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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-09 · Heft 23 (9.6.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 23 (9.6.1844)
Date
1844-06-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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184 unseres Osterufrstes wohnte der Regierungspräsident seiner Predigt bei, und äußerte Beifall und Dank durch herzlichen Händedruck. 3a, wäre es überall wie bei uns! Allein, wenn wir nach guten Quellen versichern zu können glauben, daß wir nichts Schlimmes zu befürchten haben, so haben wjr auch vor der Hand nicht viel Gutes zu erwarten. Kahn ist auch zum Dorstandsmitgliede ernannt worden bei einem Vereine „zur Unterstützung der verwahrlosten Unmündigen". — In Crefeld schwebt die Wahl noch; Rabbine Hirsch selb in Wöllstein hatte sich viele Mühe gegeben und stark für sich geworben, auch schon ziemlich gebahnten Weg gehabt, doch es scheint, daß er nunmehr glücklich aus dem Felde geschlagen ist. Möge die Wahl einen recht Walkern treffen! Wir brauchen Keinen, der Bewegungen dämpft, vielmehr Einen, der sie anregt; Bewegung ist unser Element, wir fühlen uns darin wol und behaglich. Wir sind ein rasches, lebhaftes Völkchen: wer bei uns schlafen will, der bleibe daheim, bei uns findet er nicht Stille genug dazu. Wir leiden Gottlob nicht an englischem Nebel — der für Hrn. Hirschfcld ganz passend sein mag —; klar und wahr, treu und offen, ist unsere Devise, wem dies so recht im Herzen lebt, der wird bei uns fteuudlichelAufnahme finden. Aus Baieru, im Mai. Erster Brief. (Aeußere Verhältnisse der Juden.) Die jüdischen Verhältnisse in Baicrn sind so ziemlich denen in den meisten deutschen Bundesstaaten ähnlich: nach Innen Kampf der Bessergesinnten gegen ObscurantiSmus und religiöse Apathie oder Frivolität; nach Außen Mühen und Ringen nach Verbesserung unserer unseligen^politischen Verhältnisse. Nichts desto weniger dürfte ein genaueres Bild dieser Zustände von Interesse sein; erst wenn>ir unsre Stellung recht kennen,, werden wir begreifen lernen, wie weit unsere Hoffnungen auf Freiheit und Gleichstellung von der Wirklichkeit noch entfernt sind, und andrer ScitS, wie viel uns noch zur Anciscrung, Bekämpfung, Verbesserung unter uns selbst übrig bleibt. 3ch beginne mit der Schilderung unserer Stellung zu dem bairische» Staate und unfern christlichen Mitbürgern. Wenn überhaupt sdie gegenwärtig so sehr en vogue seiende kirchliche — ich sage gern nicht religiöse — Richtung in Deutschland dem Emancipationsstreben der Juden nicht günstig ist, so muß in Baiern, wo diese Richtung am schärfsten und prägnantesten hervortritt, sie alle Hoffnungen auf Erlösung von unseren Leiden gänzlich vernichten. Und jene Richtung wird sobald nicht aufhören. Zene Controverfen über christliche Gkaubensnüancirungen stehen im engsten Zusammenhänge mit dem politischen Glaubensbekenntnisse unserer Regierungen, dessen Aem> derung um so weniger in Aussicht steht, je mehr die Furcht vor geträumten und wirklichen demokratischen Bestrebungen in Deutschland wächst. Der Gustav-Adolph-Verrin, seine Bildung in Hessen, Sachsen und Preußen, sein Verbot in Baiern und die Darlegung der Gründe desselben in der Augsb. Allg. Ztg., endlich das Protektorat des Königs von Preußen, sind Zeichen der Zeit, die für den Juden keineswegs günstig sind. Wollte Gott, ich täuschte mich, ich hoffe es, aber — gegen meine Ucberzeugung. Unter diese« trüben Aussichten hat der neulich in den Zeitungen, auch in Ihrem Blatte besprochene Auswanderungsplan nach Amerika eine große Bedeutung. Der Nesormverein liegt mit Recht jedem besser und tiefer denkenden unter den Juden am Herzen, aber dieses Projcct jMe man mit demselben Ernste behandeln. ES ist gegen meinen Zweck mich jetzt darüber zu verbreiten; ich werde jedoch in einem andern Artikel später darauf zurück kommen. Ich habe Ihnen nun gesagt, was wir zu hoffen haben, — nichts; ich muß Ihnen nun noch nachtragen was wir bereits errungen haben — gar Weniges. Vor Allem sei erwähnt, daß Baiern eine adelige Familie — die von Hirsch'sche — besitzt, ferner daß der Frankfurter Rothschild bairischer Consul ist. Der Jude kann bei unS weder StaatSdicner noch Gemeindevorstand, begreiflicher Weise auch kein Landtagsabgeordnctcr werden. Die Advokatur kann er nach einer Ministerialerklärung zwar erlangen, aber die Wirklichkeit weist nur einen jüdischen Advokaten, vr. Grunsfeld in Fürth aus; seit der geraumen Zeit der Anstellung desselben ist nicht nur kein anderer Jude zu einer Advokatur gelangt, sondern man hat auch keinen jüdischen Praktikanten zum Aceeß bei den Appcllationsgcrichtcn gelassen. Gegenwärtig werden noch drei oder vier jüdische Jünglinge bei Landgerichten oder Advocaten prakticiren, eben so vielte haben der juridischen Laufbahn bereits entsagt. Einer davon, der Sohn eines in München und selbst bei Hofe hochgeachteten Großhandlungshauses, hat alle Saiten aufgcspannt — vergebeus, jetzt ist er, wie ich höre, Factor in einer Fabrik seines Bruders, der zweite hat ein reiches Mädchen heimgcsührt und lebt der goldncn Muse, der dritte redigirt eine politische Zeitung, und der vierte endlich ist Christ geworden. — Beim Militär haben wir einen Hauptmann — er wurde als Lieutenant vor langer Zeit augestellt; ferner einen militärischen Arzt, und zwar einen Regimentsarzt. Daß ein Jude jetzt noch in^dieser Branche^angestellt werde, daran ist nichtzu denken; jedoch kann unsere adelige Familie ihre Kinder ja in das KadettenhauS schicken, dessen Zöglinge Offiziere werden müssen. — In Augsburg ist ein Jude in einer landwirthschaftlichen Schule als Lehrer angestellt; vor einigen Jahren war ein Jude Repetitor am Würzburger Gymnasium, darüber wurde in einem katholisch kirchlichen Blatte Lärm geschlagen und der Repetitor

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