Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1844)
- Date
- 1844-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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214 das Leitende und Bewegende für die einzelnen Mitglieder selbst zur Theilnahme an jener Versammlung gewesen sein. — Bei der Rabbinenversammlung tritt aber noch der ganz eigenthümliche Umstand hervor, daß an ihr Männer von der entschiedensten Ansicht, von den mannigfachsten, ja sich ganz entgegengesetzten Farben Antheil nehmen. Ich will nicht, um dieses zu beweisen, die einzelnen Namen aufführen die ohnehin ihren Lesern schon bekannt sind, sondern nur auf den Umstand selbst, und auf seine humanwichtige Bedeutung aufmerksam machen, und ihn auch historisch zu erklären versuchen; was am besten durch eine kurze Skizze der neuesten jüdischen Religionsgefchichte wird geschehen können: Mit Mendelssohn hatte in neuerer Zeit die Reform des Judenthums begonnen. (Was früher von Seadjah, Maimonides, Albu, u. A. dafür geschah, hatte keine Nachhaltigkeit, ja konnte bei der Unwissenheit der Rabbinen und dem Druck von außen gar nicht in die Masse dringen.) — Zwar hatte dieser deutsche Moses lange nicht die geistige Energie und die Thar- und Willenskraft jenes ägyptischen, der der bürgerliche und religiöse Erlöser seines Volkes geworden. Mendelssohn war, so zu sagen, noch Scholastiker. Trotz dem, daß er die Philosophie so hoch verehrte und gar manche ihrer Probleme selbst in so geschickter, liebenswürdiger Weife löste; trotz dem, daß er so hohe Achtung vor dem Lichte Gottes in uns, vor der Vernunft hatte, und daher für Vernunftwahrheiten eine besondere Offenbarung gar nicht statuiren wollte; trotz dem, daß er Spinoza vertheidigte, und von den christlichen Dogmen, als der Vernunft widersprechend, schlechterdings nichts wissen wollte: so hatte er doch an die fortwährende Verbindlichkeit der mosaischen Zeremonialgesetze, der Geschichtswahrhciten, wie er sie nannte, geglaubt, und den Beweis zu führen gesucht, daß der Israelit sich von ihnen nicht entbinden dürfe, so lange nicht, „bis es dem allerhöchsten Gesetzgeber gefallen wird, uns seinen Willen darüber zu erkennen zu geben, so laut, so öffentlich, so über alle Zweifel und Bedenklichkeiten hinweg zu erkennen zu geben, als er das Gesetz selbst gegeben bat." *) Der milde, weichherzige Philosoph konnte es noch nicht zu einem Bruche mit dem, was ihm von frühester Jugend an als ein Heiliges gegeben ward, und was seine Glaubens¬ *) S. Jerusalem, zweiter Abschnüt. brüder alle noch dafür hielten, bringen, er blieb, wie gesagt, gewissermaßen noch auf scholastischem Standpunkt stehen. — Aber seine Schüler drangen schon durch. „Wie," riefen sie ihrem schon zu den Vätern gegangenen Lehrer nach, „du hast uns selbst die Vernunft als die alleinige Quelle der höchsten, der sittlich-religiösen Wahrheiten gepriesen; hast dich deßhalb gegen das ganze rabbinische Recht erklärt, weil es Zwang und Strafen, welche die Vernunft in religiösen Angelegenheiten, in Sachen der freien Ueberzeugung nimmer gestatte, statuire, und verlangst beut zu Tage noch, wo das israelitische Volk längst untergegangen, von der israelitischen Religionsgemeinde die Beobachtung von Zeremonien, welche ihr als solche geboten seien! Gibt es eine größere Verhöhnung der Vernunft als dieses? Wird nicht mitsamt der Weisheit Gottes, die Gerechtigkeit, die Allgüte, die Heiligkeit desselben, ja somit er selbst geläugnet und geschmäht, wollte man annehmen, er habe einen besonderen Theil der Menschen bevorzugt, habe den Israeliten Gesetze, Mittel zur Erlangung höherer Geselligkeit gegeben, welche er den übrigen Menschen entzogen? So war schon der rationalistische Standpunkt im Judenthum da, und wenn man von den wenigen Zeremonieen, welche er, als an die providentielle Bedeutung des ehemaligen israelitischen Volkes erinnernd, und dazu gehörte doch nur die Feier des Sabbats und der Feste, noch beibehielt, absieht, so unterschied er sich nur darin von dem Rationalismus in der Kirche, daß er die religiös - sittlichen Wahrheiten in den Büchern des alten Bundes ausgesprochen fand, während der christliche Rationalismus sie nur in den Schriften des neuen Bundes finden wollte; es kam demnach Alles auf jene Antwort Nathans hinaus: „Was mich euch zum Christen macht, daS macht euch mir zum Juden." — Doch in der Rabbinenwelt selbst (die Schüler Mendelssohns gehörten nicht zu ihr,) trat erst dann eine Revolution der religiösen Ideen ein, als sie durch die deßfalsigen Verordnungen der deutschen Regierungen, welche hieran die Bedingung ihrer Anstellung knüpften, genöthigt, sich ebenfalls wissenschaflichen Studien widmeten. Der Kampf, die Ausgleichung, oder auch der Bruch, welcher in der Kirche bereits zwischen den traditionellen Ideen und der philosophischen Anschauung stattgefunden, trat auch hier ein, und rief dieselben Partheien hervor, und so stehen jetzt auch in der Synagoge den Vertretern des rationellen Systems die Anhänger einer strengfupernaturalistischen Ansicht entgegen, wahrend die der allegorisierenden