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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-09 · Heft 23 (9.6.1844) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 23 (9.6.1844)
Date
1844-06-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1$1 nichts davon gemerkt haben? so wäre es jedenfalls Ihre Wicht gewesen, diese edlen Lebenskeime etwas deutlicher anzugeben, damit wir in uns gehen und uns bessern. „Ihr kennt das Leben der Juden nicht", ist das nicht komisch. Männer, wie die Frankfurter Reformfreunde, die in einer der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands leben, zum Theil die Angelegenheiten dieser Gemeinde zu leiten haben, ist es nicht komisch, solchen ins Gesicht zu sagen, daß Sie die Juden nicht kennen? Aber wie wenn wir Ihnen das zugäoen, wenn wir wirklich die Juden nicht kennten, sondern erst den Versuch gemacht hatten, sie kennen zu lernen, denn wir haben ja nur das ausgesprochen, was wir selbst über gewisse Dinge im Judenthum denken, ob es noch viele andere giebt, die ebenso denken, das wollen wir eben erst erfahren, eben darum haben wir die Gleichgesinnten zum Anschlüsse aufgefordert. Wenn sich keine solche fanden, so hatten wir unserer Pflicht genügt, so wußten wir, daß der gegenwärtige Zustand des Judenthumcs ein heilloser ist, so wußten wir, daß „in einigen Jahrzehcnden Israel in völliger Auflösung begriffen sein wird." „Ihr kennt den Talmud nicht, sonst würdet Ihr wissen, wie sein tausendfaches Geäder sich so lief in das gesammte Judenthum verschlingt." Wie diplomatisch! wie pastoralklug! Hätten Sie noch gesagt: Ihr kennt den Talmud nicht, sonst würdet Ihr wissen, daß er in praktischer und dogmatischer Hinsicht allerdings eine Autorität für Euch haben muß: so wäre das wenigstens ein ehrlicher Widerspruch, wenn auch noch keine Belehrung gewesen. Aber was soll uns die Schnake vom tausendfachen Geäder, die nicht warm und nicht kalt ist, die weder uns noch der Orthodoxie zustimmt, es weder mit uns noch mit ihr verdirbt? Denn darüber ist alle Welt einig, daß der Talmuo dem Judenthum in allen Gliedern sitzt, die Frage ist blos, ob wie ein gesunder Nervensaft oder wie ein verderblicher Knochenfraß. „Ihr kennt den Talmud nicht." Ich muß wenigstens, so weit diese Einrede der Ignoranz mich selbst betrifft, entschieden protestiren. Was gilt die Wette, Herr Rabbine, daß ich den Talmud gerade so geläufig lese, wie Sie. Ich habe leider den besten Theil meiner Jugend an diesem Studium verloren und will das wenigstens davon haben, daß man mir nicht so ohne Weiteres Unkenntniß des Talmuds vorwerfen soll. Ich kenne den Talmud recht gut, ich weiß, daß er manches Schöne, Erhabene, Tiefsinnige enthält. Eine so arge Satyre hat der Mcnschengeist noch nie aus sich! gemacht, daß er viele Bände ausgeheckt hätte, m welchen! sich gar Nichts fände,' was den göttlichen Funken ver-! riethe. Was an dem Talmud ist, daS soll ihm bleiben.! Wir haben nur seine Autorität, nicht seinen historischen i Werth abgeläugnrt. Aber ich weiß auch, daß er sich! auf eine erträumte, wenn nicht erlogene, Tradition stützt, daß seinwichtigsten Satzungen auf einer Bibelerklärung i beruhen, die eines Tollhauscandidaten würdig sind, daß überhaupt seine meisten Erörterungen mehr dem Unsinn eines Fieberkranken als der Logik eines gefunden Gehirns entsprechen, daß er überall die krasseste Ignoranz in aller , Wissenschaft und Kunst zeigt, daß er von Aberglauben j wimmelt, wie er kaum noch in einer Köhlerhütte anzu-! treffen ist, dazwischen faustdicke Unflätereien, über welche j die liederlichste Weibsperson erröthen müßte. Und diese! Sudclköcherei sollte uns der fortschreitende Rabbinismus als eine gesunde Speise empfehlen? Das kann ich Ihnen unmöglich aufs Wort glauben. Sie haben die Güte und leihen mir auf einige Augenblicke Ihre „reine Leuchte", ich will einmal im Arsenal des fortschreitenden Rabbinismus herumstöbern, ich meine in der „Wissenschaftl. Zeitschrift für jüd. Theologie", zu deren Mitarbeitern ja auch Sie gehörten, da muß sich doch wol Ihre Ansicht wiedcrsinden. Indessen wer weiß, wcnns Glück gut geht, entdecke ich dort ein Winkelchen, in welchem wir uns vor Ihrem Zornesrufe verbergen können. Doch was Winckclchcn, da finde ich gleich einen weitläufigen Aufsatz, der die Sache ins Reine bringen soll. Lesen Sie gefälligst im zweiten Hefte des dritten Bandes die Abhandlung „die Judenheit und das Judenthum", lesen Sie dieselbe aber aufmerksam, ich werde mir unterdessen erlauben, da wir doch einmal öffentlich sprechen, einiges, auf das ich durch eine nahe liegende Gedankenverbindung komme, vor dem Publikum laut zu denken. Das Judenkhum kannte einst einen Unterschied zwischen Laien und Priestern, einen Unterschied zwischen Laim und Geistlichen hat es nie gekannt. Der Jude kennt keine Mittelsperson zwischen Gott und seinem Gewissen, hat keinem in religiösen Dingen zu gehorchen und keinem Rechenschaft zu geben. Das Judemhum hat einen ganz anderen Gegensatz ausgebildet und zwar dm einzig natürlichen. Wie Berlichingens Reitersbub nur zwei Klassen von Menschen kennt, Brave und Schurken, so kennt auch das Judenthum in Beziehung aus das Gesetz nur zwei Klassen von Menschen, solche die es verstehen und solche die es nicht verstehen. Wer es versieht, kann in allen zweifelhaften Fällen entscheiden, kann alle Funkrw-

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