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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-16 · Heft 24 (16.6.1844) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 24 (16.6.1844)
Date
1844-06-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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191 Aber wissen Sie denn auch was Nichts ist? Ich will es Ihnen sagen. Nichts ist alles Tode, Abgestorbene, alles, wobei sich nichls Vernünftiges denken läßt; Nichts ist jeder Fetischdienst, und wenn er mit Millionen Ceremonien und Satzungen umgeben wäre. Etwas ist nur das wahrhaft Lebendige. Nichts ist die Leiche des j größten Sterblichen, etwas ist der kleinste Wurm, der - daran nagt. Nichts ist jede abgestandene Glaubensform,! mag sie auch einst noch so herrlich geblüht haben, etwas! ist die kleinste selbstbewußte Kritik, die daran geübt wird.! Es kommt wol bei rohsi'nnlichen Menschen und solchen,! welchen der Schmerz die Ueberzeugung raubt, vor, daß j sie die Leiche eines geliebten Gegenstandes nicht lassen j wollen, sich mit aller Macht daran klammern, und was i ist der Erfolg? Statt die noch edlen Züge der Erde, , wohin sie gehören, zu übergeben, müssen sie mit Entsetzen sehen, wie die Faulniß hereinbricht und das Angebetete! zum Scheusal verwandelt. Und doch ist das, was Sie . dem Volke zu thun rathen, nichts anderes. An todte! Satzungen, an Religionsübungen soll es sich anklammern, j aus welchen langst der'Geist entflohen ist. Und was! wird der Erfolg sein? Daß'diese Satzungen und Uebun-! gen, je langer desto mehr, wie ein Gespenst, das am! Hellen Tage umwandelt, in unser Leben und unsere Sit-! ten hineinstarren werden; daß die Gebildeten sich mit; immer größerem Abscheu davon abwenden müssen und! ein ungebildeter Haufe, ein durch eure Schuld weit; hinter der Zeit zurückgebliebener Haufe zum abschrecken- den Beispiele und zum Spotte wird, wie er cs bereits 1 geworden ist — und das nennen Sie Etwas! ' (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. Preußen. Von der Oder. (Corresp.) Sage mir einer noch etwas auf unfern Geiger. Eben komme ich nach Haufe und sinde auf meinem Pulte ein Schriftchen vor, betitelt: Zur Prüfung in der jüdischen NeligionSunterrichts-Anstalt rc., ladet ehrerbietig ein, Dr. Abr. Geiger, Nabbine. BrcSlau 1844. Ein Nabbine mit einer Einladungsschrift zur Prüfung; ein Nabbine von solcher literarischen Thätigkeit, wie Geiger, und dabei amtlich so überaus stark in Anspruch genommen, giebt selbst und tagtäglich ohne irgend einen Lohn Unterricht in einer Religionsschule. Könnet ihr euch auch des rühmen, ihr, die ihr nicht aufhört, zu versichern, wie sehr euch daS Heil des Judenthums am Herzen liege; die ihr, sobald ihr von einer Bewegung höret, die euch gefährlich scheint, gleich mit Gutachten und Erkärungen dagegen auftretet, die ihr euren Eifer für die Rechte der Synagoge und die bessere Stellung ihrer Lehrer, durch Briefe, durch energisch-kühne Briefe an die Höchstgestellten beweiset, und wenn diese aus dem Gedächtniß euerer Glaubensbrüder zu schwinden ansangen, mit einer neuen Zeitschrift, hochtrabend und entflammet von heiliger Glaubensgluth hervortretet, — obgleich die Glut nur ein Flämmchen ist, ein mattes, erkünsteltes Feuer, danicht mehr zu zünden, nicht mehr zu erwärmen, keinerlei neue Schöpfung hervorzubringen vermag; — könnt ihr euch rühmen, das zu thun, was Geiger, der von euch so herzlich Gehaßte, so vielfach Geschmähte, gethan? Ihr hättet lieber die größte Unwissenheit in eurer Gemeinde einrcißen lassen, ehe ihr euch herabgelassen, Unterricht, Unterricht in einer Schule zu geben. Bringt ja daS keinen schriftstellerischen, oder auch nur journalistischen, evistolarischcn Ruhm! Ist cS am Ende gar eines Geistlichen, eines Oberrabbinen unwürdig, den Lehrer einer Schule zu machen! Aber zu diesem Gefühl geistlicher Erhabenheit hat eS unser Geiger nicht gebracht. Auf Wirksamkeit, auf Wirksamkeit für eine ächte Rcligiosicär zunächst inmitten seiner Gemeinde kommt ihm Alles an. Und darum kann er sich mir seinem schriftstellerischen Wirken, mit seiner homiletischen Thätigkeit — er predigt immer drei Sabbate hintereinander — nicht zufrieden geben. Der Unterricht der Jugend, ihr Unterricht in der höchsten und heiligsten Angelegenheit, in ihrem Glauben, in ihrem Bekennrniß liegt ihm am Herzen. Damit ist es aber in seiner Gemeinde schlecht bestellt. „Mehrfache Bemühungen des Obervorstehcr-Colligiums, eine Anstalt für die Gesammtgcmeinde zu errichten, in welcher die Jugend beiderlei Geschlechts einen zweckmäßigen Religionsunterricht erhalte, scheiterten (wie in der Schrift dargestcllt wird) an äußern und innern Hindernissen." Da jedoch das Bcdürfniß darnach immer stärker hervortrat, und das Haupthinderniß in der Schutzlosigkeit einer solchen Anstalt erkannt wurde, so entschloß sich daS Ober-Dorsteher-Collegium im Jahr 1842, sich den Schutz der hohen Behörden in der Art zu erbitten, daß die Pflicht zum Besuche der Anstalt von Seiten des Staates ausgesprochen und daS Recht zu Execution der Schulgelder erlheilt werde; allein Beides wurde abgeschlagen, und bei dem ohnedieß etwas verwikkelten Zustande der Gemeinde glaubte der Vorstand, ohne Garantie einen neuen Versuch nicht wagen zu dürfen. In dieser Verlegenheit hielt eS Geiger für seine Pflicht, au eigne Gefahr für dieses tiefe Bedürfniß eine Abhülse zu suchen, und der große Zeitaufwand, welchen ein durch das Amt schon hinlänglich in Anspruch genommener Mann wol zu erwägen hat, sowie auch

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