Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-09 · Heft 23 (9.6.1844) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 23 (9.6.1844)
Date
1844-06-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2566911-2566935--0996-2568727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

180 Nutzen, den es stiften soll, durch daraus entspringende Nachtheile überwogen würde, man könnte uns vielleicht Nachweisen, daß wir andere höhere Pflichten verletzten, indem wir der Pflicht, gewisse Wahrheiten auszusprechen, genügten. Sie haben uns nach beiden Seiten hin vcrurtheilt, sehen wir nun einmal genauer zu, wie Sie das angefangen haben. Wiewol Ihr Nachtrag (S. 764) mit den Worten beginnt: „wenn schon die drei Satze einen öffentlichen Tadel verdienen", so finde ich dennoch in Ihrer ganzen Beleuchtung nicht ein einziges Wort gegen den dritten Satz, den Messiasglauben betreffend, vorgebracht. Ich weiß in der That nicht, wie ich mir das erklären soll. Stimmen Sie hierin mit uns überein oder nicht? darüber hätten Sie sich doch wol ganz bestimmt erklären müssen und Sie beobachten ein tiefes Stillschweigen. Wermuthungen mag ich hieran nicht knüpfen, genug, Sie schweigen und daher muß ich, zu meinem großen Bedauern ebenfalls schweigen. Ich bin überzeugt, daß ich in keinem Punkte leichteres Spiel gehabt hatte, als gerade in diesem, wenn Sie cs gewagt hätten uns zu widersprechen. Die Aeußerungen des fortschreitenden Rab- Linismus über diesen Punkt sind so zahlreich, daß ich in Verlegenheit wäre, wenn ich die schlagendsten auswählen sollte. Ich will mir erlauben nur eine anzuführen, die von einem Manne herrührt, der wol nicht minder berechtigt ist als Sie, den fortschreitenden Rabbinismus zu repräsentiren. Sie findet sich in seiner Schrift: „über die Autonomie der Rabbinen" S. 53, u. Es kann fürwahr kein traurigeres Zeichen der Lauheit, die im Judenthume herrscht, geben, als die geringe Wirrung, welche diese über alles Lob treffliche Schrift bis jetzt hcrvorgebracht hat, da sie unter andern Umstanden allein hätte genügen müssen, augenblicklich eine Revolution im Judcnthum hervorzurufen. Die Orthodoxie hat diese Schrift gänzlich ignorirt, ihre sonst allezeit fertigen Kläffer haben es nicht gewagt sie anzufallen, nicht einmal anzuknurren, sie wußten wol warum; wo der Verstand fehlt, Hilst der Instinkt. Die erwähnte Stelle lautet: „Wol steht die Idee, daß ein jüdischer Staat wieder erstehe, an sich nicht im Widerspruche mit der Anhänglichkeit an das Vaterland, gleichwol aber der auf diese Idee begründete Wunsch, daß der jüdische Staat wiedererstehe und zwar deßhalb, weil dieser Wunsch als ein religiöser sich äußert und einerseits nicht nur die Möglichkeit als Idee, sondern auch die Gewissheit voraussetzt, andererseits den Glauben an die Wiedecherstellmy ausdrückt und an den Glauben die Sehnsucht danach knüpft, daß er sich bald verwirkliche. Nur dadurch, daß der Jude alles partikular-jüdisch Nationale aufgiebr, nur dadurch, daß er glaubt, er könne in jeder Staatsverfassung die Idee des Iudenlhums als eine religiöse wahren, kann er mit wahrer Anhänglichkeit seinem Vaterland angehören. Ist cs aber für ihn religiöse Gewissenssache, daß der jüdische Staat wieder erstehe,. so kann es ihm mit der Trennung des Politischen vom Religiösen, mit der Anhänglichkeit an das Vaterland kein Ernst sein." Klingt das nicht wie eine Umschreibung unseres dritten Satzes? und er sollte vom Standpunkte des fortschreitenden Rabbinismus aus öffentlichen Tadel verdienen? Gehen wir nun zum zweiten Satze fort. Hier dürften wir eine recht gründliche Belehrung erwarten, denn hier handelt es sich um den eigentlichen Angelpunkt der Reform, um das Ansehen des bisher in Lehre und Leben unumschränkt herrschenden Talmuds. Die Folgen einer Lossagung vom Talmud sind in materieller wie in geistiger Beziehung unermeßlich, hier, wenn irgendwo, war cs Ihre Pflicht, uns die Sündhaftigkeit unseres Besinnens nicht blos mit Wärme, sondern auch mit Gründlichkeit, auseinander zu setzen, und was thun Sie? Sie schweigen zum zweiten Male, oder vielmehr Sie schweigen nicht, Sie schimpfen. „Ihr kennt nicht", und noch einmal, „Ihr kennt nicht", und abermals, „Ihr kennt nicht" (S. 762). Und das nennen Sic eine Beleuchtung? so eine Beleuchtung mag wol in Burgkundstadt sein, wenn Mondschein im Kalender steht und der Himmel voll Wolken hangt. Woher haben Sie denn diese Allwissenheit? Denn sehen Sie, ich bilde mir ein, mit den Reformfreunden in nicht minder genauer Beziehung zu stehen, als Sie, und dennoch kenne ich nur einen Theil derselben und würde mir nicht, ohne eine ungebührliche Anmaßung, ein Gesammturtheil über deren Kcnntniß jüdischer Zustande erlauben dürfen. „Ihr kennt das alte Judenthum nicht, sonst würdet Ihr wissen, wie viel edle Lebenskeime in demselben liegen." Ist das alte Iudenthum und die Autorität des Talmuds einerlei? Und warum sollten wir denn das nicht eben so gut kennen wie Sie? Etwa weil wir noch keine Gedichte auf die Chanukkalichtchcn gemacht haben? Sind wir weniger als Sie zu den Uebungen des alten Judenthums angehalten worden? oder haben Sie allein die edlen Lebenskeime herausgefunden/ während wir gar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.