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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-23 · Heft 25 (23.6.1844) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 25 (23.6.1844)
Date
1844-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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201 mich daher auf keine Weise verpflichtet, sie als den Ausdruck meiner Ueberzeugung anzusehen. Allein ich habe es mir einmal in den Kopf gesetzt, an dem Netze des Verderbens, welches Sie über die Reform ausgespreitet haben, keine Masche unbenagt zu lassen, und will daher auch über diesen Nachtrag noch einiges mit Ihnen verhandeln. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. AuS Baiern. (ZweiterBrief.) (InnereVerhältnisses Es ist keine angenehme Sache für Jemand, der die Leiden seiner Glaubensgenossen mitfühlt, eine Darstellung der Lage der deutschen Juden zu schreiben. Die Betrachtungen über unsere äußeren Verhältnisse, so trübe Empfindungen sie auch erregen mögen, sind, im Vergleich zu jenen über unsre innere Lage, aber noch leidlich. Mir wenigstens drängte sich dieser Gedanke unwillkürlich auf, als ich eben meinen Stoff zur Darstellung der inneren Zustände der bairischen Juden ordnete. Das Traurige, ja man kann sagen, das Schreckliche unserer innetn Lage, besteht darin, daß sic jedem Menschen- und GeschichtSkcnner die Ueberzeugung aufzwingen: Jahrhunderte der Knechtschaft habenuns so vielfach geschadet, daß mehr als ein Geschlecht vorüber gehen muß, ehe die moralischen Male der Sklaverei aus dem Character der Juden ganz verwischt sein werden. Nicht wahr, der Satz klingt gar nicht artig? Ich weiß eS, man liebt solche Erpectorationcn nicht, man will nicht klar sehen in diesen Dingen. Die unselige Halbheit, die bei uns überall bemerkbar ist, möchte den Satz wenigstens nicht so offen hingestcllt haben, denn er gibt — so raisonirt man — den Feinden der Emancipation Waffen in die Hände, er reißt den Mantel hinweg, mit dem wir unsere Blößen bedecken. Diesen Vorwurf möchte ich nicht auf mich laden; er ist gar zu hart, und doch hört man die Benennung „Rosche" so oft und so unnachsichtig auf Leute angewendet, die nichts thun als streng wahr und consequent die jüdischen Untugenden und Laster, dem Judenthum zu Liebe, zu rügen. Auf meinen obigen Ausspruch dabei zurnckkehrend, mache ich keineswegs gemeinschaftliche Sache mit jenen Thorichten, die in den deutschen Ständeversammlungen den, man kann wirklich so sagen, verrückten Satz aufstellen: die Juden müssen sich der Emancipation erst würdig machen. Albernes Zeug! das Bäumchen verkümmert, dem man die Sonne entzieht, und der Mensch soll gedeihen, dem man die Sonne der Freiheit versagt. Wo Gemüth und Geist an Kriecherei und Knechtschaft gewöhnt, da wird da- Selbstbewußtsein, der edle Stolz de- Menschen auf seine Menschenwürde darnieder gehalten, und mit ihm der Keim so vieler guten Regungen und Handlungen. Daraus geht hervor, daß der moralische Zustand der Juden jetzt noch kein objectiv-günstiger sein kann, daß aber keineswegs die Juden selbst daran Schuld sind. Im Gegentheile, man muß sie bewundern, denn wer weißt mir in dem ganzen Gebiete der Weltgeschichte noch einen Fall auf wie den, daß ein Volk, welches wenigstens siebzehn Jahrhunderte lang die entwürdigendste Knechtschaft auögehalten, nach nur einem halben.T äculum, in dem die Ketten nur etwas leichter gemacht worden waren, so viele Schnellkraft bewies wie die unglücklichen Juden. Fragt die Griechen, die kaum drei Jahrhunderte das Sklavengewand trugen, fragt die Geschichte Spaniens, Italiens, und vor Allem Mexicos, ihr Ständekammermänncr, die ihr so leichtsinnig über uns den Stab brecht! Ja, selbst Deutschland, selbst jener Stamm dem Germanien seine Befreiung vom Römerjoche verdankt, der Chcruskerstamm, gibt abermaligen Beleg. Kurz nach Armins Tod, erzählt TacituS, wurden die Cherusker, weil unterjocht von den Nachbarstämmen, feige und erbaten sich von ihren Feinden, den Römern, einen König (den JtalicuS). — Und jetzt noch! Kann dieses «Experimentiren" mit unserer Freiheit für unseren Charakter von Nutzen sein? Ein Pferd, dessen ungeschickter Reiter den Zügel bald lasser bald strenger anzieht wird unbrauchbar, und dennoch soll der Jude aus diese Weise politisch erzogen werden. Als unsere ,Väter angespuckt von übcrmüthigcn Christen, die ihr „Jud mach Mores" für keine Sünde gegen die Menschenwürde hielten, Freitag Abend mit einem Beutel voll Geld, zu dem liebenden Kreis ihrer Familie zurückkehrtcn, waren sie in demselben dann glücklich, denn die Aussicht nach Erlösung stand ihnen so ferne, daß die Hoffnung daran erloschen, die gräßliche Wunde fast vernarbt war. Noch jetzt ist mancher jüdische Greis in der Erinnerung selig, daß dieser oder jener hohe Herr des Damals so „gnädig" gewesen mit den „Moscheln" gut bezahlte Späße zu treiben. Wir aber, wir sind anders geartet, wir haben fühlen lernen wie Menschen und sind doch nur — „Juden"; wir sollen gut bleiben, gut werden, obgleich tantalische Qualen über uns unschuldige verhängt werden, man zeigt uns die Frucht der Emancipation ohne sie uns zu gewähren. — Es war angenehm die Ursachen aufzuzählen, weßhalb wir so sind, wie wir sind, denn sic liegen außer uns: aber den Zustand selbst zu schildern, ist peinigend. Ich habe keine Hoffnung auf die jetzige Generation, die erstehende scheint besser werden zu wollen. Doch ehe ich zur

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