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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-07-07 · Heft 27 (7.7.1844) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 27 (7.7.1844)
Date
1844-07-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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AS Schule *) die Mitte zwischen beiden halten. Allein die Rabbinen haben dadurch einen großen Sprung vor den Lehrern der Kirche voraus, daß sie das, .was dort langst nach allen Seiten und Abstufungen hin durchgeführt ward, bei sich erst einkehren sahen, hierin demnach eine philosophische Nothwendigkeit, ein je nach der Verschiedenheit der menschlichen Individualität verschieden sich gestaltendes Verhältniß zwischen Wissen und Glauben, Philosophie und Religion, Vernunft und Phantasie erblicken mußten; und das macht sie natürlich gegeneinander tolerant, das laßt sie trotz der Verschiedenheit ihrer Ansichten und Bestrebungen doch zu einem Vereine sich verbinden, gemeinschaftlich an einer Versammlung Theil nehmen. Dazu kömmt aber noch, daß in der Rabbinenwelt die einzelnen Partheien noch nicht Köpfe genug zählen, um eine Synode, eine besondere Versammlung für sich von nur Gleichstrebenden und Gleichgesinnten bilden zu können, wie dieses in der Kirche durch den Einfluß, welcher dort schon einige Jahrhunderte die Wissenschaft auf die Gestaltung der religiösen Ideen ausgeübt, der Fall ist, und daß es eine nicht geringe Anzahl religiöser Institutionen gibt, bei welchen auch die Strengorthodoxen einsehen, daß sie nicht länger fortbestehen dürfen, wie z. B. die auf die Zeiten blutiger Verfolgung sich beziehenden Stellen in den Gebeten, die Anwendung der chaldäischen, als der ehemaligen Landessprache, bei rituellen Handlungen, und eine Masse juristischer Bestimmungen und Fiktionen bei denselben, die durchaus nur in den damaligen minutiösen Begriffen ihren Grund haben. Wer also in dem eigenthümlichen Umstand, daß die gedachte Versammlung aus Männern der verschiedensten Ansichten bestehen werde, einen außcr- *) ES sind das diejenigen, welche dem ganzen Schwall der talmudisch-rabbinischen Satzungen religiös-sittliche Gründe unterlegen; sie haben damit, wie dieses auch in der Kirche der Fall war, der Sache der religiösen Aufklärung in hohem Grade genützt; denn indem sie sich gedrungen sahen, den sämmtlichen Ritualgesetzen eine sittliche Bedeutung unterzulegen, verriethen sie ja, trotz allem Protestiren dagegen, daß das humane Element ihnen selbst Grundlage aller Religion sek, daß sie der bewältigenden Macht der Vernunft, der einzig-möglichen Vermittelung zwischen dem Erdensohne und seinem Schöpfer, selbst nicht haben widerstehen können. Und wer nun den Zwang sah, mit welchem sie bei ihrem Allegorisiren zu Werke gingen, wie sie den albernsten, minutiösesten, nur auf einer ganz verschrobenen exegetischen Anschauung beruhenden Satzungen hohe sittliche Zwecke unterlegten, der mußte ihnen gar bald Valet sagen, und sich mit voller Ueberzeugung dem Systeme der denkgläubkgen Rabbinen zuwendrn. ordentlichen Fortschritt, einen großen Vorsprung, den die Synagoge heut zu Tage vor der Kirche hätte, sehe» wollte, würde sehr irren. Demohngeachtet darf man sich, wie gesagt, von dieser Versammlung viel Gutes für die Fortbildung des Judenrhums versprechen. C — e. Geschichte de» Tage». Von der Oder im Juni. (Corresp.) Ich hatte versprochen^) Ihnen noch die wichtigsten Stellen aus dem Programm des vr. Geiger zu der Prüfung in der jüdischen Religionsunterrichts-Anstalt zu Breslau mitzutheilen, und komme nun heute meinem Versprechen nach: ,/Unter den neuen Bedürfnissen", bemerkt der Verfasser, //welche sich im verflossenen halben Jahrhundert in den inner« Einrichtungen der Juden geltend gemacht haben, nimmt der Religionsunterricht für die Jugend der beiden Geschlechter eine Hauptstelle ein. Früher war die Schule im Allgemeinen, und natürlich auch bei den Juden, fast lediglich diesem Unterrichte gewidmet, und das Leben war so eng mit der Kirche verknüpft, daß deren Einfluß den ganzen Menschen beherrschte. Der jüdische Knabe lernte hebräisch, Bibel und Talmud und wurde so alsbald in den Kreis von Vorstellungen eingeführt, die ihm für das Leben die bestimmende Richtung geben sollten, das jüdische Mädcherr war mehr auf die Umgebung des Hauses angewiesen, und lernte praktisch das, was man für feinen Beruf als nothwendig betrachtete. Wenn bei dieser Art von religiöser Erziehung weniger ein klares Begreifen der religiösen Wahrheiten, weniger die gemüthliche Anregung angestrebt wurde, so folgten hierin, wie in alle« andern Dingen, die Juden dem ganzen Impulse der Zeit, da ja auch bei den andern Bekenntnissen ein solches Verfahren vorherrschte. Seitdem hat das Schulwesen einen bedeutenden Umschwung erfahren; Weckung der geistigen Kräfte im Allgemeine« und Tüchtigmachung für den zu ergreifenden Beruf wurden als die wesentliche Aufgabe der Schule hingestcllt, und die Einweihung in die religiösen Lehren der Kirche mußte daher auch eine andere Gestalt annehmen. Sie ward von nun an ein gesonderter Gegenstand unter den vielen andern, welche der junge Erdenbürger sich aneignen sollte, und die Methode mußte der für die anderen UnterricbtSzweige sich anpassen; auch die religiösen Wahrheiten mußten so gelehrt werden, daß sie nicht blos dem Gedächtnisse eingeprägt seien, sondern aus dem Geiste und dem Gemüthe deS Zöglings entwickelt, wenigstens in demselben nachgewiesen *) S. Rr. 23.

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