Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1844)
- Date
- 1844-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566942--1061-2568799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SS8 demiß in Egypten eingelassen wurden, wegsielen. Auch die Anfechtung Moses, als er von Midian am Südende -es todten Meeres nach Egypten zurückkehren wollte, und die Egypter an der Grenze aus feinem unbeschnittemn Sohne auf seine ausländische Abkunft schlossen, läßt sich ungezwungen daher erklären. Somit erscheine Beschnittensein an Egyptens Grenze als Bedingung, sie überschreiten zu dürfen, und die Einführung desselben durch Abraham, bei seinem nomadischen Familienstamm, bezweckte die Erleichterung des Verkehrs mit diesem Lande. Betrachtet man hiernach die große Verbreitung des Beschneidungsgebrauchs unter den verschiedensten Himmelsstrichen und den Character der Völker, bei betten sie vorkommt, so wird man bald darauf geführt, daß als gemeinschaftliches Moment allen diesen ein kriegerischer Sinn zukommt. Alle beschnittenen Völker, welche die Geschichte und die Völkerkunde uns beschreibt, sind ausgezeichnete Krieger, die ihrer Umgebung, welche unbeschnitten waren, Schrecken, Ehrfurcht und Gehorsam einflößten, und ihnen durch Tapferkeit und Muth weit überlegen waren. In der Beschneidung aber erkannten sie das beste Mittel, sich als Krieger zu bezeichnen und von den unterjochten feigen Nachbarstämmen auf den ersten Blick zu unterscheiden. Sie diente ihnen also im nackten Zustande, beim Mangel an anderen Auszeichnungsmitteln, als eine militärische Decoration, als ein kriegerisches Erkennungszeichen, gleichsam als Uniform, als Orden." „Flatt aber meint, daß stets eine religiöse Idee die primäre gewesen, die sich bei manchen Völkern, wie den Südamerikanifchen, wieder verloren, oder verwischt, oder verändert haben mochte, die jedoch stets an der Einführung oder Erhaltung dieses Gebrauchs Theil gehabt hätte. Autenrieth dagegen nimmt an, daß die kriegerische Idee die ursprüngliche war, und daß der Nimbus, mit dem sie in der Folgezeit umgeben ward, erst ein Produtt späterer Religionsanschauungen gewesen sei." Es sei schwer — meint Herr B. — zu entscheiden, auf wessen Seite die Richtigkeit der Behauptung stehe. Zu den neuesten Debatten über den fraglichen Gegenstand sich wendend, sucht der Verfasser die in der Beilage zum Frankfurter Journal vom 7. Juli v. I. gegen die Beschneidung angeführten Gründe durch folgende Bemerkungen zu entkräften: 1) wenn die Beschneidung auch von Abraham eingeführt ist, so ist sie doch nur dadurch eben mosaisches Gebot wie viele andere geworden, daß sie erst von Moses bestätigt und bekräftigt wurde, wie dieses im 2. B. M. 15 geschieht; 2) wenn die Beschneidung auch bei den Arabern, Midianitern, Egyptern rc. vorkommt, so trägt sie doch bei diesen Völkern keineswegs den Stempel religiöser Weihe und priesterlicher Heiligung, wie bei den Israeliten; wenn auch die Form dieselbe ist, so ist es doch nicht der Geist. Daß 3) die Beschneidung im Deuteronomium nicht wiederholt wird, ist ein diesen Gebrauch eben so gut als viele andere Riten treffender Mangel, der über ihre Autenticirät nicht entscheidet; 4) ist die Stelle, aus der bewiesen werden soll, daß Moses seinen Sohn nicht beschnitten hatte, so dunkel, daß man mit Leichtigkeit auch einen entgegengesetzten Sinn daraus demonstriren kann; 5) beweist eben die durch Josua vorgenommene nachträgliche Beschneidung den tiefen religiösen Sinn, der in ihr enthalten ist, indem das geweihte, das gelobte Land nur mit einer Schaar von Gottgeweiheten und durch die Beschneidung ihm geheiligten Männern in Besitz genommen werden sollte. Was endlich 6) die Frage anbetrifft, wodurch die Töchter Israels in das Judenthum eintraten, so erledigt sie sich von selbst schon dadurch, daß, nach dem im Alterthum überhaupt gültigen Begriffen über das weibliche Geschlecht, dasselbe in religiöser Beziehung als ein untergeordneter und integrirender Theil des männlichen angesehen wurde, welches allein religiös berücksichtigt wurde." Gegen diese Bemerkungen läßt sich Folgendes einwenden : Zu 1). Der Verfasser jenes Artikels scheint nur deßhalb die Beschneidung nicht als ein förmliches mosaisches Gebot zu betrachten, weil Moses sie nicht ausdrücklich angeordnet, sondern mehr stillschweigend als Bolksgebrauch anerkannt habe, wie dieses Mobamed im Koran gethan, welches erstere doch wol hätte geschehen müssen, hätte die Beschneidung diejenige Wichtigkeit, welche ihr gewöhnlich beigelegt wird. Zu 2). Daß die Beschneidung bei den Arabern rc. weniger den Stempel religiöser Weihe trage als bei den Israeliten, läßt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Ob aber die religiöse Idee, oder eine andere (politische, diätetische) die primäre gewesen, läßt ja, wie wir oben gesehen, Hr. Bergson selbst unentschieden.