch gar Manches dagegen einwenden, allein man sollte doch auch bedenken, daß es eine nothwendige Forderung jeder zeitbewegenden Frage ist, wenn sie einmal zur abgeschlossenen würdigen Darstellung der Kunst und der Poesie gelangen soll, daß sie ihre Entwickelung habe, und daß der lebendige Geist in der Literatur dahin führe, wer kann das in Abrede stellen? — Seitdem der Begriff der Freiheit, der Menschenrechte sich Geltung verschafft, seitdem man angefangen hat, diesen Begriff auch auf die Juden auszudehnrn, ist auch die Literatur nicht unthätig geweson, freudig ihn zu unterstützen. Seitdem ein Lessing durch seinen „Nathan" es gewagt hat die Juden auf der Bühne, vor dem Volke zu vertheidigen, — seine „Juden" war der erste Versuch dazu — hat man es sogar anstößig gefunden, die Juden auf der Bühne zu beleidigen, und in Berlin mußte im Jahr 1788, in einer Zeit, wo jeder Jude solidarisch für den andern verpflichtet war, ein Prolog vor der Aufführung des Kaufmanns von Venedig die Juden in Schutz nehmen. *) Seit jener Zeit hat man auch versucht in Romanen ähnliche Tendenzen zu verfolgen, und gerade dadurch, glauben wir, wird am besten dahin gewirkt werden, den Juden wenigstens eine bessere sociale Stellung zu sichern und mannigfache Vorurtheile bei dem Volke hinwegzuräumen. Gewiß haben sehr viel Gutes in dieser Beziehung gewirkt die schöne Erzählung „Jonathan Frock" von Zschokke, der treffliche Roman „Jvanhoe" von Walter Scott. „Jom Kipur" von Ruffa, die „Proselytcn und Selma" von Wiener, der „jüdische Gil Blas" und dessen Fortsetzung: „die Sabbatianer", die „Wundersage von Alroy, „Marianne" (drei Bände aus dem Englischen), der „Fluch des Rabbi" von Breier und andere Erzeugnisse geringeren Umfangs in der periodischen belletristischen Literatur; besonders aber waren es nun Berrhold Auerbach und Eugen Rispart, die von einer genauen Kenntniß des Judenthums und des jüdischen Lebens begabt, unterstützt von einem tüchtigen Talente der Darstellung, den eigentlich jüdischen Roman geschaffen haben. Auerbach hat durch seinen ^Spinoza, seinen Dichter und Kaufmann **) das Leben der Juden aus den jüngst verflossenen Zeiten und Eugen Rispart aus den Zeiten des Mittelalters darzustellen versucht, und wenn auch nahe liegende Gründe sie ihre Erzählungen in diese frühere Zeiten versetzen ließen, so können sie doch oft nicht umhin, die Vergangenheit im Reflex der Gegenwart anzuschamn. Christliche Schriftsteller haben es zuerst versucht, aus der lebensvollen Gegenwart den Stoff zu ihren Dichtungen zu nehmen, und durch sie als warme Vertheidiger der Juden aufzutreten. Zuerst H. König durch seinen Roman „Regina", der sich vieles Lob erworben hat, und von andern Seiten, eine Folge der Kameraderie in unserer periodischen Literatur, sogar *) S. Annalen d. Juden in der Mark Brandenburg, S. 329. **) Auch in seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten", seinem neuesten Werke, nimmt der wackere Verfasser nicht selten Anlaß, in populärer, vvlksthümlicher Weise, mit gesundem Menschenverstände die Interessen der Juden zu vertheidigen.