Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1844)
- Date
- 1844-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566935--0999-2568730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 was er im Eingang über die Berechtigung eines solchen Vereins sagt? Diese Bemerkungen veranlassen mich einen Wunsch auszusprechen. Eine Anzahl Rabbinen bat beschlossen in diesem Sommer eine Zusammenkunft zu halten/ welche sich jährlich erneuern soll. Nach den vorläufigen Bestimmungen soll jeder, der ein Rabbinat oder regelmäßiges Predigtamt versieht, zugelassen werden. Ich will es den Herren, welche sich zur ersten Versammlung angemeldet haben, und unter denen ich die Namen mehrerer lieben Freunde bemerke, ich will es ihnen dringend ans Herz legen, diese Bestimmung so bald als möglich abzuändern. Es würden sonst nicht blos die bedeutendsten Männer unter uns von dieser Versammlung ausgeschlossen, sondern auch die falschen Vorstellungen über das Verbaltniß von Geistlichen zu Laien auf eine bedenkliche Weise gefördert. Gewiß denkt keiner dieser Herren daran, eine Synode bilden zu wollen, aber können sie dafür stehen, daß dieser Gedanke sich nicht allmälig bei späteren Versammlungen einschleicht? Und wenn sie Fragen von so allgemeines Interesse, wie z. B. über die Gründung einer jüdisch - theologischen Facultät in den Kreis ihrer Berathungen ziehen, so muß es ihnen selbst erwünscht sein, die Stimme von Männern wie Dr. Jost, Dr. Ricßer, Dr. Steinheim, Dr. Zunz und vieler Anderen nicht zu vermissen. Nach den Statuten der jährlichen Versammlungen deutscher Naturforscher, die ja allen ähnlichen Versammlungen zum Vorbilde gedient haben, zerfallen bekanntlich die Theilnehmer in stimmfähige und nicht stimmfähige, und werden zu der ersten Klasse nur diejenigen gerechnet, welche sschon als Schriftsteller in einem naturwissenschaftlichen Fache aufgetreten sind. Es wäre wünschenswerth, daß eine ähnliche Bestimmung auch in Beziehunng auf die Rabbinenverfammlungen getroffen würde, so daß nemlich alle Juden, welche sichere — schriftstellerische oder sonst genauer zu bestimmende — Beweise ihrer Befähigung, über Angelegenheiten des Judenthumes zu ertheilen, gegeben hätten, als stimmfähige, andere aber nur als passive Theilnehmer zugelassen würden.- (Forts, folgt.) Geschichte des Tages. Vom Rhein im Mai. (Corresp.) So wird nun doch die Nabbinenzusammenkunst zu Stande kommen; nun, Glück aus! Meine herzlichen Wünsche begleiten die Reisenden; mögen sie etwa- Ordentlichezu Stande bringen! Rabbine Wechsler in Oldenburg erhält die Reisekosten aus der großherzoglichen Kaffe; man möchte manchem größeren deutschen Staate eine solche treffliche Gesinnung wünschen. In Frankfurt hat man sich groß» Hoffnungen gemacht, die Versammlung dort abgehalten zu sehen. Es ist eine etwas starke Prätension von einer Gemeinde, die keinen Vertreter zu derselben absendet. Daß die Stimmung dort noch immer eine sehr aufgeregte ist, können Sie sich denken. Ueber den „Israeliten" hat Hr. L. S. seine Galle im „Orient" ausgeschüttet; daß Hr. L. S. sich über einen ehrlichen Israeliten ärgert, ist nicht befremdend. Dennoch sind die „Alten" ziemlich weich und mürbe; mit dem Munde machen sie gern Concessionen, aber wenn es zur That kommt, dann kommt der Eigensinn und die Herrschsucht wieder und drückt die gute Gesinnung nieder. Frankel's erstes Heft, resp. sein mittelmäßiger Aussatz über mittelmäßige Reformen mißfällt dort allgemein. Die Bessern, d. h. die Männer, die gern, aus eine Lehre sich stützend, vorangehn möchten, erwarten viel von den Beschlüssen der zusammenkommenden Rabbinen; sie möchten den zweiten Festtag, die Trauergebräuche u. s. w. abgeschasst haben. Ob aber wol ein Rabbine den Muth haben wird, am zweiten Festtage in der Synagoge daS Wocheugebet verrichten zu lassen? Offen gestanden, halte i ch von den Resultaten dieser Zusammenkunft nicht viel, und egenügt mir, daß Männer zusammenkommen, einander persönlich kennen lernen und eine persönliche Verständigung einleiten. Die Wackern unter ihnen müssen jedenfalls mit dem einmüthigen Vorsätze hingehn, sich jedem Vorschläge zu widersetzen, resp. nicht anzuschließen, der auf eine, sei es dogmatische, sei eö praktische, bindende und einengende Norm des Judenthums hinausläust. *) Wie es heißt, bereitet man von einer gewissen Seite solche Dinge vor und will damit zur Zeit auftischen. Ich denke, es ist nicht überflüssig darauf aufmerksam zu machen. — Daß Rothschild sein Versprechen, die Kosten zu einem neuen Synagogenbau in Frankfurt zu tragen, zurückgenommen und der Vorstand dabei sich so männlich benommen, haben Sie sicher schon aus den öffentlichen Blättern erfahren; es ist gut, daß eS so gekommen, wieder ein Hemmschuh weniger! Oberrabbine Kahn in Trier steht in unserer Gegend sehr gut, und sein Einfluß ist nicht unbedeutend. Am ersten Tage *) Das genügt unserer Überzeugung nach nicht. Di« Wackeren müssen mehr thun, müssen sich zu höheren, reformatorischen, fruchtbringenden Prinzipien vereinigen, wenn sie auch damit jetzt und in dieser Versammlung in der Minderheit Met«, ben. Uebrigens möchte bei mehreren dringenden Reformen, z. B. der Umgehung kleinlicher juristischer Formen bei rituellen Handlungen, der Abschaffung der chaldäischen Sprache hierbei u. a. auch eine Zustimmung der Mehrheit zu gewärtigen sein. Red.