Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1844)
- Date
- 1844-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566936--1006-2568738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
189 können, als sich ein vernünftiger Gedanke damit verbinden läßt. „Ihre Geltung, sagt der fortschreitende Rab. binismus (ebend. S. 10), kann nur darin bestehen, daß sie in der That belebenden Gehalt in sich tragen, was wiederum nicht anders möglich ist, als wenn sie den localen Verhältnissen entsprechen und der Bildungsstufe angemessen sind. Sobald dieselben jedoch die Kraft, ihre Bestimmung zu erfüllen, nicht mehr besitzen und dennoch erhalten werden sollen, und nun noch sogar in höherem Maße Anspruch auf Beachtung machen, indem sie jetzt nicht mehr Mittel, was sie in der That nicht Mehr sind, sondern Selbstzwecke zu sein vorgeben, so ist ihr Werth gänzlich dahin, und an die Stelle des freien sittlichen Handelns ist die nackte Formcnübung getreten, und mit ihr gründet sich der Aberglaube seinen Thron". Was ist das Dauernde im Judenthum? Ist es etwa der Wunderglaube? wird der moderne, fortschreitende Rabbinismus das für haltbar ausgeben, was die größten Männer unter den Juden für unhaltbar erklärt haben? wird er darin das Creditiv des Judenthums sehen? wird er den Kampf mit der Wissenschaft versuchen wollen, unter welchem slbst die Macht der römischen Kurie erlegen ist? Wir stehen hier auf einem Boden, der Juden und Christen gleich heilig ist, hören Sie also was ein christlicher Lheolog sagt. Fürchten Sie nicht, daß er einer aus der neuen philosophischen Schule ist, es ist ein ganz frommer Mann, ein Mann, zu dessen Lehren sich sehr gläubige Christen bekennen, der Erfinder der Theorie vom Abhängigkeitsgefühl, welches ja auch bedeutende jüdische Theologen als den Nothanker in den gegenwärtigen theologischen Stürmen zu betrachten scheinen, mit einem Worte, es ist der berühnrte Schleiermacher. „Wenn man mit dem Schwert drein schlagen kann gegen die Wissenschaft; wenn man, im Besitz aller äußeren Hülfsmittel, sich einzäunen kann gegen allen Angriff gesunder Forschung, und nun drinnen eine gebietende Kirchenlehre aufftellen, die Allen draußen wie ein wesenloses Gespenst erscheint, dem sie aber doch huldigen müssen, wenn sie einmal ordentlich begraben sein wollen: so braucht man sich freilich nichts anfechten zu lassen, was irgend auf diesem Gebiete geschehen mag. Aber das können wir doch nicht und wollen es auch nicht, und darum müssen wir uns mit der Geschichte behelfen, wie sie sich eben entwickeln wird. Und^deßhalb will mir nun nichts anderes ahnden, als daß wir werden lernen müssen, uns ohne vieles behelfen, was Viele noch gewohnt sind als mit dem Wesen des Christenthums unzertrennlich verbunden zu denken. Ich will gar nicht vom Sechstagewerk reden, aber der Schöpfungsbegriff, wie er gewöhnlich construirt wird, auch abgesehen von dem Zurückgehen auf die mosaische Chronologie und trotz aller, freilich ziemlich unsichern Erleichterungen, welche die Auslegung schon herbeigeschafft hat: wie lange wird er sich noch halten können gegen die Gewalt einer aus wissenschaftlichen Combinationen, denen sich Niemand entziehen kann, gebildeten Weltanschauung?. Und unsere Neutestamentischen Wunder, denn von den Alttestamentischen will ich gar nicht erst reden, wie lange wird es noch währen, so fallen sie aufs neue, aber von würdigeren und weit besser begründeten Voraussetzungen aus, als früherhin, zu den Zeiten der windigen Encyclopädie, unter das Dilemma, daß entweder die ganze Geschichte, der sie angehören, sich muß gefallen lassen, als eine Fabel angesehen zu werden, von der sich gar nicht mehr ausmitteln läßt, wie viel Geschichtliches ihr eigentlich zum Grunde liegen mag, und dann erscheint uns das Christenthum vor allem andern als nicht aus dem Wesen Gottes, sondern aus Nichts geworden, oder wenn sie wirklich als Thatsachen gelten sollen, werden wir zugeben müssen, daß, sofern sie wenigstens in der Natur geworden sind, auch Analogien dazu in der Natur gesucht werden. . Was soll dann werden. Wollt ihr euch dennoch hinter diesen Außenwerken verschanzen, und euch von der Wissenschaft" blokiren lassen? Das Bombardement des Spottes, welches dann auch von Zeit zu Zeit erneuert werden wird, will ich für nichts rechnen, denn das wird auch Euch, wenn Ihr nur Entsagung genug habt, wenig schaden. Aber die Blokade! die gänzliche Aushungerung von aller Wissenschaft, die dann nothgedrungen von Euch, eben wett ihr euch so verschanzt, die Fahne des Unglaubens aufstecken muß! Soll der Knoten der Geschichte so auseinander gehen; das Christenthum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben? Viele freilich werden es so machen, die Anstalten dazu werden schon stark genug getroffen und der Boden hebt sich schon unter unseren Füßen, wo diese düsteren Larven auskriechen wollen, von enggeschloffenen religiösen Kreisen, welche alle Forschung außerhalb jener Umschanzungen eines alten Buchstaben für satanisch erklären." (Theol. Studien und Kritiken. Jahrg. 2. S. 489.)