Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1844)
- Date
- 1844-07-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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326 Dr. Bergsott ia Berlin, auf Führung von Beschneidungslisten zur Ermittelung deS etwa Lebensgefährlichen dieser Operation, sowie ein anderer auf Abschaffung der fiü’UD von eben demselben, erhielten die Genehmigung der Versammlung. Dieselbe sprach ferner ihre Beistimmung zu den Antworten des Pariser Sanhedrin aus und erweiterte theilweise dieselben noch in dem fortgeschrittenen Sinne unserer Zeit. Für die Abschaffung des Kol Nidre erklärte sich die Versammlung fast einstimmig, ebenso für Beseitigung aller Zeremonien beim Eide und für die einfache Formel; „Ich schwöre bei dem einigen Gott.« Auf den Antrag, für eine gleiche Stellung der jüdischen Geistlichen mit den christlichen zu wirken, ging die Versammlung nicht ein, deßgleichen nicht auf einen anderen, betreffend das bei der Beschneidungsfrage hervorgetretene Ausschließungssystcm *) (auf letzteren deßhalb nicht, weil sie einen heftigen den friedlichen Geist der Versammlung störenden Kampf befürchtete). Hingegen überwies sie drei andere Anträge, betreffend die Abfassung eines neuen mit den Begriffen der Zeitgenossen vereinbarten Gebetbuches, und eines, alle ungehörigen politischenlElemente beseitigenden Ehcgesetzes, ingleichen die Modifikation der Sabbat- und Speisegesetze, resp. die Vereinbarung derselben mit dem Fortschritt der Gesittung und des bürgerlichen Verkehrs, besonderen Commissionen, die ihre Arbeiten der nächsten Versammlung mittheilen werden. Wahrhaft musterhaft war das friedliche, fteundliche Vernehmen unter den Mitgliedern der entgegengesetztesten Ansichten, und ries gewiß bei allen Anwesenden den Wunsch hervor, daß es so auch in den Gemeinden Israels sein möge! Die Schlußberathung bildete die Errichtung einer Kasse, der Abdruck der Protokolle und der Ort der im nächsten Juli 1645 zu haltenden Zusammenkunft, für welche Fraukftrrt a. M. gewählt wurde. Freie Städte. Frankfurt a. M. im Juni. (Corresp.) Das Ergebniß der dieser Tage statt gehabten jährlichen Wahl von drei neuen Mitgliedern in den Gemeinde-Ausschuß, ist auch dießmal, wie bisher, immer im Sinne des Fortschritts ausgefallen. Vorher circulirte folgendes Schreiben: „In dem seit den letzte» Wahlen verflossenen Jahre hat es sich vielfältig kund gegeben, wie sehr die Gegner des immer dringender gebotenen innern Fortschritts bemüht sind, denselben durch alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel zu hemmen und zu hintertroiben. Es werden Versuche gemacht, die erloschene rabbinische Zwangs- *) Nicht die Abschaffung der Beschneidung, wie öffentliche Blätter fälschlich melden. gewalt, die Befugniß zu Bann und Exeommunieation wieder zu erlangen, und aus manchen Aeußerungen geht deutlich genug hervor, wie weit man, einmal im Besitze der Macht, mit diesen Zwangsmitteln gehen würde, und daß man den Vorsatz hegt, dieselben auf eine Weise in Anwendung zu bringen, die tief in das bürgerliche Leven eingreifen würbe. Darum muß es uns Allen, im wahren Interesse unserer Glaubensgenossen wie des Judenthums, eine heilige Obliegenheit sein, alle unsere Kräfte aufzubieten, um die in unserer Gemeinde errungenen Fortschritte zu bewahren und weiter fortzuführen, den Versuchen zu Rückschritten aber entgegen zu treten'und dieselben keinen Raum gewinnen zu lassen. Das sicherste Mittel hierzu ist, wie sich nun^ durch die Erfahrung und das, was seit einiger Zeit in's Werk gesetzt worden, bewährt hat, die Leitung unserer Gemeinde-Angelegenheiten auch ferner in den Händen solcher Männer zu wissen, die das wahre Wohl derselben, «»geblendet durch abgelebte Satzungen, im Auge behalten, und sortschreiten auf der so glücklich betretenen Bahn zur Vereinigung unserer gereinigten Glaubens-Lehre mit den Ansprüchen der Bildung und des bürgerlichen Lebens. Wir erlauben uns daher Ihnen beifolgende Liste von neun Candidaten vorzulegen, u. s. w." Als ein erfreuliches Zeichen der Zeit darf angesehen werden, daß ein jüd. Banquier, welcher die Aufnahme in die (christliche) Casino-Gesellschaft verlangte, die Stimmenmehrheit für sich hatte; statutmäßig hätte er jedoch zwei Drittheile der Stimmen für sich haben müssen, weßhalb dessen Aufnahme nicht erfolgen konnte. Vor etwa 30 Jahren würde .gewiß nicht der zehnte Theil der Mitglieder dieser Gesellschaft für die Aufnahme eines Juden gestimmt haben, wenn die Statuten solche überhaupt gar gestattet hätten. Inzwischen sind freilich vor einigen Jahren die Herren von Rothschild, unter Abänderung der betreffenden Stelle der Statuten, irren wir nicht, selbst ohne Ballotage, zu Mitgliedern ausgenommen worden. — Das Schreiben des Hrn. R. Kirchheim in Ihrem Blatte vom 2. Juni (Nr. 22) verdient um so mehr Anerkennung, als Gradheit nicht zu den Eigenschaften der Faction zu gehören pflegt, für welche er arbeitet. *) Allein wer steht ihm dafür, daß, wenn sein College A. das Grünebaumsche Gutachten „zu unterschlagen *) Hr. Kirchheim ist ^ipn und steht sich als solcher jährlich auf etwa 1500 Fl., beim Abschaffen der Speisege' setze hätte er begreiflich nichts zu gewinnen, daher sein Ingrimm gegen die hiesigen Reformbestrebungen und sein Bündniß mit den Schwarzen. (A. d. E.)