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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-07-14 · Heft 28 (14.7.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 28 (14.7.1844)
Date
1844-07-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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sss Ausschließungen verstehen, wovon gerade unser Gemeindevorstand einen erfreulichen Beweis gegeben hat. Der weitere Inhalt dieses Gutachtens wird nur noch für diejenigen Interesse haben, welche begierig sind zu erfahren, wie einer unserer bedeutendsten Gelehrten über eine wichtige religiöse Frage denkt. Ich will mir daher erlauben, Ihnen einen kurzen Auszug mitzutheilen und einige Betrachtungen daran zu knüpfen. Bei der allmälig fortschreitenden Zersetzung einer Lange bestandenen religiösen Anschauung, kann es nicht fehlen, daß, so lange das Werdende von dem im Untergänge Begriffenen noch nicht völlig losgetrennt ist, aus dieser widernatürlichen Verbindung manches Widerliche entspringt. Platte Naturen, die sich aus mancherlei Rücksichten an das Alte gebunden fühlen, ohne sich dem Einflüsse des Neuen entziehen zu können, werden diesen Zwiespalt, da ihnen jedes leitende Princip fehlt, auf eine platte Weise zu lösen suchen. Sie werden bestrebt sein, das Alte, das ihnen nicht mehr wie ein Heiliges, sondern wie eine Last erscheint, nicht mehr als ein für sich Bestehendes, sondern wie einen unvermeidlichen Anhang zu ihren sonstigen Sitten und Gewohnheiten erscheinen zu lassen. Daraus entstehen so ekle Erscheinungen, wie die „modernen Einladungskarten, auf welchen die Dcschneidung in ein Frühstück übersetzt wird" (S. 10). Solche Kennzeichen der Faulniß werden auf edle Naturen immer einen höchst widerwärtigen Eindruck machen, aber dieser Eindruck wird, je nach ihrer verschiedenen Gedankenrichtung, auch eine ganz verschiedene Wirkung haben, und zwar im Wesentlichen nur eine von zweien. Die Einen, die philosophische Kraft genug haben, werben ihren Blick auf die Zukunft richten, sie werden rinsehen, daß es kein Heil gibt, als in dem entschiedenen Brechen mit dem entschieden Verlebten. Sie werden in der daraus-entspringenden Lücke nicht einen Abgrund, sondern das ausgegrabene Fundament eines Neubaues sehen, sie werden wissen, daß in der ganzen Natur der Bildung eines neuen Organismus die Zerstörung eines bereits vorhandenen vorausgeht. Gott der Herr, sagt eine tiefsinnige rabbinische Mythe, schuf viele Welten und zerstörte sie, ehe die gegenwärtige hervortrat. Die Anderen — und zu diesen gehört Herr vr. Zunz — welchen diese Kraft fehlt, werden in die Vergangenheit flüchten, sie werden sich mit erneuter Liebe an das Alte anklammern, aber vergebens. Denn die Zeit läßt sich ihr Anrecht an denkende Köpfe nicht rauben. Der Versuch einer Rückkehr zu einem bereits verlassenen religiösen Standpunkte, ist im Christenthume schon eine gewöhnliche Erscheinung geworden, weil der Kampf bereits ein alter ist; im Judenthume ist er neu, weil auch der Kampf neu ist. Darum muß man sich wol hüten in demselben den Anfang eines allgemeinen Rückschrittes zu sehen. Ein großer Geschichtsforscher hat diesen Seelenzustand sehr treffend bezeichnet, indem er sagte: wir stehen nicht mehr auf dem festen Boden der Religion, wir klammern uns nur krampfhaft mit den Händen an sie an, und schweben in der Luft. Im Christenthume, dessen Dogmen nur durch äußerst wenige und sich nicht häufig wiederholende Ceremonien in der äußeren Erscheinung vertreten werden, und wo noch dazu diese wenigen Handlungen theils durch den Staat befohlen, theils auch von denjenigen, welchen die zu Grunde liegenden Dogmen fremd sind, in der Regel als Sache des Anstandes behandelt werden, ist die religiöse Umkehr verhaltnißmäßig leichter, da sie sich von einer Meinungsanderung auf irgend einem andern Gebiete kaum unterscheidet. Im bestehenden Judenthume dagegen, welches seinen Bekennern bei jedem Tritt und Schritt Ausübungen und Entbehrungen auferlegt, ist eine solche Umkehr bei weitem schwieriger. Wer sich einmal lange Zeit erlaubt bat, in seinem Hause und auswärts verbotene Speisen zu genießen, wer die strenge talmudische Feier des Sabbats aufgegeben hat u. s. w., dem wird es äußerst schwer, fast unmöglich, theils an und für sich, theils der geselligen Beziehung wegen, wieder zur Beobachtung der unzähligen Gebote und Verbote zurückzukehren, ohne sich lächerlich zu machen. Und so fromm ist man doch selten, daß man die Lächerlichkeit nicht mehr scheute als die Sünde. Hieraus entsteht die dem heutigen Judenthume ganz specisisch eigenthümliche Erscheinung, daß diejenigen, welche wirklich zur alten Glaubensform zurück wollen, die Heiligkeit einer Menge Religionsübungen als unverbrüchlich nothwendig predigen, welchen sie täglich und stündlich entgegen handeln. Liest man dieses Gutachten, so sollte man glauben, Herr vr. Zunz bände sich jedesmal das Taschentuch um die Lenden, wenn er Samstags zu einem der Thore Berlins hinausspazirt, und dennoch will man behaupten, daß er es weder mit den rabbinischen noch mit den biblischen Satzungen jemals allzugenau genommen habe. Ich bezweifle nicht, daß Hr. vr. Zunz Alles, was er sagt, in der besten Ueberzeugung sagt, daß er weit

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