Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1844)
- Date
- 1844-06-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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m len, ohne jedoch über die unmittelbare Größe dieses Schrittes vollkommen einverstanden zu sein. Daher beschränkte man sich auf das Nothwendigste, auf das, wovon man hoffen konnte, daß es in weiten Kreisen Zustimmung finden würde. Fanden auch einzelne hierin noch nicht den Ausdruck ihrer vollen Ueberzeugung, so mußten sie sich sagen, daß sie eben nur einzelne seien, daß es aber zunächst darauf ankäme, Gemeinden zu bilden, wie der fortschreitende Rabbinismus sie verlang! hatte, Gemeinden, auf welche diese gestützt, das Werk der Fortbildung des Judenthumes, nach ihrer tieferen Kenntniß der besonderen Verhältnisse, fortführen könnten, sie mußten sich sagen, daß man zum Guten Mitwirken müsse, wo das Bessere nicht zu erreichen sei. Als das unumgänglich Nothwendige erkannte man nach reiflicher Erwägung die drei Sätze der bekannten Erklärung, die, mit der Aufforderung an Gleichgesinnte sich anzuschließen, in die Welt geschickt wurde. Dies ist in Kurzem die Urgeschichte des Reformvereins. Daß die Unvernunft ein solches Beginnen nicht ruhig ertragen würde war vorauszusehen. Es kann ja keine noch so harmlose Erscheinung in unserer Zeit' auftauchen, ohne daß sie von höllischem Geschrei begrüßt würde. (Fortsetzung folgt.) Geschichte -es Dag es. Freie Städte. Hamburg im Mai. Ihr neuer Correfpondent aus Hamburg will seine Beiträge zu Ihrem geschätzten Blatte damit beginnen, daß er sich mit Ihnen, resp. mit Ihren Lesern zuvörderst über einige allgemeine Punkte verständigt. Sie klagen, daß von Hamburg so selten Nachrichten kommen, und in der That figuriren wir im Verhältniß in Ihrer Zeitschrift weniger, als anders wo; aber sind denn die Berichte über hier in den übrigen jüdischen Tagesblättern, wenn auch häufiger, darum interessanter und lesenswerther? Und allein aus Hamburg? Ist ein großer Theil von dem, was die jüdischen Blätter füllt, von dieser oder jener Gegend her, wirklich werth durch die Presse zur allgemeinen Kenntniß zu gelangen? Die Hand auf's Herz, und aufrichtig gesprochen: geschieht denn wirklich so viel Wichtiges, Interesse Erregendes, der Mittheilung wie des Lesens Werthes, daß so viele Spalten, Blätter, Bogen, Hefte wöchentlich oder monatlich damit gefüllt werden könnten. Sind der Zeitschriften in der That nicht zu viele? Sind denn die Fortschritte in. Israel wirklich dergestalt großartig, daß sie so vieler Organe zur Verkündigung bedürfen? — »Lassen Sie sich durch die Zeitungen nicht täuschen", schrieb mir vor 20 Jahren schon mein ehrwürdiger Lehrer aus Baiern, und die Gegenwart lehrt nur zu gut, wie richtig er urtheilte, »dieß Alles nimmt auf dem Papiere sich gar zu herrlich aus, in der Wirklichkeit ist es anders". Wie oft habe ich zeither an diese Worte mich zu erinnern Veranlassung gefunden! Wie viel, gestehen Sie es mir zu, würden wir anders finden, wollten wir eine Rundreise durch Europa machen, mit einer jüdischen Zeitschrift in der Hand als Wegweiser? Worein würde das Meiste, das durch Hülfe der Druckschwärze so glänzend sich darstellt, beim Anblick seiner natürlichen Färbung sich auflösen? — Sie sehen, es kommt Alles auf den Begriff an, welchen Redacteur, Mitarbeiter und Leser einer Zeitschrift mit dem verbinden, was denn der Mittheilung durch Schrift so wie des Lesens eigentlich würdig zu nennen sei. (Denn in Einer Hinsicht muß doch wol die Tagespresse, wie niedrig sie sich auch selber stelle, von der mündlichen Unterhaltung über Lappalien, vom Stadt- und Nachbarngeklatsch sich unterscheiden. —) Dies wird hoffentlich bei Ihnen, wie bei den Lesern, keinen Widerspruch finden: eine Zeitschrift soll den Interessen der Zeit und der Zeitgenossen dienen, entweder aus diesen Interessen hervorgehend, oder sie erst erregend, am liebsten beides zugleich bietend. DaS Interesse unserer Zeit aber heißt der Fortschritt, und dieser kann seiner Natur nach nur die Gegenwart und Zukunft vor Augen haben; die Vergangenheit bildet ein Zeitinteresse eigner Art, ihre Mittheilungen legt sie in sogenannten Archiven nieder und bewahrt sie der Wissenschaft und der Geschichte auf. — Fortschritt, ich sage eS noch einmal, ist das ausschließende Interesse unserer Zeit, die in der Bewegung allein ihr Leben erkennt und darin sich selbst bewußt geworden ist; nur was dem Fortschritt huldigt und dient, wird von ihr als ebenbürtig erkannt, Stillstand und Rückschritt aber beharrlich als ungeeignet abgewiesen und ausgeschiedeu werden. Wollen wir Israeliten an der allgemeinen Bewegung der Zeit Theil nehmen, so müssen wir uns von vorn herein zu dem Fortschritt bekennen. Sie, Herr Redacteur! haben bei Gründung Ihres Blattes diese Devise gewählt: »entschieden, freisinnig, muthvoll und wahr". Sie haben kürzlich aufs Neue diese Fahne entfaltet, indem Sie der Reform (ich unterscheide vorläufig die Reform io abstracto vor dem Reformverein in concreto) Ihre Spalten öffneten. Dem oben Gesagten zufolge hätte Ihr Blatt das meiste Interesse erwecken, die meisten Mitarbeiter herbeirufen, die meisten Leser gewinnen müssen. So hofften Sie gewiß und ich mit Ihnen. Wenn die Erfahrung indeß ein anderes Resultat geliefert haben sollte, so möchte damit der Beweis gegeben sein, daß es mit