Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1844)
- Date
- 1844-06-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566937--1016-2568749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
198 Schrift über die Judenftage die Hebamme des Vereins gewesen sei. Ich wollte es wäre nicht schwerer, Sie von allen Ihren übrigen Irrthümern zu heilen. Hätten Sie sich nur ein bischen genauer erkundigt und umgesehen, so würden Sie erfahren haben, daß die Berathungen über Bildung eines Reformvereins bereits im September des Jahres 1842 statt hatten, so würden Sie in der Erklärung des Herrn Dr. Rießer (Allg. Ztg. d. Judenth. 1843, Nr. 33), die Ihnen bekannt war, bemerkt haben, daß ich diesem bereits im November — und zwar, wie ich hinzusetzen kannn, im Anfang dieses Monats - Mittheilungen machte, während jene Arbeit des Herrn Dr. Bauer in den deutschen Jahrbüchern zwischen dem 17. und 26. November erschien. Ich kann daher alles das, was Sie unter dieser falschen Voraussetzung gesagt haben, mit Stillschweigen übergehen, um so mehr, da ich mit den Ansichten des Herrn Di-. Bauer, freilich von einem ganz anderen Gesichtspunkte ausgehend, nicht weniger unzufrieden bin als Sie. Nur möchte ich Ihnen die Bemerkung machen, daß man mit Witzen von leeren Hüten wol leere Köpfe, aber doch warlich keine Richtung bekämpfen kann, die von Männern vertreten wird, welchen noch Niemand bedeutendes Talent abgesprochen hat. Dazu muß man denn doch etwas mehr Philosophie wissen, als Sie zu wissen scheinen. Denn wie kämen Sie sonst dazu, von einer Menschgott-Religion Spinoza's zu sprechen? Lei welchem alten Weibe haben Sie denn Vorträge über Spinoza gehört? Denn gelesen können Sie ihn doch unmöglich haben, nicht einmal etwas über ihn in irgend einer Geschichte der Philosophie. Lesen Sie in Spinoza's Ethik die Erklärung, daß Gott das absolut unendliche Wesen ist, lesen Sie dann, was er über das Verhältniß des menschlichen Geistes zur unendlichen Intelligenz Gottes sagt, und lesen Sie am Schlüsse den Beweis, daß die Glückseligkeit in der Liebe zu Gott besteht, oder besser, studiren Sie das ganze Buch, und wenn Sie dann nochmals von einer Menschgott-Religion schwatzen, so haben Sie cs zum zweiten Male gethan. Ich kann es in der That nicht ohne Entrüstung sehen, daß ein jüdischer Gottesgelehrter so hochfahrend und abschätzig über einen der größten Geister spricht, die je im Schooße unserer Glaubensgenossenschaft geboren worden sind, über einen Mann, den wir allerdings, wenn nicht als unser köstlichstes, doch als ein sehr köstliches Eigenthum requiriren sollen. Gewiß, wenn auch Alles, was Spinoza je gedacht hat, durchaus falsch wäre, es läge in seinem gigantischen Ringen nach Erkenntniß der göttlichen Wahrheit noch immer mehr achtes Judenthum, als in gar vielen poetischen oder prosaischen Schriften, mit welchen der fortkriechende Rabbinismus uns beschenkt hat. Sie haben bei dieser Gelegenheit auch einige Worte über Pantheismus, im Gegensatz zum Monotheismus, für welchen wir unser Herzlut darbieten, fallen lassen, freilich nur unmotivirte Worte, die ich jedoch nicht vorbeilassen will, ohne ihnen eine kleine Bemerkung anzuhängen. Die speculative Theologie, die seit Jahrhunderten dem Judenthume ganz ausgegangen ist, und erst in der neuesten Zeit wieder die ersten schwachen Spuren eines erneuten Daseins zeigt, wird die Aufgabe haben, die verworrenen Vorstellungen aufzuklären, die, eben weil sie fehlte, rücksichtlich des, dem Judenthume zu Grunde liegenden Monotheismus, Mode geworden sind, ich weiß wirklich keinen passenderen Ausdruck. Denn diese Vorstellungen über einen sogenannten reinen Monotheismus beruhen weder auf dogmatischen noch philosophischen Voraussetzungen, und eben deswegen sind sie verworren. Die Geschichte des Judenthums zeigt in der That, daß man sich die verschiedenartigsten Vorstellungen vom Wesen Gottes gemacht hat, ohne hierdurch im geringsten aus dem Judenthume herauszutreten. Der jüdische Monotheismus ist nichts anderes als der Gegensatz des Polytheismus und — wie sich von selbst versteht — des Atheismus; der Monotheismus in seiner allgemeinsten Auffassung, wie Herr Di-. Holdheim sagt, darf aber nicht noch weiter begranzt werden. Selbst im Talmud findet sich die Ansicht ausgesprochen, daß jeder Götzenläugner ein Jude genannt wird. Was würden Sie dazu sagen, wenn etwa jetzt eine Anzahl Juden die Behauptung aufstellte: Gott sei ein körperliches, vielleicht sogar räumlich begränztes, Wesen? würden Sie hierin Khrren Monotheismus wiedererkennen, für welchen Sie Ihr Herzblut lassen? Und dennoch hat es sehr viel Juden gegeben, die diese Ansicht nicht blos gehabt, sondern ausgesprochen und gelehrt haben, und dennoch hat der gewiß sehr orthodoxe Abraham b. David bekanntlich keinen Anstand genommen, einigen solchen das Zeugniß zu geben, sie seien bedeutender und besser als der berühmte Maimonides gewesen. Und nun von der andern Seite stehen die Ansichten vieler Kabbalisten, die doch auch Juden gewesen sind, den Ansichten Spinoza's über das göttliche Wesen nicht bis zur Unkenntlichkeit des Unterschiedes nahe? Und wer will mithin sagen, ob das Ju-