Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1844)
- Date
- 1844-06-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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186 Sohn seines Bruders äußern. Dieser brklagenSwerthe junge Mensch hat sich bei den Chasidim cngagiren lassen, und treibt sich, in Erwartung der mrssianischrn Zeit, oder wenigstens der Nachfolge in der Würde eines Nass bei Abgang HirschelS I., in der Gesellschaft von Müßiggängern aus den ungebildetsten Ständen herum, die ihm allerlei von seinem eigenen und seiner Familie Bestimmung in den Kopf setzen sollen; cn avant, jeunc roi de Jerusalem, und nicht ju übersehen, daß der'eingkschlagene Weg dorthin an Bedlam und Charcnton dicht vorüber führt. Hamburg, im Mai. (Schluß.) Geschehen denn etwa unsrer SeitS keine Mißgriffe, Halbheiten, Widersinnigkeiten und Verkehrtheiten? Und wie > ist es anders möglich bei Anfängen, die noch dazu von allen Seiten zufällig einander begegnen, deren Wortführer noch obenein nicht zusammen, sondern vereinzelt wirken wollen, au- Furcht, die Wortführerschast zu verlieren? Dem Anfänger ist das Unvoükommne, der Jrrthum selbst, verzeihlich; aber unverzeihlich wird er, sobald er sich als die höchste Weisheit gcrirt und dem Tropfen gleich, der immer auf dieselbe Stelle fallend, den Stein aushohlen kann, durch Beharrlichkeit sich auch Andern cinprägen will. Wir würden längst in beiden Richtungen, .der politischen wie der religiösen Frage, weiter vorgerückt sein, wenn wir neben unseren Bortrefflichkeiten auch von unseren Fehlern gesprochen, wenn wir Schwächen und Blößen, Verfehltes in der Materie wie in der Form, so gewiß wir sic erkannt haben, auch offen bekannt hätten, anstatt durch fortwährende Behauptung des Unhaltbaren das hartnäckige Volk der Wüste, das wir doch bekämpfen wollen, nur in neuer Gestalt zu bilden, i icht mit neuen, sondern mit denselben alten verrosteten, blos oben kärglich abgeputzten Waffen kämpfend. Solches nachzuweisen, dünkt mich eben so interessant, als es mir eben nicht schwer scheint, und dürfte den Lesern wenigstens etwas Neues darbieten. Denn daß wir auch Hehler haben, ist gewiß nagelneu: dies hat die Lesewelt auS den 8 bis 10 Zeitschriften, oder aus der anderweitigen Literatur, soweit sie aus judensreundlichcn Händen hervorgegangen sind, noch nicht ersehen können. Ist der aber mein Freund, der mich immer, und meist über die Gebühr lobt? Ist der immer mein Feind, der mich auf meine Fehler aufmerksam macht? Stünde es in Allem so gut, so vortrefflich mit uns, wozu bedarf es des Strebens und Wirkens, der Derbe,,erungen und Fortschritte, wozu der Presse, die doch nur immer Kuckuk ruft? Steht es aber nicht so gut, noch nicht gut, nun, so werde es besser, nicht blos anders und eben so schlimm. Haben wir Jahrtausende still gestanden, gleichviel, ob mit oder ohne Schuld, so glaube man nicht, Stillstand von solcher Dauer durch Abschaffung der Mitzwoth-Auctivnen gut machen und die glückliche Lösung dieser Aufgabe triumvhirrnd in die gebildete Lcsewclt hincinposaunen zu wollen. Schon sangen Viele an einzusehen, daß sie durch ihr vnrntschiedeneS und halbes Wesen sich und der Sache geschadet, da man sie von allen Seiten her der Heuchelei beschuldigt, die ärgste Beschuldigung, die einem Wort- und'Sachführer nur gemacht werden kann; schon wollen Mehrere gern einlenken und geben kund, daß auch bei ihnen der Wind sich gedreht habe; diese Uuentschiedenheit (ich will sie nicht Heuchelei nenuen) trägt schon ihre bittere Frucht in den Unannehmlichkeiten, welche überall eine zweideutige Stellung bereiten muß, und in welche sie immer tiefer hineingerathcn müssen, je mehr sie einzeln und allmälig nachlassen; bald wird auch der letzte Nest von Zutrauen schwinden und eS möchte ihnen ergehen, wie der Fledermaus in der Fabel, die im Kriege zwischen Vögeln und Säugethieren, je nachdem der Vortheil es heischte, bald zu diesen, bald zu jenen sich schaarte. Ich, der ich das Motto Ihres Blattes, wenn auch nicht mehr gedruckt vor Augen, doch unvertilgbar im Herzen habe, bin weit entfernt, mich in Opposition gegenden Stabilismus zu setzen, denn auch dieses hat seine Geltung nicht allein als Factum, sondern als Idee; und der Wifienschaft kann ein verwesender Leichnam eben so viel Belehrendes darbieten, als der keimende Embryo. Mögen die Stabiliften oder Conservativen, wie sie sich lieber nennen, die, wenn sie etwas im Hebräischen nicht mehr halten können, dasselbe inö Deutsche einmachen, als wenn die deutsche Essighülle besser vor Verwesung schützte, mögen sie ihre eigenen Journale, eigene periodische Literatur gründen, wie sie ihre eigenen Abhandlungen schreiben und eigene Thechinoth oder Haggadoth bearbeiten; ich werde sie ruhig gewähren lassen, so lange die Lcsewclt sie duldet oddr gar aufmuntert. Je mehr sie still stehen zu wollen erklären, desto ungehinderter und rascher werden wir gehen können. Doch sobald derartige Erscheinungen nicht mehr als stabil oder retrograd, sondern als ebenfalls im Fortschritt begriffen sich ankündigen, wenn sie in die Blätter, deren Ncdacteure vom Fortschritt reden, deren Leser vom Fortschritt hören wollen, sich eindrängcn, um hemmend der Bewegung'sich in den Weg zu legen, dann erst werde ich ihnen Beachtung schenken und sie blos zu stellen suchen; und sollte bei einer solchen Revue selbst Ihr Blatt nicht ausgeschlossen bleiben, so werden Sic es der Tendenz wegen ganz in der Ordnung finden. Trotz der Devise: „entschieden und frei, muthvoll und wahr", liebe ich Polemik, Opposition, Krieg, persönliche Anzapfung in Wort oder Thal keineswegs; mit dem Schwankenden, Unfreien, Verzagten und Falschen habe ich nichts zu schaffen; wünschend, daß Biele meines Weges gehen möchten, muß ich mich getrösten, um den Math zu bewahren, wenn zur Zeit noch so Wenige mir in gleicher Richtung begegnen, wenn Dinge hin und her geknetet und gekauct werden, die weder der Zubereitung noch des GcnicßenS wcrih sind, weil sie unverdaulich bleiben und man am Ende nie weiß, wer denn eigentlich Recht hat, da meistentheils beide Unrecht haben. Darum gehe jeder meinerseits unangefochten seinen Gang, selbst den Krebsgang, lasse aber auch mich unangefochten den mcinigen gehen. Am Ende läuft alles Reden und Schreiben ja dahinaus, daß man bei dem Leser Anklang finde, in diesem Gleichklange aber die Seelen sich verständigen und die Herzen sich zusammenftilden, um, wenn cs noth thut, auch zur That sich die Hand zu bieten. 27. Erklärung. Um übelwollenden Mißdeutungen und Mißverständnissen vorzubeugcn, erklärt der Unterzeichnete, daß er weder der Verfasser der gewöhnlichen Correspondenzartikel aus Frankfurt ist, noch an der Redaction derselben auf irgend eine Weise mitwkrkt. Dr. M. Heß. Frankfurt a.M. im Mai 1844. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.'