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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-02 · Heft 22 (2.6.1844) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 22 (2.6.1844)
Date
1844-06-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«4 «enn Sie wirklich zum fortschreitenden Rabbinißmus zu zählen sind, dieser nothwendig die entgegengesetztesten Ansichten umfassen muß, daß in diesem Falle von einem Standpunkte desselben gar keine Rede fein kann, da er alsdann vielmehr, so zu sagen, eine weite Standebene haben muß, in der sich die verschiedensten Standpunkte einnehmen lassen. Denn es wird mir nicht schwer fallen, aus Aeußerungen, die unzweifelhaft dem fortschreitenden Rabbinismus angehören, nachzuweisen, daß dieser, wenn er nicht plötzlich anderes Sinnes geworden ist, den Reformverein aus einem Standpunkte beurtheilen muß, welcher dem Ihrigen gerade entgegengesetzt ist. Es wird mir nicht schwer fallen zu zeigen, daß der Reformverein den Wünschen entgegen gekommen ist, welche aus der Mitte des fortschreitenden Rabbinismus uns längst laut geworden sind, und daß Ihre Beleuchtung des Reformvereins eigentlich nur eine Beleuchtung des Lichtes ist, welches der fortschreitende Rabbinismus uns aufgesteckt hat. Ich würde dies noch ausführlicher zu thun im Stande sein, wenn mir nicht leider gerade die wichtigsten der einschlagenden Schriften fehlten, indessen wird auch das Wenige, was ich davon besitze, zum Beweise ausreichen. Der fortschreitende Rabbinismus hat, seitdem er geworden, bis auf den heurigen Tag, nicht aufgehört über die Zerfahrenheit des Judenthums zu wehklagen und die Nothwendigkeit durchgreifender Reformen hrrvorzuheben. Noch neulich erklärte ein fortschreitender Rabbine, daß das Judenthum zusehends seinem Untergange entgegen» eile, wenn nicht von Seiten der Rabbinen Abhülfe erfolge (Allg. Zeit. d. Judenth. Nr. 43 S. 641). *) Fragten nun aber die Laien: wenn ihr Männer des Fortschritts das einsehet, warum bleibt ihr beim bloßen Wünschen stehen? warum greift ihr nicht rüstig an? warum stehen eure Handlungen in so offenem Widerspruche mit eurem *) Beiläufig bemerkt hat der Redakteur der allg. Z. d. I. mit dieser Aeußerung des Hrn. vr. Herzfeld ein ähnliches Künste stück vorgenommen, wie man es auch an meinem berüchtigten Briefe an Hrn. vr. Rießer geübt hat, durch Anführung halber Phrasen einen Effect hervorzubringen, wie man ihn eben haben wollte. Ich war nicht wenig erstaunt in Nr. 45, die mir zufällig früher als Nr. 43 in die Hände fiel, zu lesen, der Braun, schweizer Rabbine habe in Nr. 43 erklärt, das Judrnthum eile zusehends seinem Untergang entgegen, wogegen der Redakteur mit bekannter Schreibweise und Logik loszieht. Daß Hr. vr. Herzfeld auch nach diesem Vorfälle noch Mitarbeiter an dem unpartheiischeu Organ geblieben ist, zeugt von einer Selbstverläugvung, die über meine Begriffe geht. Denken? mit einem Wort, warum heuchelt ihr? so lautet die Antwort: „Jene verderbliche Heuchelei könnte und würde nicht bestehen, wenn die Laien Ernst und Eifer für das wahrhaft Religiöse beseelte, wenn nicht Klugheit und nichts als Klugheit aus ihrem Munde wiedertönte, wenn sie nicht geradezu Heuchelei von den Rabbinen forderten. (Wiffensch. Zeitschrift für d. jüdische Theol. Bd. 1 S. 301.)" „Die Laien haben Schuld an dem unheilvollen Schwanken, an der unseligen Klugheit, sie tragen die Schuld, die Guten zu entmuthigen, die Schlechten in ihrer gemeinen engherzigen Selbstsucht zu bestärken. Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, daß nichts von von den Rabbinen geschieht u. f. w. (ebend. S. 305.)" Der Aufsatz, den ich Ihnen und andern zum gelegentlichen Wiederlesen empfehle, schließt mit den bedenklichen Worten: Noch einige Jahrzehende in diesem Sinne fortgefahren und Israel ist in voller Auflösung begriffen! Indessen war seit dem Erscheinen dieses Aufsatzes schon der größte Theil eines Jahrzehends verflossen und die Sachen standen noch immer, wenn nicht schlimmer, wie damals. Rabbinen und Laien warfen sich die Anforderung des muthvollcn Hervortretens wie einen Fangball zu, Rabbinen und Laien standen wie zwei Damen in einer bekannten Komödie, am Eingänge der Reform, und konnten vor lauter Höflichkeit nicht hinein kommen. Gehen Sie zuerst! sagten die Rabbinen zu den Laken. Sie haben den Vertritt. Gott bewahre, antworteten die Laien, das wäre wider den Rcspect, gehen Sie zuerst. Eine Anzahl entschlossener Laien will nun endlich diesem stände ein Ende machen. Die fortschreitenden Rabbinen wünschen, daß man ihnen vorangehe, man will es thun. Es mußte jedoch von vorn herein einleuchten, daß man darauf verzichten müsse, einen entschiedenen Fortschritt zu machen, der zugleich bei der Gesammtheit der Juden Eingang und Billigung finden würde. Es giebt unter uns, wie unter allen Religionspartheien, einen Bodensatz, der durch kein Umschütteln von der Stelle zu bewegen ist; von solchen mußte man ganz absehen. Von der andern Seite dürften aber auch nicht Einzelne unter den Berathenden ihr Verhältniß zum Bestehenden als maßgebend ansehen, da es sich um eine Reform handelte, über die sich eine möglichst große Anzahl Juden vereinigen sollte. Die Grundsätze dieser Reform mußten daher so bestimmt werden, daß sie allen denen genügte, welche einen entschiedenen Fortschritt als Bedürfniß süh-

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