Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1844)
- Date
- 1844-06-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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190 Was hier auf die beredetste Weise vom Christenthume gesagt wird, gilt auch ganz genau von den heutigen Zuständen des Iudenthums. Soll ich Ihnen nun noch Aehnliches von Männern aus unserer Glaubensparthei anführen, von dem berühmten Gada Samuel ben Chofei an, welcher „den weitgreifenden Kanon aufstellte, es könne nichts geglaubt werden, dem von der Vernunft widersprochen werde" (Zeitschrift f. d. jüd. Theol. Bd. 5. S 84) bis herab auf die neueste Zeit? Ich denke Sie überheben mich der Mühe. Was ist nun das Dauernde im Judenthum? Sind cs die metaphysischen Wahrheiten, die sich in der Bibel nur spärlich und dunkel ausgedrückt vorsinden? Sind wir nicht genöthigt uns über Fragen, wie über die außerirdische Belohnung und Bestrafung, über Unsterblichkeit der Seele und Aehnliches von der Philosophie belehren zu lasten? Oder sind das etwa Dinge, über die das Judenthum im Unklaren bleiben kann? muß es sich nicht vielmehr der unbestritten unbeschränkten Entwickelung, in welcher der menschliche Geist sich fortwährend bewegt, hier anschließen, und muß nicht mithin auch von dieser Seite der Mosaismus die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung zulasten, wenn er nicht aufgegeben werden soll? Was ist nun das Dauernde im Judentdum? Sind es etwa die mosaischen buchstäblichen Vorstellungen vom Wesen Gottes und dessen Verhältniß zu Mensch und Welt? Werden Sie, im Widerspruch mit aller vernünftigen Bibelerklärung, ableugnen, daß die Propheten weit über die mosaische Vorstellungen hinausgegangen sind und mächtige Schritte der Entwickelung gethan haben? Wollen Sie etwa, nach dem Wortlaute des Pentateuchs, annehmen, daß der Allmächtige menschliche Organe und menschliche Leidenschaften hat, oder wollen Sie die bezüglichen Stellen fallen lassen? oder endlich wollen Sie dieselben so erklären, daß sie mit philosophischen Vorstellungen, die Sie sonst woher haben, übereinstimmen, so werden Sie dasselbe auch andern erlauben müssen, so werden Sie ja wieder der unbeschränkten Entwickelung nicht, entgehen können. Was ist nun dauernd im Judenthume? Unabänderlich dauernd ist nichts als die großartige Idee seiner welthistorischen Bestimmung, die durch die ganze Geschichte bezeugt wird, nichts als seine göttliche Sendung, den Gottesglauben in sich zu entwickeln und über die ganze Erde zu verbreiten. Darum muß es aber auch in die Vorstellungen aller Zeiten, in die Verhältnisse aller Orte eingeheq. können, darum darf es durch keine zeitliche Einrichtung, durch keinen nur zeitlich gültigen Gedanken beschränkt werden. Alle Einrichtungen, alle Vorstellungen, die sich überlebt haben, muß es vielmehr aus sich scheiden, es muß die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung in sich tragen. Diesen Gedanken auszusprechen hielt der Reformverein für Pflicht, er ist ein Juwel, der aus dem Schutte des verkümmerten rabbinischen Judenthumes wieder aufgegraben ist. Ein anderes ist es, diesen Grundsatz aufzustellen, ein anderes, die praktische Frage entscheiden, welche Folgen er für unsere Zeit haben müsse, welche Theile des mosaischen Religionsgebaudes danach umzubauen seien, was jetzt noch beizubehalten, was aufzugeben sei. Der Reformverein hielt sich nicht für befugt, diese Frage zu beantworten. Einige, und ich gehöre selbst dazu, meinten zwar, man solle sich über gewisse Dinge, deren Abgelebtheit außer Zweifel sei, entschieden aussprechen. Die Majorität lehnte dies jedoch ab; man wollte auch denen den Beitritt nicht verschließen, welche etwa alle mosaischen Jnstitutionin als noch lebend betrachten, genug, wenn sie nur in dem Grundsätze mit uns übereinstimmten, daß eine unbeschrankte Entwickelung möglich sei. Man wollte sich von dem bestehenden nicht weiter als unumgänglich nothwendig war, entfernen, und die praktische Ausführung den fortschreitenden Rabbinen überlassen, man wollte nicht durch eine einseitige Auffassung den Bedürfnissen vorgreifen, die in verschiedenen Orten ganz verschieden sein konnten. Und das nennen Sie Nichts? Und fragen uns, ob wir das alte Sprüchwort ex nil fit nil nicht kennen? Ich gestehe zu meiner Schande, daß ich dieses Sprüchwort wirklich nicht kenne, sollten Sie aber das lateinische Sprüchwort ex nihilo nihil fit, aus Nichts wird Nichts, meinen, so haben Sie wahrscheinlich nicht überlegt, was Sie da gethan haben. Wissen Sie denn nicht, daß dieses Sprüchwort eine Hauptgrundlage der heidnischen Philosophie der Eleatiker ist, welche direct auf die Uranfänglichkeit der Welt führt? Wissen sie denn nicht, daß unter dem tausendfachen Geäder des Talmuds auch ein Aederchen ist, welches das Studium der griechischen Weisheit schwer verpönt? wie kommen Sie denn dazu uns verführen zu wollen? Viel jüdischer ist ja der Grundsatz: aus Nichts wird etwas, und wenn die Welt aus Nichts erschaffen wurde, warum sollte das nicht auch mit einer Reform geschehen können? ist es uns doch ausdrücklich verheißen, daß der Herr einen neuen Geist in , uns erschaffen wird!