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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-30 · Heft 26 (30.6.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 26 (30.6.1844)
Date
1844-06-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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210 Labeweisen die ersten Christen, daS beweisen noch viele andere hohe Menschen, die für ihren Glauben — für ihre Idee —'Leib und Leben hingcgeben. — «Das Judenthum ist eine Religion der That, und darum konnte der Mysticismus nie in ihm Wur. zel schlagen.« Ist es Herrn F. wirklich Ernst mit dieser Behauptung? Ist die Kabbala, der eine nicht kleine Anzahl von rituellen Handlungen ihr Entstehen verdankt, die im ganzen Talmud spukt, in einer Masse von Gebeten sich festgesetzt, kein Mysticismus, und würden überhaupt die Zeremonieen «eine solche exorbitante Höhe«, wie Herr F. selbst sich ausdrückt, erreicht haben, hätte man sich nicht von der mystischen Idee leiten lassen, daß dieselbe« au sich von Bedeutung sein, eine Einwirkung auf die Geisterwelt (n^Y^J/2 mTfiJ/Tii"!) ausübtcn, eine günstige Bestimmung des göttlichen Willens zu Wege brächten? Und welches Judenthum ist denn «eine Religion der That"? Das pharisäische, rabbinisch-kabbalistische, wie es von unseren Strengorthodoxen geübt wird? Das will ja selbst Hr. F. nicht;! Also das mosaische, prophetische; wo hat dieses aber der That, der Zeremonie eine so hohe Bedeutung gegeben? Fordert nicht vielmehr Moses nur die Ehrfurcht vor Gott (^O mjn *]t6k 'r, rin rwrrt ek -d “pw bm -snitt 'n) hat er den Ovscrdienst selbst nicht bloß in Rücksicht auf den damaligen Götzendienst beibchaltcn, ETiTC? ritt “U? irCT* tt>') und war es daher nicht sein Geist, in welchen» die Propheten auftraten und wider die Opfer der Widder und das Fett der Lämmer (m CTN nY/U-O predigten? Es kommt nun eine Schilderung der strengorthodoxen und der resormatorischen Partei im Judenthum, und da wird denn von der ersteren gesagt, daß sie für das kämpfe, «was den Frieden ihrer Seele und die Beschwichtigung ihres Gemüthes ausmachc«. Auch eine oft gehörte Phrase, die aber nicht die Spur von Wahrheit hat. Der Jude ist gemüthlich wohl! Er zeichnet sich durch ein innigeres Familienleben, durch eine größere Wolthätigkeit und dcrgl. mehr aus; aber das ist nichts weiter als ein Ererbtes, als eine angeborene Weichheit des Herzens; zu den Zeremonieen steht der orthodoxe Jude durchaus in keinem gemüthlichen Bezüge; er übt sie, weil und so lange er glaubt, daß Gott sie befohlen, daß seine Seligkeit (ja auch sein zeitliches Glück) davon abhinge; sagt sich aber von ihnen los, sobald er eines Bessern belehrt, oder durch Beispiel, vornrmlich aber durch die Collisionen, in welche er dadurch mit einer freien bürgerlichen Thätigkeit kommt, von ihnen abgebracht wird. Ja, gewiß ist es, daß die Masse der talmudischrabbinischen Satzungen, da ihnen aller innere Sinn, alle wahrhafte Erhebung des Herzens abgeht, nur dazu gedient haben, das Ge- Vüthliche, den einfachen religiösen Sinn zu zerstören, und einen tobten Formglauben, einen verknöcherten Zeremoniendienst hervorzubringen. Der resormatorischen Partei hingegen wird von Hrn. F. nachgesagt, es sei eine Lüge, «daß sie das Judenthum reformiren wollen, sie negiren es doch von vorn herein.« Ja wol, das Frankelsche Judenthum, das selbst eine Halbheit, eine Zweideutigkeit und Zwcizüngigkeit, und darum die größte, unverschämteste Lüge ist, wird und muß von der resormatorischen Partei negirt werden; aber das Judenthum, das wahre, wirkliche Judenthum, das Judenthum in seiner Reinheit und Lauterkeit ist den Anhängern dieser Partei eine Wahrheit, ein Kleinod, rin Heiligthum; denn wäre es ihnen daS nicht, was kümmerten sie die Laien, (denn durch Laien ist meistens Alles bisher von Mendelssohn bis auf die Frankfurter Resormfreunde gewirkt worden,) die keinen Rabbinenstuhl einzubüßen, die durch das Beharren in ihrem Bekenntniß nur dessen Leiden, dessen Beschränkungen zu tragen haben, die Entstellung, die Entartung, der Untergang dieses Bekenntnisses. Und was die wenigen Rabbinen, die bisher dem entschiedenen Fortschritt gehuldigt, betrifft, so kann cs ihnen nur Ernst, voller, reiner, heiliger Ernst damit gewesen sein, da ja die neueste Geschichte zeigt, daß sie dadurch am wenigsten auf Beförderung, auf Berufung nach größeren Gemeinden, wie sie Horr F. sich rühmen kann, haben rechnen dürfen. Was ferner Herr F. von der Partei, die im denkenden Glauben steht, und der Vorsicht und Allmähligkeit, die bei Reformen nöthig, sagt, bietet kaum ein Paar neue Gedanken dar. Ueberhaupi hat man in neuerer Zeit viel zu viel Lärm mit dem letzten Punkte gemacht, und doch den Kern, den eigentlichen Brennpunkt, dabei übersehen. Daß kein Rabbine seinen Gemeinden einen Gewissenszwang anthun, daß er nicht in der Praxis Nesormen ausführen werde, für welche die ersteren noch nicht reif sind, versteht sich von selbst; theoretisch aber geht bei denen, auf welche durch Lehre und Unterricht gewirkt werden soll, ohnehin Alles allmälig, natürlich, organisch vor sich. DaS freieste Wort, der kühnste Gedanke, die unumwundenste Belehrung deS Schriftstellers werden doch nur eine allmälige Umwandlung in den Begriffen der Leser Hervorbringen; sie werden nicht eher einen Jrrthum aufgcben, nicht eher eine Ceremonie, an welche sie noch aus Befangenheit (Hr. F. würde sagen; aus tiefer Gemüthlichkeit) hängen, fahren lassen, bis sie ganz davon überzeugt, bis sie durch den ganzen Kreis entgegenstehender Vorurtheile sich durchgearbeitet haben. Daß übrigens vom Schriftsteller der Standpunkt des Publikums (und vom Prediger — mit noch viel zarterer Rücksicht — der seiner Gemeinde) beachtet, daß zunächst in und von diesem heraus auf Weiterführung der Begriffe, auf Läuterung der Ansichten, auf Veredlung der Gefühle gewirkt wer"

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