Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1844)
- Date
- 1844-06-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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192 die Besorgniß, das dem Geistlichen nothwendige Ansehen durch die Leitung einer precären Anstalt gefährdet zn sehen, wurden einem solchen wichtigen Interesse gegenüber nicht in die Waagschale von ihm gelegt. Er entschloß sich daher im März des vergangenen Jahres, eine Privatanstalt für den Religionsunterricht zu errichten, und fum der Anstalt eine größere Stütze zu geben und die Kosten zu verringern, übernahm er selbst einen Theil des Unterrichts, nemlich den eigentlichen Religionsunterricht für drei Klassen und den Unterricht in der jüdischen Geschichte. Der Erfolg entsprach auch ganz den Erwartungen. Die Anzahl der Schüler nahm immer zu, und schon jetzt umfaßt die Schule 120 Kinder. So hat sich der würdige Geistliche, den alle Bessergesinnten in Israel mit hoher Verehrung nennen, seine eigene Gemeinde durch sein bescheidenes stilles Wirken aus'S Neue verpflichtet. Und dieses ihren Lesern zu sagen, habe ich nicht widerstehen können. Thut es ihm nach, ihr Anderen, wenn ihr gleiche Achtung ansprechrn wollet. Das kleine Schristchen enthält übrigens noch manche treffende Bemerkungen über den jüdischen Religionsunterricht und den Zustand desselben in dem aufgeklärten Preußen, die ich Ihnen ein ander Mal mittheilen will. Für heute Gott besohlen! & Westphalen im Mai. Gräuelscenen des 14. Jahrhunderts im 19. (Unsere Leser werden bemerken, daß diese Mittheilung jenen betrübenden Vorfall anders und wol auch richtiger darstellt, als andere öffentliche Blätter. Red.) In hiesigen Blättern war schon früher von einem Judenknabcn die Rede, der von einem katholischen Priester, ohne Wissen der Eltern, in dessen Religion unterrichtet, dann in Werl getauft, denselben vorent- Hallen und wider ihren Willen auf das katholische Gymnasium zu Paderborn geschickt ward. Der Vater, betrübt und empört über die Art und Weise dieses Verfahrens, wird klagbar, und tai hohe Ministerium spricht in seinem Urtheile demselben die Befugniß zu, über seinen Sohn zu verfügen. Dieser wird alsdann von seinen Eltem nach einer norddeutschen Stadt geschickt. — Wie man nun im Mittelalter die Israeliten beschuldigte, die heiligen Hostien durchstochen oder die Brunnen vergiftet zu haben, so ward auch in der Stadt Geseke (worin bekanntlich der letzte Hexenproceß Statt gefunden) durch einen dortigen Geistlichen ein anonymer Brief (vorgeblich von einem dortigen Juden geschrieben) publicirt*), in welchem sich Beschimpfungen gegen den christlichen Glauben befinden. Am 9. Mai versammelte sich nun die niedere Volksklasse der Stadt und Umgegend, bestürmt, *) Aus welchem Grunde der fromme Hirt jenen Schmähbrief unter das Publikum brachte, ist wol in die Augen springend. beraubt und demolirt die Häuser der Israeliten und geht dann, als der Bürgermeister 11 Uhr Aends erscheint und Ruhe gebietet, auseinander, wiederholte aber am darauf folgenden Abende, in dem eine halbe Stunde davon entfernten Dorfe Störmede, unter dem Schalle der Trommel und nach dem Befehle des Anführers jene Schandthat, wobei bedeutende Diebstähle verübt wurden. Die Israeliten waren, während dieser fanatische Haufe wüihete, in ihren Kellern versteckt, froh mit dem Leben davon gekommen zu sein; denn nur eine Frau ist dabei verletzt worden und zwei andere liegen in Folge des Schreckens krank darnieder. Der Vater aber hat in seiner Todesangst dem Bürgermeister das Versprechen gegeben, innerhalb 8 Tagen seinen Sohn zurückzustellen. Die dortigen Israeliten hingegen setzten 200 Thalcr Belohnung auf Entdeckung des Scribenten obengenannten Briefes, der indeß wol schwerlich ermittelt werden dürfte. Di» hochlöbliche Negierung zu Arnsberg hat gestern allen Excessen Einhalt gethan und wird die Verbrecher nach der Strenge des Gesetzes bestrafen. Ein Urtheil über jenen Fanatismus der Stadt Geseke wollen wir nicht fällen, überlassen solches vielmehr unfern geehrten Lesern; schließen aber unfern Bericht mit dem Ruse: Es lebe das 19. Jahrhundert!!! Breslau im Mai. (Corresp.) Tie Prüfung in der Rcligionsschule ist vortrefflich abgelausen und stimmen wir ganz in die Schlußworte des Herrn Rabb. Geiger ein: »Was mit Liebe gesät, was mit Liebe ausgenommen und gepflegt wird, wird auch Früchte der Liebe zu tragen." Die Theilnahme, welche diese Prüfung sowol bei den Eltern der Zöglinge, als auch bei der Gesammtgemeinde und den Behörden erregte — cs waren zugegen : der Oberbürgermeister und mehrere Stadträthe, ein Ober- Reg.-Rath, ein Consiftorialrath, die Rectoren der Gymnasien :c. — gab das gültigste Zeugniß davon, daß diese Anstalt einem dringenden Bedürfnisse abhelfe, sowie, daß man volles Vertrauen auf dieselbe setzt. Man überzeugte sich auch, daß das Vertrauen ein vollkommen gerechtes ist. Wie ich höre, sind ungefähr 60 Kinder aus den verschiedensten Altern und Ständen, ja selbst aus Häusern, deren Richtung bisher eine der jetzt hier herrschenden etwas fernstehende war, neu angemeldet worden. Sonnabend ist Entlassung von 15 erwachsenen Mädchen, und ich darf es Voraussagen, die Räume unseres Gotteshauses werden die herbeiströmeude Menge nicht fassen können. *) — Wenn der hier grassirende Actienschwindel noch einem andern Interesse weicht, so muß dieses warlich ein *) Es ist uns inzwischen hierüber, wie über die Schulprüfung eine besondere Mittheilung zugekommen, die wir in der nächsten Nummer geben werden. Red.