Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1844)
- Date
- 1844-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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20S dazu es auszusprechen? Hören Sie darüber zum Schluffe noch ein ernstes Wort. So lange der fortschreitende Rabbine, wie der Gott Janus, mit zwei Köpfen einhergeht, den einen vor den Altgläubigen gehorsamst neigend, mit dem anderen dem Fortschritte zuwinkend, so lange er glaubt, keinen Schritt thun zu dürfen, ohne erst zu fragen, was die Verehrer -es Bestehenden dazu sagen werden, so lange darf er sich nicht wundern, wenn ihm die Anerkennung, die er erwartet, nicht zu Theil wird. Für die Gesammtheit sorgt man noch nicht, wenn man Keinem zu nahe tritt, sonst würde der der beste Arzt sein, welcher eher den ganzen Körper verderben laßt, als daß er in ein schadhaftes Glied einschneidet. S i e meinen zwar, nur auf diese Weife das Heil des Volkes fördern zu können. Sie glauben zwar, man dürfe ihm die Reform nur homöopatisch reichen, es könne keine starke Dosis vertragen, es ist dies eine Täuschung, die dem Kranken sehr theuer zu sieben kommen kann. Es ist eine Täuschung, nicht eine Täuschung anderer, ich bin weit entfernt von diesem Gedanken, es ist eine Selbsttäuschung, unter welcher man. sich seine Schwäche verbirgt. Das Volk ist reif genug, ist überreif; das Volk in seinem schlichten Sinne würde euch freudig zufallen, wenn ihr es vom Geistesdrucke befreien wolltet. Was Sie fürchten, wol ohne es zu wissen, das ist ein kleiner, aber energischer Haufe, den Sie Hyperorthodoxe nennen, dem Sie in der Auffassung deS Judenthums viel näher stehen, als Sie glauben, und dessen Standpunkt sich noch viel eherIrechtfertigen läßt, als der Ihrige. Der Hyperorthodoxe bat wenigstens ein Princip, es soll an dem vorhandenen nichts geändert werden, ein Princip, auf das er sich berufen kann, so lange ihm die Unrichtigkeit desselben nicht nachgewiesen ist. S i e aber stützen sich auf kein Princip. Ihr Verfahren ist durchaus willkührlich und Haltungslos, nicht ein fester Gedanke leitet Sie, sondern eine schwächliche Gutmüthigkeit, die cs mit keinem verderben will und gerade deß- «egen alle verletzt. Ein Beispiel statt vieler! Als im vorigen Jahre die Thcuerung der Lebensmittel schwer auf dem Mittelmanne, noch schwerer auf dem Armen lastete, als kaum alle öffentlichen Anstalten und die Wolthärigkeit Einzelner ausreichen wollte, und nun das Osterfest herannahte, warum nahmen Sie, warum nahmen sich so viele Ihrer Amtsgenossen der Noth des Volkes nicht an? Warum traten Sie nicht auf und predigten: „Lieben Freunde, es nahen die Tage de- Festes, welches immer besondere Ausgaben erheischt, der Mangel drückt schon ohnehin schwer auf euch, ich will euch wenigstens eine Erleichterung verschaffen. Ihr sollt nicht einem Wahne euer sauer Erworbenes und eure Gesundheit opfern, oder gar ihm zu Gefallen vor den Tbüren betteln. Seht, es cxistirt ein Gebrauch, er ist noch gar nicht alt, man weiß auch keinen vernünftigen Grund dafür, nach ^welchem man sich am Osterfeste aller Hülsenfrüchte enthält. Daran kehrt euch nicht, ich gebe euch die Versicherung, und wenn ihr es verlangt, will ich es euch genauer Nachweisen, daß dieser Gebrauch durchaus nicht begründet ist. Es ist Sünde, wenn ihr euch deswegen die geringste Freude des Festes verderbt, oder gar darbt und euch erniedrigt." Wie manchem Kummer hätten Sie mit diesen, oder gewiß noch besseren Reden, die Ihnen zu Gebote standen, vielleicht vorgebeugt, wie manche Thräne getrocknet, wie manchen Kranken gestärkt. Und Sie schwiegen, daß ich es leider sagen muß, Ihre Amtsgenossen schwiegen; es ist mir nur eine einzige ehrenvolle Ausnahme bekannt. Und was hielt Sie zurück? Das tausendfältige Geäder des Talmuds? das wurde nicht verletzt; die edlen Lebens« keime des alten Judenthums? die stecken doch wol nicht in den Hülsenfrüchten. Was hielt Sie zurück, wenn nicht die Angst mit der stupidesten Schattirung der Orthodoxie in Streit zu gerathcn? da selbst die nur einigermaßen raisonnable Orthodoxie nicht daran denken kann, diesen Gebrauch ernstlich zu vertheidigen. Und solchen Thatsachen gegenüber wundern Sie sich, wenn die Aufgeklärten mit Geringschätzung auf die Bestrebungen der praktischen Reform herab sehen? Praktische Reform! wo wäre die zu finden! etwa in Ihrem Gutachten über den Hamburger Tempelstreit? Fürwahr das war was Rechtes. Nicht leicht konnte der fortschreitende Rabbinismus eine schicklichere Gelegenheit und eine dringendere Aufforderung finden, die Fortbildung des Judenthumes einem starren Fanatismus gegenüber laut zu proclamiren; hier galt es einmal, entschiedene Worte über die Auferstehung der Todtcn und den Messiasglauben zu sagen, und auf die Abschaffung der darauf bezüglichen unstatthaften Gebete zu dringen, hier galt es, den Tempelverein in seiner Entwickelung weiter zu treiben, und das Bedeutendste, wozu Sie es brachten, war, daß in alle Ewigkeit im Gebete des Juden hebräisch und noch irgend eine Sprache durcheinander gemischt bleiben müsse! Ihr irrt euch sehr. Sie und alle die Ihrer Meinung sind. Die Orthodoxie werdet ihr nie versöhnen; die wird euch gegen den Fortschritt brauchen so lang ihr