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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-16 · Heft 24 (16.6.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 24 (16.6.1844)
Date
1844-06-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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188 Paradepferd aller derer gewesen ist, welche sich gegen den Reformverein erklärt haben. Sehr natürlich! Die Richtigkeit der zwei letzten Sätze ist schon so oft erwiesen, daß man wol einsah, wie sehr man sich blamiren würde, wenn man sie offen angriffe. Nun ist zwar der erste Satz nicht minder richtig, aber da er sich nicht auf ein Specielles bezieht, sondern einen allgemeinen Grundsatz ausspricht, der seiner Natur nach kein so bestimmt greifbarer ist, so bedurfte es nur einiger Drehungen und Verdrehungen um aus etwas, das sogar vom Standpunkte des orthodoxen Judenthums aus seine volle Berechtigung hat, ein moralisches Ungeheuer zu machen, gegen welches man dann nach Herzenslust deklamiren und donnern konnte. Betrachten wir das Ding einmal in der Nahe. Wir erklären, daß wir in dem Mosaismus die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung anerkennen, wolverstanden, die Möglichkeit, wodurch wir aber noch kein einziges mosaisches Gesetz für aufgehoben erklärt haben. Ich halte diesen Satz für die einzige ausschließliche Stütze des wahren Judenthums, dessen Leben und Tod von der Anerkennung und Nichtanerkennung dieses Satzes abhängt. Sie dagegen finden (S. 765) das Festhalten an der Entwickelungsfahigkeit des Glaubens lächerlich; das wundert mich nicht; denn da ich bemerke, daß Sie lächerliches für vernünftig halten, warum sollten Sie nicht auch einmal das Vernünftige für lächerlich halten. Aber sollte dieser Gedanke dem fortschreitenden Rabbinismus wirklich so lächerlich Vorkommen? Ich muß es sehr bezweifeln. „Nicht der Partikularismus, das nur den Juden gegebene mosaische Gesetz, sondern der Universalismus, der Grundgedanke und Grundstein, auf den das mosaische Gesetz gebaut ist, der Monotheismus in seiner allgemeinsten Auffassung, der Glaube an einen Gott der ganzen Menschheit, nicht als eines Volkes, sondern als Kinder Gottes, soll zur herrschenden Weltreligion werden. Die Juden sollen alsdann nicht mehr als Volk und auch nicht als Gemeinde mit einer besondern religiösen Ueberzeugung existiren, sondern in der Menschheit auf und untergehen, jedes Zeichen einer früheren Trennung unkenntlich, jedes Privilegium aufgehoben und erloschen und selbst in der Erinnerung nicht mehr vorhanden sein. Der Jude glaubt also nicht, schon jetzt im Besitz einer solchen Lehre und eines Glaubens zu sein, die in ihrer gegenwärtigen Gestalt und Fassung zur Weltteligion sich eigne, sondern daß ihr die Uridee des reinsten Glaubens zu Grunde liege, die sie einer solchen Entwickelung fähig macht." Da haben Sie die lächerliche Behauptung bis aus das Wort genau, und das sagt der fortschreitende Rabbinismus durch den Mund des Herrn Dr. Holdheim (Ucber d. Auton. d. Rabb. S. 56, n.). In der That, ich könnte mir viel Zeit und Mühe ersparen, wenn ich Sie nur ersuchte, die Sache mit diesem ausgezeichneten Gelehrten weiter auszukämpfcn. Jndeffen, da ich mich einmal gestellt habe, so will auch nicht ohne Noth davon laufen. Und dieser Gedanke der unbeschränkten Entwickelungsfähigkeit, meinen Sie, führe zur Indifferenz, weil er nichts Sicheres, Haltbares darbicte. Leider muß ich hier abermals beklagen, daß Sie uns statt Belehrung nur Worte geben. Hätten Sie uns doch mitgetheilt was Sie im Judenthumc als ewig sicher und haltbar ansehen! So muß ich denn schon versuchen, diese Frage selbst zu beantworten. Was ist das Dauernde im Judenthume? Ist es die unabänderliche Beobachtung einer Reihe von Geboten und Verboten, wie sie der Pentateuch enthält? Wer mit ja! antwortet, schlagt sogar dem orthodoxesten Judenthumc ins Gesicht, welches nicht blos das Princkp aufgestellt hat, daß man nöthigenfalls von den mosaischen Vorschriften abweichcn dürfe, sondern dieses Princip sogar in den wichtigsten Verhältnissen zur That werden ließ. So z. B. sind bekanntlich die rabbinischen Bestimmungen über die Leviratsehe, die Einrichtung des alten Hillel, der auf Berechnung — welche, wie ich, wenn ich einmal Zeit dazu finde, ausführlich beweisen werde, noch obendrein lediglich auf griechischen Beobachtungen beruht — gegründete Festkalender (vergl. Ueber d. Auton. d. Rabb. S. 36, n.) eben so viel Umbildungen der buchstäblichen Vorschriften der Bibel. Von dieser Seite kann die Möglichkeit der unbeschränkten Fortbildung des Mosaismus auf keine Weise geleugnet werden, und es verlohnt sich in der That nicht der Mühe darüber zu streiten. „Im Gesetze", sagt der fortschreitende Rabbinismus (Wissenschaftl. Zeitschrift für die lüdische Theologie, Bd. 4, S. 15), „sind Formeln, welche entweder der Zeit schon verfallen sind, oder ihr noch verfallen können". Und noch mehr: Nicht blos alle Gesetze, die sich auf besondere staatliche, und bürgerliche Verhältnisse beziehen, auch alle Ceremonien sind nothwendig, wie der fortschreitende Rabbinismus, und nach ihm der Reformverein, glaubt, der Fortbildung unterworfen, indem sie nur so lange Geltung haben

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