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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-09 · Heft 23 (9.6.1844) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 23 (9.6.1844)
Date
1844-06-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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mußte fort. In einigen Orten des Königreichs sind Juden unter den Gemeindebevollmächtigten oder Offiziere bei der Landwehr; endlich ist der Würzburger v. Hirsch Mitglied der königlichen Handelskammer. — Praktische Aerzte haben wie die Hülle und Fülle. — Die Niederlassung ist bei unS sehr erschwert; in den meisten Fällen muß man ein Matrikel haben, deren nur eine geschloßne Zahl bewilligt wird. Der Handwerker und Großhändler sowie Fabrikant bedarf jedoch desselben nicht, dagegen muß er mit Schwierigkeiten andrer Art, die ihm von seinen Concurrenten gemacht werden, kämpfen. Aerzte, Nabbinen, Lehrer und selbst der Fürther Advokat bedürfen des MatrikelS. DaS Schußgeld wird, in Folge der neuen Besteuerung des unterfränkischeu Kreises dort wegfallen; es ist unglaublich, welche entwürdigende Abgaben bis jetzt noch bestanden. Auch im Privatrecht drücken uns Ausnahmgesetze aller Art. Beispiele hiervon: Güterzerschlagung ist uns verboten, ein zwischen Jude und Christ abgeschlossener Vertrag ist (in den fränk. Provinzen) nicht gültig, wenn er nicht protokoliirt ist, ein entsetzliches Gesetz das der Chikane freien Raum gibt und so fort. — Die Betreibung der Bäckerei, Brauerei und Gastwirthschast ist in der Regel uns untersagt. Frankfurt a. M. im Mai. (Corresp.) Unsre Gemeinde ist gegenwärtig ziemlich bewegt; ein Sturm in einem Glase Wasser. Alle öffentlichen Blätter sind davon voll, daß Hr. von Rothschild die Schenkung von 150,000 Fl. zum Baue einer neuen Synagoge dahier zurückgenommcn, und der Gemeinde- Vorstand ohne Schwierigkeit darin gewilligt hat; man muß hin. zufügen, daß letztes in der Gemeinde die allgemeinste Billigung gesunden, wiewol Herr von Rothschild seinen Rücktritt nicht genügend motiviren konnte. Die Wahrheit ist, daß es von Anfang an vorzüglich dem Herrn Salomvn von Rothschild um diesen Neubau zuWun war, Herr Amschel von Rothschild aber nicht gerne daran gieng. Da ersterer nicht hier lebt, die jüdischen Angelegenheiten überhaupt und in hiesiger Gemeinde insbesondre aber nicht der rückschreitenden Bewegung folgen, welche letzterer, in allem Betrachte übel genug hierüber berathen und von Speichelleckern und Augendienern, von welchen er alles, nur nicht die Wahrheit erfahren kann, umgeben, ihnen geben zu können vermeinte, so war die Ausführung jenes Bauprojekts längst problematisch geworden und das Zerschlagen desselben nichts weniger als auffallend. Dabei ist Hr. Stein, welcher am bevorstehenden ersten Pfingsttage seine Antrittspredigt halten wird, ein Stein des Anstoßes geworden. Die gegen denselben arrgezrttelten Umtriebe haben, wenn auch sonst keinen, doch den Erfolg gehabt, daß ihn die Alten, und mit ihnen Hr. v. Rothschild, durchgängig recht herzlich hassen. Der Mann hat übrigens Glück; es war schon viel, von einem Landrabbinate als zweiter Rabbine hierher berufen zu werden, durch den freiwilligen Rücktritt des Hrn. Trier ist er nun alleiniger Rabbine sogleich geworden. Daran nemlich ist nicht zu denken, daß man noch einen Rabbinrn außer demselben anstellen werde. Es zeigt sich übrigens nun, daß es gefehlt gewesen, nicht einen Mann wie Geiger, Holdheim w. hierher zu berufen; die orthodoxe Opposition, daL Geschrei, die Verketzerung :c. wäre nicht größer, der Gewinn für die Gemeinde aber unberechenbar gewesen. Soll eg in hiesiger Gemeinde zu einem s. v. Schisma kommen, so bleibt es so und so nicht aus; das bei dieser Rabbinen-Wahl eingehalte jus»«- milieu wird der Gemeinde nicht zum besonderen Nutzen gereichen, und verhindert voraussichtlich aus lange Zeit das Besetzen der Stelle mit einem Manne von entschiedener Richtung. Die Neformsreunde feiern, und unsre gemachten Erfahrungen lassen uns für den Fortschritt im Judenthum mehr von den Frommen erwarten, deren Bestrebungen bisher immer den umgekehrten Erfolg hatten; zu unserer wahren Freude hören wir, daß sie über allerlei brüten. So sollen sie beabsichtigen, die Beschneidungsfrage vor die deutsche Bundesversammlung zu bringen. Vortrefflich, vielleicht bringen sie es dahin, daß dieser sitten- und polizeiwidrige Act in den deutschen Bundesstaaten allgemein verboten wird, und Juden sich nicht länger erlauben dürfen, was Christen nicht gestattet ist, die theilweise Verstümmelung fast neugeborner Kinder. *} Don dem in Paris vorgefallencn Scandal, wo ein solcher Verschneider eine Anzahl Kinder bei Gelegenheit seiner barbarischen Verrichtung mir einer venerischen Krankheit angcstcckt haben soll, werden Sie gehört haben. Er wird, wenn sich die Erzählung bewährt, wol vor Gericht gestellt, und der Vorfall allgemein bekannt werden. Ein anderes Project der guten Leute, dahier auf eigne Faust ein (sogenanntes Claus-) Rabbinat zu gründen, und ihr Hauptquartier in eine zur Clause benannten Neben-Synagoge zu verlegen, steht mit dem Gemeinde- Regulative zu sehr im Widerspruche, um eine Chance des Erfolgs zu haben. Allein auch dabei muß man sie gewähren lassen, vielleicht bewirken sie das Schließen aller Neben-Synagogen, welche ihrer Beschaffenheit nach der wahren Andacht nicht förderlich und blose Tummelplätze kleinlicher Rivalitäten und Zänkereien find. Einen schädlichen Einfluß auf den alten Rothschild soll ein *) Da geht unser Corrrspondent zu weit! Die äußere Gewalt soll sich nicht in unsere Angelegenheiten mischen, weder in orthodoxem noch heterodorem Sinne. Red.

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